Migrationsbericht

Berlin ist die Stadt des Kommens und Gehens

2009 gab es laut neuestem Migrationsbericht der Bundesregierung erneut mehr Fort- als Zuzüge von Ausländern. In keinem Bundesland ist der Austausch so groß wie in Berlin.

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Beunruhigend findet Berlins Beauftragter für Integration und Migration, Günter Piening, die Zahlen des neuen Migrationsberichts für Deutschland. "Es gibt bundesweit und auch in Berlin den Trend, dass gerade die gut ausgebildeten Einwanderer der zweiten und dritten Generation anderswo neue Perspektiven suchen", sagte Piening Morgenpost Online. Das habe zum einen berufliche Gründe, aber auch das gesellschaftliche Klima spiele eine Rolle. "Die Sarrazin-Debatte trifft gerade die türkische Mittelschicht, die sich davon besonders angewidert fühlt", sagte Piening. Er befürchtet, die Debatte könne zu noch mehr Abwanderung aus Deutschland führen.

Der am Mittwoch vorgelegte Migrationsbericht des Bundesinnenministeriums beschreibt zum zweiten Jahr in Folge, dass mehr Menschen Deutschland verlassen als zuwandern - auch in Berlin. 2009 kamen demnach 53.306 Menschen aus dem Ausland in die Hauptstadt, 61.142 Menschen verließen Deutschland von Berlin aus. Das ist ein Minus von 7836.

"Wir sind ein Auswanderungsland, wir müssen aber allein aus ökonomischen Gründen ein Einwanderungsland werden", sagte Piening. Die aktuelle Integrationsdebatte sei dafür wenig hilfreich, dabei biete der derzeitige wirtschaftliche Aufschwung eigentlich die besten Chancen, um gut ausgebildete Fachkräfte ins Land zu locken - und im Land zu halten. "In Berlin diskutieren immer mehr Unternehmen darüber, wie sie junge Schulabgänger mit Migrationshintergrund für eine Ausbildung oder ausländische Fachkräfte gewinnen können", sagte Piening. "Die Wirtschaft verhilft uns zu Rückenwind bei der Integration." Die kommenden Jahre seien für Berlin integrationspolitisch entscheidend, um gerade jungen Migranten eine Perspektive zu geben.

Höchste Abwanderungsquote

Seit dem Jahr 2000 haben noch nie so viele Ausländer aus Berlin Deutschland den Rücken gekehrt. In Relation zur Gesamtbevölkerung weist Berlin dennoch den höchsten Zuzug, aber auch die höchste Abwanderungsquote aller Bundesländer auf, gefolgt von Hamburg und Bremen. Nur in Niedersachsen, Baden-Württemberg und Hessen kamen mehr Zuwanderer, als Personen fortgingen.

Laut Bundesinnenministerium ging auch die Zahl ausländischer Staatsangehöriger insgesamt leicht zurück. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung Deutschlands blieb seit Mitte der Neunzigerjahre aber nahezu unverändert und liegt nun bei 8,7 Prozent. Gut jeder dritte Ausländer in Deutschland ist ein EU-Bürger. Davon stammen gut elf Prozent aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten. Die größte Ausländergruppe bilden, trotz eines erneuten Rückgangs, nach wie vor türkische Staatsangehörige mit 24,8 Prozent. Rund 96 000 Ausländer ließen sich 2009 einbürgern. Mehr als die Hälfte von ihnen (53,7 Prozent) behielten ihre bisherige Staatsbürgerschaft. Rund 49.000 Ausländer, die 2009 nach Deutschland kamen, heirateten jemanden, der in Deutschland lebt.

Hier zu studieren gehört laut Bericht nach Familiennachzug und Erwerbstätigkeit zu den drei wesentlichen Gründen, um nach Deutschland zu kommen. Im Jahr 2009 schrieben sich rund 60.900 ausländische Studienanfänger in Deutschland ein. Das waren so viele wie nie zuvor. Der Sprecher der Bundesregierung, Steffen Seibert, sagte dazu: "Deutschland ist mittlerweile hinter den USA und Großbritannien das bei ausländischen Studenten drittbeliebteste Studienland." Darin liege ein enormes Potenzial, das bislang zu wenig genutzt werde. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), forderte, die Studenten mehr zu motivieren, sich nach dem erfolgreichen Abschluss ihres Studiums in Deutschland einzubringen. "Darüber hinaus kommt es darauf an, auch mehr bereits gut qualifizierte Zuwanderer für unser Land zu gewinnen", sagte sie. Die Zahl der Arbeitsmigranten ist 2009 nämlich gesunken. Die Zahl der Arbeitsgenehmigungen für Drittstaatsangehörige ging von 78.845 im Jahr 2008 auf 60.028 im Jahr 2009 zurück.

Nur 169 Hochqualifizierte kamen

Für Hochqualifizierte ist Deutschland den Zahlen nach wenig attraktiv. Obwohl im Zuwanderungsgesetz der Zuzug von Hochqualifizierten wie Wissenschaftlern, Lehrkräften oder Spezialisten erleichtert wurde, nahmen 2009 nur 169 Menschen diese Erleichterungen für die Niederlassungserlaubnis in Anspruch, nur zwölf mehr als im Vorjahr. Insgesamt besaßen Ende 2009 1782 Ausländer, darunter 351 Frauen, eine Niederlassungserlaubnis als Hochqualifizierte.

Die größten Gruppen der Hochqualifizierten stellten Zuwanderer aus den Vereinigten Staaten und der Russischen Föderation. Aus den USA sind etwa die Hälfte als Führungskräfte tätig und kommen somit als Spezialisten mit einem entsprechend hohen Gehalt nach Deutschland. Sie sind zudem älter als der Durchschnitt der Befragten und planen in fast 80 Prozent der Fälle, nur kurz- oder mittelfristig in Deutschland zu bleiben. Dagegen kommen aus der Russischen Föderation und anderen osteuropäischen Ländern überwiegend Naturwissenschaftler, Architekten und Mediziner.

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