Der Triumph von Daniel Cohn-Bendit (64) und seiner Liste Europe Ecologie, die auf 16,3 Prozent kam, zählt zu den bemerkenswertesten Ergebnissen der Europawahl. Erst vor einem Jahr hoben die französischen Grünen den aus Deutschland entsandten Europaabgeordneten auf ihren Schild. Er setzte – als einziger in Frankreich – konsequent auf Europa- und Umweltthemen. Mit Erfolg: Der wegen seiner früher roten Haare „Dany le Rouge“ (der rote Dany) genannte Politiker landete mit seinem Parteienbündnis nur 0,2 Prozentpunkte hinter den total zerstrittenen französischen Sozialisten auf Platz drei – weit vor Francois Bayrou und dessen Zentrumspartei Modem.

Geboren wurde Cohn-Bendit im südwestfranzösischen Montauban als Sohn eines jüdischen Anwalts aus Deutschland. Nach den Studentenprotesten war er mehrere Jahre in Frankfurt am Main Dezernent für multikulturelle Angelegenheiten. 1994 wurde er für die deutschen Grünen ins Europaparlament gewählt. Der zweisprachige Cohn-Bendit wechselte dann mühelos die Seiten: 1999 ließ er sich für die französischen Grünen wiederwählen, 2004 erneut für die deutschen.

Welt am Sonntag: Die Europawahl war in verschiedenen Ländern eigentlich nicht die Wahl für Europa, sondern ein Befund über die jeweilige nationale Regierungspolitik. War das in Frankreich auch so?

Daniel Cohn-Bendit: Verschiedene Parteien, die Linken, die Sozialisten und auch die Zentrumspartei, haben versucht, diese Wahl zu einer Sanktion gegen Präsident Nicolas Sarkozy zu stilisieren. Wir haben eine andere Strategie verfolgt, ein europäisches Projekt propagiert. Wir wissen, was wir an Europa haben, das wollen wir verteidigen, und wir wollen die ökologische Transformation Europas.

Welt am Sonntag: Also ein starker Europawahlkampf. Hat da der Gedanke eine Rolle gespielt, dass es in Europa nicht selbstverständlich ist, dass es keine Grenzen und keinen Krieg gibt?

Cohn-Bendit: Es fing an mit der Geschichte Europas. Es ging um Visionen und Träume, das Wunder vom Rhein, das Wunder von der Oder. Und jetzt steht ein neuer Traum an, für manche ist es ein Albtraum: Der Bosporus. Und das Verhältnis zu Israel, Palästina. Das war die eine Ebene. Und die zweite Ebene: Europa hat eine Bringschuld. „Yes, we can“ hat eigentlich Europa erfunden. Wir können alles überwinden. Und wenn das so ist, ist der Traum eines sozialen und ökologisch verantwortlichen Europa etwas, was wir schaffen können.

Welt am Sonntag: Ihr Parteienbündnis ist sehr heterogen. Wie lange wird es halten?

Cohn-Bendit: Als wir vor acht Monaten angefangen haben, sagten alle, das hält nie einen Wahlkampf lang. Aber es hat nicht nur gehalten, sondern sich sogar verbessert. Warum? Natürlich waren und sind wir heterogen in dem Sinne, dass Leute dabei sind wie der ehemalige Bauernführer Bové, die den Verfassungsvertrag von Lissabon ablehnen. Aber Bové ist kein Euroskeptiker, er ist kein nationaler Souverän ist. Er ist ein radikaler Föderalist und meinte, dass der Verfassungsvertrag eine bestimme Wirtschaftsordnung zementiere und keine Verfassung sei. Darüber lässt sich streiten. Wir haben dann aber beschlossen, nicht immer in den Rückspiegel zu schauen.

Welt am Sonntag: Wie ist es Ihrer Liste gelungen, derart deutlich an Bayrou und seiner Modem-Partei vorbeizuziehen?

Cohn-Bendit: Bayrou, der ja im Präsidentschaftswahlkampf mit 17 Prozent einen sehr großen Erfolg verbuchen konnte, hat im Europawahlkampf einen entscheidenden strategischen Fehler gemacht. Er hat gesagt, wir sind eine europäische Partei und darauf baue ich meine Grundsatzkritik an Sarkozy auf. Wir haben gesagt, das ist im Grunde genommen eine Entführung Europas. Wenn wir alle nicht über Europa reden und auch keine Pädagogik entwickeln, also Europa erklären, dann haben wir keine Chance. Eine Zeit lang haben die Medien die Härte Bayrous gegenüber Sarkozy goutiert. Aber irgendwann kam der Schwenk: Wo bleibt Europa? Die französische Präsidentschaftswahl ist erst 2012.

Welt am Sonntag: Ist Sarkozy denn nach der Europawahl geschwächt?

Cohn-Bendit: Sarkozy strahlt wie ein Honigkuchen. Die Sozialisten sind geschwächt, Bayrou ist geschwächt – was kann Sarkozy besseres passieren? Und der einzige, der wirklich gestärkt ist, der erklärt, er werde nie für die Präsidentschaft kandidieren.

Welt am Sonntag: Und warum wollen Sie 2012 nicht kandieren?

Cohn-Bendit: Weil ich dazu überhaupt keine Lust habe. Präsident sein ist kein Leben. Man kann einen Wahlkampf führen, wenn man von innen heraus überzeugt ist: Das, wofür ich kämpfe, das will ich. Meine Identität ist verknüpft mit Europa, mit der europäischen Demokratie als europäischer Abgeordneter. Wenn ich morgen anfangen würde, Wahlkampf um das Amt des französischen Präsidenten zu machen, würde ich schlecht sein. Weil ich nicht daran glaube, weil es nicht von innen heraus kommt als ein Wunsch, als ein Bedürfnis.

Welt am Sonntag: Sie haben rund 38.000 Stimmen weniger als die Sozialisten bekommen. Auch in anderen europäischen Ländern waren die Grünen erfolgreich. Sind die früher großen Volksparteien bald am Ende?

Cohn-Bendit: Das Grundproblem ist die europaweite Krise des sozialdemokratischen Projekts. Das Projekt hatte geglaubt, sich in die Moderne retten zu können mit dem ehemaligen britischen Premierminister Tony Blair und seiner New Labour. Das ist aber am Irak-Krieg und an dem Ende von Blair in England selbst gescheitert. Alle Versionen des sozialdemokratischen Projekts sind danach in sich zusammengebrochen, ob das jetzt die SPD ist oder die Linke, die im Grunde genommen nur eine radikal getünchte Ausdrucksform des sozialdemokratischen Projekts ist. Sie haben nichts anzubieten. Das ist der Grund, warum die Sozialisten, die Sozialdemokraten in Europa so schlecht dastehen.

Welt am Sonntag: Die SPD bei etwas mehr als 20 Prozent – muss man sich um die Partei, die ja ein stabiler Faktor der Republik war, Sorgen machen?

Cohn-Bendit: Spannend wird sein, was am 27. September in Deutschland passieren wird. Entweder gewinnt Schwarz-Gelb – c’est la vie. Dann werden Angela Merkel und Guido Westerwelle zeigen, was sie können. Da bin ich mal gespannt. Da kann man nicht mehr taktieren.

Welt am Sonntag: Und wenn nicht?

Cohn-Bendit: Dann muss bei den Verlierern das große Denken einsetzen. Es wird die Stunde der Politik im ursprünglichen Sinne sein. Sie müssen sich im Schnellverfahren völlig umorientieren. Das wird eine absolut spannende Situation. Da wird die Politik wieder im Vordergrund stehen, nicht die Ideologie. Die Grünen werden gut abschneiden. Sie sind ja geboren aus der Kritik an sozialdemokratischen und auch konservativen Projekten. Ich glaube, dass sie mit ihrem Ansatz „New Green Deal“ etwas haben, was wirklich einen neuen Gesellschaftsvertrag andeutet. Die Sozialdemokraten haben etwas Vergleichbares nicht.

Welt am Sonntag: Zurück zu Europa. Braucht es einen europäischen Präsidenten? Wenn ja, wie bringt man dieses Projekt in die Köpfe der Menschen?

Cohn-Bendit: Man muss die Idee einer parlamentarischen europäischen Demokratie stärken. Deshalb sollte ein Teil der Europaabgeordneten auf transnationalen Listen gewählt werden. Wir haben 750 Europaabgeordnete, 600 sollten wie jetzt in den einzelnen Ländern und 150 über transnationale Listen bestimmt werden. Jeder Wahlbürger hätte zwei Stimmen. Und die Spitzenkandidaten der transnationalen Listen wären dann die Kandidaten für den Posten des Präsidenten der Europäischen Kommission. Das Parlament müsste aus diesen Kandidaten den Präsidenten der Kommission wählen.

Welt am Sonntag: Stichwort Kommissionspräsident: Sie sind ja kein großer Anhänger des amtierenden Kommissionspräsidenten Manuel Barroso, der nun für eine zweite Amtszeit kandidiert. Was mögen Sie an ihm nicht?

Cohn-Bendit: Er ist ein richtiger Opportunist. Wenn Sie wissen wollen, was und wer Barroso ist, dann nehmen sie das Buch des früheren französischen Europa-Staatssekretärs Jean-Pierre Jouyet „Sechs Monate Präsidentschaft“ zur Hand. Lesen Sie dort die Seiten über Barroso. Das ist wirklich atemberaubend. Kurz zusammengefasst: Barroso gibt immer dem Recht, der zuletzt mit ihm gesprochen hat. Das heißt, wenn Sie mit ihm gesprochen und eine Vereinbarung erzielt haben, können sie nicht wissen, ob er sie hält, wenn nach ihnen noch jemand kommt.

Welt am Sonntag: Es gibt aber keine Mehrheiten, ihn zu verhindern…

Cohn-Bendit: Moment! Wenn es uns gelingt, ein Bündnis mit der Allianz der Liberalen und Demokraten, den Sozialdemokraten, den Grünen und der Linken gegen Barroso zu schmieden, auch um die Bedeutung und den Gestaltungswillen des Europäischen Parlaments zu unterstreichen, ist das Spiel offen. Es kommt darauf an, auf welche Seite sich die Euroskeptiker und Fraktionslosen schlagen werden.

Welt am Sonntag: Wer ist Ihr Wunschkandidat?

Cohn-Bendit: Wenn es uns gelingt, Barroso zu blockieren wie es vor fünf Jahren Briten, Polen und anderen mit dem Belgier Guy Verhofstadt gelungen ist, stehen vier Personen zur Debatte: Der dänische Ex-Premier Paul Nyrup Rasmussen, Guy Verhofstadt, der ehemalige italienische EU-Kommissar Mario Monti und die Irin Mary Robinson, die Menschenrechtbeauftragte der UN. Das Spiel ist offen, wenn alle politisch denken. Mit einer größeren Wahrscheinlichkeit für Barroso, das will ich nicht leugnen.

Welt am Sonntag: Sie haben ein Verfahren vorgeschlagen, wie das Europäische Parlament anders zusammengesetzt sein könnte, auch mit der Perspektive, einen Präsidenten anders zu wählen als bisher. Was müsste darüber hinaus getan werden, damit die Bürger Europas das Parlament als ihr Parlament und die Abgeordneten als ihre Abgeordneten wahrnehmen- was ja ganz offensichtlich heute noch nicht der Fall ist?

Cohn-Bendit: Der vor einem Jahr verstorbene ehemalige polnische Außenminister Bronislaw Geremek hat einen guten Vorschlag gemacht: Man müsste der europäischen Demokratie eine neue Dimension hinzufügen, eine Form von europäischen Referenden über Fragen von gesamteuropäischem Interesse. Es gibt zum Beispiel eine Debatte in Europa, ob es eine europäische Richtlinie über die Daseinsvorsorge geben sollte. Meiner Meinung nach könnte man die europäischen Bürger inhaltlich an die europäische Demokratie binden, indem man sie darüber abstimmen ließe. Oder über eine Vereinfachung der Dienstleistungsrichtlinien, eine Konvergenz über die Besteuerung von Unternehmen.

Welt am Sonntag: Wann wird es Ihrer Meinung nach eine europäische Armee geben?

Cohn-Bendit: Ich glaube, in den nächsten fünf Jahren wird es eine europäische Armee geben. Und diese europäische Armee wird die Frage der Existenz der Nato in ihrer derzeitigen Form neu aufwerfen. Es wird sich auch die Frage stellen, ob die UN unter dem Schirm des Sicherheitsrates eine Interventionsmöglichkeit braucht und welche.

Welt am Sonntag: US-Präsident Barack Obama hat Angebote an Europa gemacht, aber auch Forderungen gestellt. Wie stellen Sie sich die künftige Zusammenarbeit zwischen alter und neuer Welt vor? Zeigt die EU den Willen, Obamas Politikansatz zu unterstützen?

Cohn-Bendit: Es gibt verschiedene Termine, wo man das sehen wird. Kopenhagen wird ein solcher Termin sein, die Verhandlungen über den Klimaschutz im Dezember. Da müssen wir uns einigen. Die EU muss dann im Zusammenspiel mit den Institutionen, mit dem Rat und dem Parlament der Ansprechpartner von Obama sein – und nicht die einzelnen Nationalregierungen.