Uni-Vorlesung

Margot Käßmann als freischaffende Prophetin

Die ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann sagt, was alle evangelischen Bischöfe sagen – warum wollen die Menschen es trotzdem nur von ihr hören?

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Ein Business-Outfit hat Margot Käßmann für diesen Tag auswählt. Mit strahlendem Lächeln geht sie auf ihre zukünftigen Kollegen zu, schüttelt hier eine Hand, umarmt dort jemanden. An diesem Mittwoch beginnt ein neuer Abschnitt in ihrem Leben, wie sie selbst sagt. Mit einer Antrittsvorlesung über die multikulturelle Gesellschaft gibt sie ihren Einstand als Gastprofessorin an der Ruhr-Universität in Bochum.

Die Anziehungskraft der intellektuell wenig anspruchsvollen, sich auf wohlbekannten Wegen des linksliberalen Mehrheitsprotestantismus bewegenden Pastorin, die seit ihrem Rücktritt als hannoversche Landesbischöfin und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) kein höheres kirchliches Amt bekleidet, ist ungebrochen. Mit ihren zahlreichen Büchern, allen voran „In der Mitte des Lebens“, hat sie es zu einer Bestsellerautorin gebracht. Auch noch nach ihrer Rückkehr von einem viermonatigen Studienaufenthalt in den USA Ende 2010 strömen die Menschen in Massen zu jedem Käßmann-Auftritt. Im Bochumer Auditorium maximum sind es knapp 1700.

Die Erwartungen an die neue Dozentin sind hoch. Nichts weniger als eine „Politikanleitung“ erwartet etwa Dieter Ruppel von ihr, der aus Hattingen gekommen ist, um sich die Vorlesung anzuhören. Zudem verspricht er sich von der Theologin „Gegenpositionen zu Leuten wie Sarrazin“. Als die Dekanin der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Universität, Isolde Karle, sie auch noch als „Impulsgeberin und eine Persönlichkeit mit enormer Präsenz und Ausstrahlungskraft“ ankündigt, scheint sich Käßmann nicht nur geschmeichelt zu fühlen. „Nun traue ich mich kaum mehr etwas zu sagen, weil ich den Ansprüchen gerecht werden muss“, sagt sie, als sie ans Rednerpult im größten Hörsaal der Hochschule, dem Audimax, tritt.

Zuhörer im Bann

Schon nach wenigen Worten scheint die frühere Landesbischöfin von Hannover die Zuhörer aber in ihren Bann gezogen zu haben. Kaum ein Husten oder Rascheln ist im vollbesetzten Audimax zu hören. Als sie vom Oktoberfest in den USA erzählt, lacht ihr Publikum. „Man merkte, dass sie Predigerin ist, dass sie reden kann“, wird Studentin Sarah Ax später sagen.

Sie wolle sich auch in Zukunft in politische Diskussionen einmischen, hatte Käßmann am Vortag angekündigt. Denkanstöße wolle sie geben. So wie in ihrer Antrittsvorlesung. „Warum eigentlich“, fragt sie, „feiern wir nicht die ungeheure Integrationsleistung Deutschlands erst der Flüchtlinge aus dem Osten nach 1945 und schließlich der Italiener, Griechen, Jugoslawen, Türken und anderen Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen eingeladen wurden, in unserem Land zu leben?“ Statt Gelungenes zu sehen, starrten die Deutschen lieber auf Probleme, kritisiert sie. Ein Weg nach vorn aber werde sich nur ergeben, wenn „wir die positiven Bilanzen sehen und offensiv die problematischen Entwicklungen angehen, statt nur über sie zu klagen oder sie anzuprangern“.

Immer mal wieder erntet die Theologin für ihre Ausführungen Applaus – etwa als sie fragt, warum es leichter sei, Gelder aus dem Ausland aufzunehmen als Menschen. Dabei sei die Zuwanderung doch eigentlich ein Glücksfall. „Menschen aus fremden Ländern bei uns vor Ort zu begegnen, ist eine Chance zur Bereicherung“, befindet Käßmann. Für das Zusammenleben Verschiedener müssten allerdings „konstruktive Konzepte eines Miteinanders“ gefunden werden.

Auch den Religionen weist sie eine wichtige Aufgabe in der multikulturellen, globalisierten Gesellschaft zu. Sie müssten alles daran setzen, „nicht länger Faktor der Konfliktverschärfung zu sein, sondern tatsächlich Konflikte über Religionsgrenzen hinweg entschärfen“, fordert die Theologin.

Doch worin besteht eigentlich die Anziehungs- und Überzeugungskraft von Margot Käßmann? Gewiss auch in ihrer rhetorischen Begabung: Mit tiefer Stimme recht rasch sprechend, hat sie nichts Salbungsvolles, fast jeden Satz trägt sie mit Leidenschaft, aber ohne Aufdringlichkeit vor, wobei sie den Eindruck hoher Relevanz erweckt und zugleich Selbstironien einflicht. Wenn solcherart die Vortragsart die Faszination garantiert, wenn es weniger auf den Inhalt als auf den Stil ankommt, nähert sich das Sprechen im theologischen Zusammenhang der prophetischen Rede. Margot Käßmann, diese Ich-AG einer überzeugten Gläubigkeit, hat eine Rolle gefunden, die im Protestantismus jahrzehntelang nicht besetzt war, obwohl die Menschen offensichtlich danach verlangen: die Rolle der freischaffenden Prophetin, die durch Charisma, persönliche Authentizität und offenbare Aufrichtigkeit die Menschen bewegt. Mag sein, dass das organisierte Christentum im Allgemeinen und die Amtskirchen im Besonderen hierzulande in der Krise stecken – die Offenheit für religiöses Angesprochenwerden ist hoch, wohl gerade dann, wenn es dabei theologisch oder philosophisch nicht allzu anspruchsvoll, menschlich aber intensiv zugeht.

Für Elmar Weiler, den Rektor der Ruhr-Universität, ist Käßmann die perfekte Besetzung für die neu geschaffene Gastprofessur, die nach dem verstorbenen Bochumer Kunstgeschichtler Max Imdahl benannt ist. Sie sei „weitgreifend denkend, wirkungsmächtig, beeindruckend und begeisternd“, urteilt der Uni-Rektor – und ähnlich sehen das auch seine Studenten. Sie habe hohe Erwartungen gehabt, und die seien erfüllt worden, sagt etwa die 25-jährige Inga Schwarze. „Ich fand den Vortrag wunderbar und habe ganz tolle Denkanstöße bekommen“, sagt die Gender-Studies-Studentin. Käßmann habe sie mit ihrer Vorlesung gefesselt. Hans-Helmut Hartung aus Mülheim an der Ruhr nennt Käßmanns Auftritt „sehr couragiert, wirklich super“.

Die so gelobte Theologin selbst wirkt hingegen fast erleichtert, als sie ihren Vortrag beendet hat. Noch während die Zuhörer ihr applaudieren, geht sie still zu ihrem Sitzplatz zwischen Karle und Weiler zurück.

Sie ist keine Dissidentin geworden

Ihre weiblich-harmonische Selbstbetätigung dürfte die 52-Jährige davor bewahrt haben, nach ihrem Rücktritt zu einer Dissidentin zu werden, etwa zur protestantischen Ausgabe von Hans Küng oder zum nörgelnden Motzkoffer à la Friedrich Schorlemmer.

Sie legt eine hohe Solidarität mit der EKD unter deren heutigem Ratsvorsitzenden Nikolaus Schneider an den Tag. Als sie in der vergangenen Woche zur CSU-Fraktionsklausur in Wildbad Kreuth geladen war und dort nach dem Afghanistan-Einsatz gefragt wurde, hat sie nicht etwa ihre These „Nichts ist gut in Afghanistan“ wiederholt, mit der sie vor Jahresfrist die Kirche in Schwierigkeiten gebracht hatte. Nein, bei der CSU und ihrem Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg folgte sie brav der höchst besorgten, aber nicht brachial ablehnenden Argumentation, auf die man sich in der EKD bezüglich des Bundeswehreinsatzes mittlerweile verständigt hat.

Nein, Margot Käßmann hat mit ihrer Kirche kein Hühnchen zu rupfen. Wie auch? Alles, was sie ist, verdankt sie nämlich der evangelischen Kirche, und zwar gerade deren Hierarchie, in der sie so rasch aufstieg. Im Übrigen ist sie tief überzeugt von den evangelischen Prinzipien der protestantischen Freiheit und völlig einverstanden mit einer linksliberalen und lebensnahen Kirche, die zudem neuerdings sogar spirituelle Glaubenserfahrungen sucht.

mit dapd

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