Sechseinhalb Stunden brauchte Liu Xia, um von Peking über die Autobahn bis zur fast 500 Kilometer entfernten Strafanstalt Jinzhou in Liaoning zu kommen. Ihr Mann Liu Xiaobo wurde die gleiche Strecke bereits eine Woche zuvor gefahren, eskortiert von sieben Polizeiwagen. Der Schriftsteller ist Chinas bekanntester Dissident, von den Machthabern in Peking besonders gefürchtet: Als Tiananmen-Veteran, als Beteiligter und Augenzeuge hat er die Führung immer wieder an ihre Schuld am Massaker vom 4. Juni 1989 erinnert. Im Februar hatte ein Gericht den Mitverfasser des Freiheitsaufrufs Charta 08 wegen subversiver Untergrabung der Staatsmacht zu elf Jahren Haft verurteilt.
Wie jedes Jahr wurden die Politiker in der Hauptstadt im Vorfeld des Tiananmen-Jahrestags äußerst nervös. Die offizielle Begründung für die Verlegung von Liu, der Jahrzehnte in Peking gelebt hatte, lautet, der 54-Jährige sei von klein auf im Melderegister von Liaoning registriert gewesen.
Aber tatsächlich wurde er Ende Mai, kurz vor dem 21. Jahrestag des Tiananmen-Massakers, aus der Hauptstadt entfernt, um ein politisches Signal zu senden: Mit Chinas jetziger Führung wird es keine Rehabilitierung der Beteiligten des vierten Juni geben. „Schon das harte Urteil von elf Jahren Haft gegen Liu hat nicht mit der Charta 08 zu tun, sondern vor allem mit dem vierten Juni“, vermutet der systemkritische Autor Yu Jie in einem gestern verschickten, offenen Brief.
Liu Xiaobo, der in der Nacht auf den 4.Juni 1989 auf dem Tiananmen-Platz zwischen Armee und Studenten einen friedlichen Abzug der Studenten zu vermitteln half, wurde in den vergangenen 21 Jahren immer wieder für seine unablässigen Forderungen nach Aufarbeitung der Tiananmen-Ereignisse und politischen Reformen verfolgt und zu Haftstrafen verurteilt, die ihn aber nicht brechen konnten. Nun soll er tief in der Provinz seine elf Jahre Haft absitzen.
Wie blank die Nerven bei Pekings Behörden liegen, zeigt sich auch daran, dass Lius Freund Yu und Dutzende andere Oppositionelle seit dem 30. Mai wieder unter Hausarrest stehen. Auch die Angehörigenvereinigung „Mütter des Tiananmen“, der weit über 100 Familienangehörige von Opfern des Massakers angehören, werden überwacht.
In einem offenen Brief fordert die US-Menschenrechtsorganisation Human Rights in China Pekings Führung auf, Zahlen und Namen der Opfer der damaligen Ereignisse zu nennen, die Verantwortlichen zu bestrafen und Rechenschaft über eine Tragödie abzulegen, die zum „Unglück für die gesamte Nation“ wurde.
Öffentliche Debatten zum Thema Tiananmen-Massaker sind innerhalb der Volksrepublik strikt tabu. Eine Ausnahme bildet das zu China gehörende, sich aber seine gesellschaftspolitische Unabhängigkeit bewahrende Hongkong, wo heute wieder Zehntausende Bürger mit Kerzenandachten an das unbewältigte Massaker erinnern wollen. Zensiert werden selbst harmlose Anspielungen.
Einen Eklat löste beispielsweise eine Zeichnung zum Kindertag am 1. Juni aus, die auf der Kinderseite der südchinesischen „Nanfang Metropolzeitung“ erschien. Auf einer Schultafel mit Kindergekritzel ist das Symbolbild vom mutigen Unbekannten zu erkennen, der sich 1989 den Panzern entgegenstellte. Die Karikatur wurde in allen Online-Ausgaben gelöscht.
Selbst auf scheinbar nichtige Anlässe reagieren die Behörden mehr als gereizt. Das erlebte Anfang des Jahres auch die deutsche Botschaft in Peking. Sie hatte im Dezember ihre Jahreskalender 2010 innerhalb Chinas verschicken lassen. Eines der Kalenderfotos illustriert das Thema „20 Jahre Deutsche Einheit“ mit einem Bild der Graffitikunst von der Berliner Mauer.
Im Wirrwarr der Aufschriften verstecken sich darauf zwei mit Wachskreide chinesisch geschriebene Zahlen „vier und sechs“, das Datum für den 4. Juni. Chinesische Beamte wurden bei der Botschaft vorstellig. Doch die meisten Kalender waren schon ausgeliefert.
Für Liu Xia ist die Verlegung ihres Mannes trotz allem eine Erlösung. Nach der Sonderhaft in Peking, während der nicht einmal sie ihren Mann sehen durfte, hatte sie nun am Mittwoch die Erlaubnis, Liu eine Stunde lang zu sehen. „Wir durften aber nur über Familiäres sprechen“, sagte Liu Xia Morgenpost Online. Er sei froh, zweimal am Tag Hofgang zu haben und die Sonne zu sehen. Von nun an will Liu Xia dieses Recht einmal im Monat in Anspruch nehmen – auch wenn sie jedes Mal 500 Kilometer weit fahren muss.
dpa





