Am Anfang, das war so vor anderthalb Jahren, hat er die Frage weggelacht. Derzeit schnaubt er sie mit nach oben verdrehten Augen gerne weg. In spätestens vier Monaten wird er wohl nicken, wenn er gefragt wird: „Ja, ich mach’s“.
Die Frage, das ist die K-Frage, und Frank-Walter Steinmeier, der sie zunächst für schmeichelhaft, aber abwegig hielt und im Moment ziemlich übellaunig auf sie reagiert, weiß längst, dass er für die SPD ins Geschirr muss. Denn die Umfragewerte für die Sozialdemokraten verharren im 20-plus-x-Keller, und ihr Vorsitzender wird noch übler benotet. Bald nach der bayerischen Landtagswahl im September dürfte Kurt Beck seinen Verzicht erklären und den Außenminister vorschlagen. Der kann dann kaum ablehnen.
Steinmeier ist eine Art Gegenentwurf zu Beck. In der Bevölkerung ist er so beliebt wie von den übrigen Kabinettsmitgliedern allenfalls die Kanzlerin. Während Beck reiner Landespolitiker ist, machte sich Steinmeier einst im Kanzleramt und jetzt als Außenminister mit den brisantesten nationalen und internationalen Problemen vertraut. Verkrampft sich der Pfälzer im Bemühen, dem Wähler doch noch zu gefallen, trägt der Detmolder eine coole Grundtemperatur zur Schau – ob im korrekten Outfit des Staatsmannes oder im zwanglosen Gespräch, krawattenlos und die oberen beiden Hemdknöpfe geöffnet. Der provinzielle Herr Tapsig trifft auf den souveränen Dr. Perfekt.
Dabei möchte Steinmeier bei dem anstehenden Himmelfahrtskommando, als das vielen Genossen die Bundestagswahl 2009 erscheint, eigentlich gar nicht auf dem Pilotensitz Platz nehmen. Aber der Druck auf den 52-Jährigen wächst. Er würde ein besseres Ergebnis einfahren als Beck, kein Zweifel. Doch es würde kaum reichen, um Kanzler zu werden. Denn Rot-Rot-Grün ist zumindest für Steinmeier kein Thema, und wenn die Union klar vorne liegt, ist Jamaika wahrscheinlicher als eine Ampel-Koalition. Darum spricht einiges dafür, dass der Außenminister Kanzlerkandidat und dann wieder Außenminister im Kabinett von Angela Merkel wird. Der eine Schuss, den Steinmeier frei hat, wäre ins Leere gegangen.
Für 2013 buhlen andere um die Kandidatur: Klaus Wowereit, Sigmar Gabriel und neuerdings Andrea Nahles. Das sind Sozialdemokraten, die weniger Vorbehalte gegen eine Annäherung an die Links-Partei haben oder – wie Gabriel mit seiner Forderung nach einer Rückkehr zur Pendlerpauschale – von Reformzwängen Abschied nehmen.
Steinmeier, Sohn eines Tischlers und einer Fabrikarbeiterin, steht für eine andere SPD. Als er zum Ende der rot-grünen Koalition von einem Besucher gefragt wurde, was ihn in den acht Regierungsjahren am meisten überrascht habe, antwortete der Kanzleramtschef: Wie die Menschen das Sozialsystem auszuplündern versuchen.
Bis zu dieser Erkenntnis musste Steinmeier, der 1975 als 19-Jähriger in die SPD eintrat und damit zunächst bei den linken Jusos landete, einen weiten Weg zurücklegen. Ein „Grundrecht auf Wohnraum“ forderte der Volljurist noch im Mai 1991 in seiner Gießener Dissertation („Polizeiliche Traditionsreste in den Randzonen sozialer Sicherung. Eine Untersuchung des administrativen Instrumentariums zur Intervention bei Obdachlosigkeit“).
Dann tauchte der Theoretiker, der als Tutor und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Gießen und als Dozent am Verwaltungsseminar Wiesbaden gearbeitet hatte, in die Praxis der Politik ein. Als Medienreferent heuerte er 1991 bei Niedersachsens Ministerpräsident Gerhard Schröder an. Nur zwei Jahre später leitete er dessen persönliches Büro. 1996 wurde Steinmeier Leiter der Staatskanzlei.
Rückschlag unter Schröder
Als Schröder 1998 Kanzler wurde, gab es den ersten Rückschlag für seinen Adlatus. Denn der ihm versprochene Chefposten im Kanzleramt ging zunächst an Bodo Hombach. Steinmeier schluckte die Schmach und koordinierte als Staatssekretär die Nachrichtendienste. Erst im Sommer 1999 stieg er zum Kanzleramtschef auf.
Schröder und Steinmeier, beide im Lipper Raum geboren und aufgewachsen, entwickelten etwas Zwillingshaftes. Bis heute kann Steinmeier jenes bellend-knatternde Lachen anstimmen, das seinem einstigen Mentor abgelauscht scheint. Politisch-strategisch ticken sie ähnlich. Die beiden Fußballfans und Ex-Dorfplatzkicker misstrauen Programmdebatten und erkannten rechtzeitig die Notwendigkeit umfassender Reformen des Standorts Deutschland. So wurde Steinmeier einer der maßgeblichen Autoren der Agenda 2010 – und er hielt Kurs, als Schröder im Bundestagswahlkampf 2005 sein eigenes Konzept verriet.
Für den EU-Beitritt der Türkei
In der großen Koalition sind die Schnittmengen zwischen Kanzlerin Angela Merkel und ihrem Außenminister geringer. Steinmeier befürwortet, anders als die Kanzlerin, den EU-Beitritt der Türkei. Er tritt gegenüber den USA verhaltener auf als sie und gegenüber Russland freundlicher. Im Nahost-Friedensprozess umwirbt Steinmeier Syrien, während Merkel der Politik in Damaskus nicht traut.
Doch die Differenzen führten nicht zum Zerwürfnis. In der Murat-Kurnaz-Affäre gab die Kanzlerin ihrem Minister Anfang 2007 sogar entscheidende Rückendeckung. Wegen des Vorwurfs, Steinmeier habe im Herbst 2002 ein Angebot der USA ignoriert, den in Guantánamo einsitzenden Bremer Türken freizulassen, wollten Unionsabgeordnete den silberweißen Skalp des SPD-Politikers fordern. Merkel intervenierte. Sie arbeite mit Steinmeier vertrauensvoll zusammen und wolle keinen anderen Genossen im Außenamt haben, bremste sie die Aufmüpfigen. So überstand Steinmeier den Fall Kurnaz. Auch vom BND-Untersuchungsausschuss droht keine Gefahr mehr.
In der China-Politik aber kam es zum offenen Eklat. Auf dem Hamburger Parteitag im Oktober 2007 bezichtigte der sonst so diplomatisch-moderate Steinmeier die Kanzlerin wegen ihres Treffens mit dem Dalai Lama der „Schaufensterpolitik“. Die harsche Attacke trübte das Koalitionsklima – aber Steinmeier, der zuvor kein Parteiamt hatte, wurde mit dem besten Ergebnis (85,5 Prozent) zu einem der drei Stellvertreter Becks gewählt.
Der Mann, der die Kameras lieben lernte
Bereits zuvor war der Außenminister, dem ein Mangel an sozialdemokratischem Stallgeruch nachgesagt wurde, dem SPD-Ortsverein Kirchmöser-Plaue in Brandenburg beigetreten. Als Spitzenkandidat wird er die Landesliste in den Bundestagswahlkampf führen. Der einstige Strippenzieher im Hintergrund, über den die „Bild“-Zeitung im Sommer 1999 noch schrieb, er „hasst Interviews und TV-Auftritte“, hat längst Kameras und Mikrofone zu lieben gelernt. Das geht so weit, dass er dem Lokalchef der Regionalzeitung, die in seinem künftigen Wahlkreis gelesen wird, ein exklusives Interview anbietet. Und der Chefredakteur des Blattes wundert sich beim abendlichen Andruck, auf den hinteren Seiten und versteckt für die Leser in der Havel-Stadt Brandenburg ein Gespräch mit dem Top-Politiker zu finden.
Steinmeier, mit einer Verwaltungsrichterin verheiratet und Vater einer 1996 geborenen Tochter, hat sich von seinem einstigen Image der „grauen Eminenz“ längst verabschiedet. Als Außenminister agierte er vom ersten Tag an mit selbstverständlicher Souveränität.
Er beherrscht die krisenschwangere und dennoch weitgehend phrasenfreie Rhetorik da, wo es die Zeitläufte erfordern – in Nahost, beim Thema Afghanistan, jüngst im Erdbebengebiet in China. Er ist, anders als Schröder, kein Volkstribun fürs Festzelt. Aber er kann auch mit hemdsärmelig-intelligenten Reden begeistern, wie jüngst, als er in der bayerischen Landesvertretung in Berlin zum „Botschafter des Bieres“ gekürt wurde.
Zwischen Groß-Rhetorik und Landratsamts-Deutsch
An anderen Tagen spricht aus ihm der Ex-Spitzenbeamte in verschwurbeltem Landratsamts-Deutsch. Dann bedauert er, dass Gespräche „vorübergehend in Wegfall gekommen waren“, will andernorts etwas „nicht verabsäumen“ oder kündigt im ungeübten Dialog mit Jugendlichen an, eine politisch-korrekte Musik-CD werde „nun zur Verteilung gelangen“.
Aber Steinmeier versteht sich auch auf ganz andere Auftritte. Als der Vizekanzler im Frühjahr in Boston den Opening Pitch, den Eröffnungswurf zwischen den gastgebenden Red Sox und den New York Yankees warf, posierte er zuvor sportiv-strahlend im legeren Trainingsoutfit der Baseballer mit den roten Socken im Emblem. Da wirkte Steinmeier nicht wie ein Aktenfresser, sondern gab den lässigen Cowboy, und das sogar authentisch.
Kann Steinmeier aber einen Bundestagswahlkampf durchfechten, durchschwitzen, durchagitieren? Kann er überhaupt kämpfen? „Yes, we can“, versuchte er die Lichtgestalt Barack Obama zu imitieren, als ihn Studenten bei jenem Boston-Besuch in Harvard nach den Chancen der deutschen Sozialdemokraten befragten. Doch bisher macht Steinmeier den Eindruck, als könne er im Ring besser einstecken als austeilen.
Schockiert über Ypsilantis Linkskurs
So war Steinmeier schockiert und verbittert, als Beck der Hessin Andrea Ypsilanti grünes Licht gab für ihren Kurs hin zur Linkspartei. Aber seine interne wie externe Kritik blieb ausgesprochen leise. Ähnlich war es, als die SPD-Spitze Gesine Schwan als Präsidentschaftskandidatin nominierte. Steinmeier hält das für falsch und ließ das die Parteifreunde hinter verschlossenen Türen auch wissen. Nach außen lobte er die Entscheidung.
Die Sozialdemokraten, so scheint es, haben zwei Züge auf die Schienen gesetzt, die in unterschiedliche Richtung fahren. Der eine soll Steinmeier, ihren letzten Hoffnungsträger für 2009, zur Kanzlerkandidatur bringen. Der andere transportiert Versatzstücke einer re-ideologisierten SPD-Programmatik, die sich bis hin zur jüngsten Forderung nach Verlängerung der Altersteilzeit immer weiter entfernt von der Agenda 2010 und den Überzeugungen Steinmeiers.
Vieles spricht dafür, dass der strukturloyale Macher am Ende mit den Zähnen knirscht und dennoch antreten wird. Schröder nannte ihn einst seinen „Mein mach mal“. Jetzt wird Steinmeier zu „Unserem mach mal“ der SPD.




