Sein Blick zeugt von der Entschlossenheit eines Mannes, der in den Kampf zieht. Seit Monaten ist Kurt Beck das Ziel heftiger Attacken aus der eigenen Partei. Sie untergruben nicht nur seinen Führungsanspruch, sondern setzten ihm auch menschlich zu. Jetzt schlägt der SPD-Vorsitzende zurück. Seine Rede vor dem Landesparteitag der Berliner SPD ist voller Zorn. Seine Sätze sind so energiegeladen, dass sie wie ein Gewitter auf die Zuhörer niedergehen.


„Ich werde nicht hinter den Baum gehen, weil es da bequemer ist. Ich werde stehen“, donnert er von der Bühne herab. Offenbar hätten einige vergessen, welche Bedeutung Solidarität gerade in der SPD habe. „Wenn einer von uns angegriffen wird, müssen wir für ihn einstehen. Das ist Solidarität“, ruft er unter dem begeisterten Applaus der Delegierten. Kritik von Leuten, die zu „feige“ seien, ihren Namen zu nennen, interessiere ihn nicht, weil sie doch meistens unwahr ist“, sagt Beck und erntet „Jawoll“-Rufe.


So eine Rede haben die Delegierten nicht erwartet. Aber die leise Hoffnung, dass nach diesem Gewitter erst einmal Ruhe in die Partei einkehrt, ist schon bald wieder verflogen. Denn noch während der SPD-Chef spricht, gibt es neue böse Gerüchte. Demnach wollen Anhänger von Außenminister und Parteivize Frank-Walter Steinmeier Beck wegputschen.


„Ich weiß von nix“, lautete die Antwort von Umweltminister Sigmar Gabriel auf dem Landesparteitag der niedersächsischen SPD in Hannover. Dort allerdings wird Steinmeiers Name schon Stunden vor dessen Eintreffen mehrfach erwähnt, während ein Name bei allen Rednern tabu bleibt: Kurt Beck.

Bei der offiziellen Begrüßung spricht SPD-Landesvize Hauke Jagau bereits von einem „Bundeskanzler Frank-Walter Steinmeier“. In seiner einstündigen Rede würdigt Niedersachsens SPD-Chef Garrelt Duin Steinmeier, indem er ihn mit den sozialdemokratischen Bundeskanzlern Willy Brandt, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder vergleicht.

Auch SPD-Generalsekretär Hubertus Heil lässt „unseren Frank Steinmeier“, „unseren Freund und Genossen Frank-Walter Steinmeier“ hochleben. Heil stellt ihn in eine Reihe mit Brandt, Schmidt, Schröder und Joschka Fischer.


Steinmeier selbst hält eine Art Kanzlerkandidatenrede. Ohne Jackett und 50 Minuten lang spricht er der SPD vor allem Mut zu. Er lobt alle, von den niedersächsischen Bürgermeistern bis hin zu deren Bundespolitikern. Er erinnert an den sozialdemokratischen Kampf gegen die Nazis, an Erfolge in Land und Bund. „Ich will neue Mitglieder gewinnen, ich will Wahlen gewinnen“, ruft Steinmeier in den Saal. „Mutig sein heißt jetzt zusammenzurücken.“ Eindringlich warnt er vor weiteren internen Kämpfen: „Machen wir endlich Schluss mit dem Flügelschlagen.“ Wie Beck in Berlin, so wirbt Steinmeier in Hannover für Mindestlöhne, Ganztagsschulen und verteidigt die Altersteilzeit. Nur einmal nennt er kurz Becks Namen – unter Hinweis auf einen gemeinsamen Aufsatz zur Arbeitsmarktpolitik.

Steinmeier hat das letzte Wort seiner Rede noch nicht vollendet, da springen die Delegierten von ihren Stühlen auf. Fünf Minuten lang applaudieren sie ihm – und SPD-Landeschef Duin ruft Steinmeier gewissermaßen inoffiziell zum Kanzlerkandidaten aus. Er ruft nach Steinmeiers Auftritt in den Saal: „So wünschen wir uns das! Eine klare Ansprache, klare Inhalte, klare Worte. Mir ist nicht bange um die deutsche Sozialdemokratie nach dieser Rede von Frank-Walter Steinmeier.“