Wenn Sahra Wagenknecht den größten Feind der Arbeiterklasse beschreiben will, spart sie nicht an drastischen Worten. Mit dieser „Mafia“ sei keine soziale Politik möglich, eine Zusammenarbeit im Bund „der Anfang vom Ende“, polemisiert die Linke-Politikerin, die ab dem 27. Oktober im Bundestag sitzen wird. Gemeint sind indes nicht CDU oder FDP, sondern – die SPD.

Aus der SPD sind derweil ganz andere Signale zu hören. Er habe nichts dagegen, mit der Linkspartei auf Bundesebene zu koalieren, sagte der designierte SPD-Chef Sigmar Gabriel am Montag. Zuvor hatte bereits Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) die Partei aufgefordert, sich vom Koalitionstabu zu trennen.

Doch die Linke-Führung reagiert zurückhaltend auf die Kuschelversuche der Sozialdemokraten. Die SPD müsse einen „Riesenschritt“ auf die Linke zumachen, „wir nur einen kleinen auf sie“, sagte Gysi noch am Wahlabend. Beim ersten Treffen der neuen Fraktion vergangenen Freitag bekräftige Gysi die Linie noch einmal. In der Opposition gebe es keine Koalition, dozierte er im überfüllten Clara-Zetkin-Saal im Bundestag. Dort mussten sich 76 statt bisher 54 Abgeordnete drängen.

Die Zurückhaltung hat ihren Grund: Zwar hat die Wahl den Reformflügel der Linken gestärkt, nicht zuletzt dank der ausschließlich im Osten der Republik gewonnenen 16 Direktmandate. Im künftigen Bundestag werden nun Pragmatiker wie die Berliner Halina Wawzyniak und Stefan Liebich sitzen. Beide gehören zum reformorientierten Forum demokratischer Sozialismus und gehören auch zur „,Walden‘-Connection“ – einem Kreis junger Abgeordneter der Linken und der SPD, die im Berliner Restaurant „Walden“ in den vergangenen Monaten bei informellen Treffen schon einmal Gemeinsamkeiten ausloteten. Organisiert hatte die Zusammenkünfte die Ex-PDS-Politikerin Angela Marquardt, inzwischen Sozialdemokratin und seit 2006 im Büro der SPD-Linken Andrea Nahles beschäftigt.

Doch auch von den Radikalrhetorikern der Linken haben einige den Sprung in den Bundestag geschafft. So gelang neben Sahra Wagenknecht auch dem nordhrein-westfälischen Linke-Politiker Andrej Hunko der Einzug. Noch im April hatte der zu „sozialen Unruhen“ aufgerufen. Im Bundestag wird künftig auch die Marxistin Christine Buchholz sitzen, die im Libanon-Krieg ihre Unterstützung für die islamistische Hisbollah erklärt hatte.

„Über die Listen im Westen sind einige unberechenbare Utopisten und Sektierer eingezogen“, sagte der Chemnitzer Politologe und Linke-Experte Florian Hartleb. Seiner Einschätzung nach wird die Führung alles dafür tun, um die Flügelkämpfe klein zu halten. Ein zu schnelles Abrücken von linken Maximalforderungen wäre da nicht hilfreich.

Zu spüren bekam das am Wochenende der Thüringer Linke-Spitzenkandidat Bodo Ramelow. Er hatte eine Wende in der Afghanistan-Politik der Linken angedeutet, einem Hauptkonflikt mit der SPD. Ein sofortiger Truppenabzug wäre „eine Flucht wie damals aus Vietnam“, sagte Ramelow der „Welt am Sonntag“. Ramelows Äußerung dürfte ein letzter Versuch gewesen sein, die Absage der Thüringer SPD an ein rot-rot-grünes Bündnis zu unterminieren und die eigene Koalitionsfähigkeit zu beweisen.

Doch aus Berlin wurde Ramelow umgehend zurückgepfiffen. Die Position der Partei ist klar, sagte Parteichef Oskar Lafontaine: „Wir sind für einen sofortigen Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan.“

Zum Testfall für das künftige Verhältnis zwischen SPD und Linker könnte ausgerechnet Nordrhein-Westfalen werden. Schafft die Linke dort bei der Landtagswahl im Mai 2010 den Einzug ins Parlament, könnte eine rot-rot-grüne Koalition für SPD-Chefin Hannelore Kraft die einzigen Möglichkeit sein, Schwarz-Gelb unter Ministerpräsident Jürgen Rüttgers abzulösen.

Die Sache hat freilich einen Haken: Die NRW-Linke gilt als radikalster unter den Landesverbänden. Zu ihren Frontfiguren zählen die „Fundi“ und Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke, die eine Annäherung an die SPD als „Anbiederung an das politische Establishment“ ablehnt. Ihre Haltung spiegelt auch ein Strategiepapier des Landesverbands aus dem vergangenen Jahr wider. „Die politische Legitimationskrise ist noch keine Krise der kapitalistischen Klassenherrschaft“, heißt es dort und weiter: „Wir müssen die Erstere vertiefen, dass sie zur Letzteren wird.“ Auch einer Koalition mit der SPD wird eine Absage erteilt. Die Linke müsse der SPD klarmachen, dass mit ihr Schwarz-Gelb abgewählt werden könne: „Mehr nicht.“

Entscheidend für das Verhalten der NRW-Linken dürften das Saarland und Brandenburg werden. Kommt es dort zu rot-roten Bündnissen, wird aus der Linke-Parteiführung der Druck wachsen, auch in NRW – durch Tolerierung oder eben eine Koalition mit den Sozialdemokraten – dazu beizutragen, dass im Bundesrat eine Blockademöglichkeit gegen die Beschlüsse einer schwarz-gelben Bundesregierung entsteht. Damit kennt Parteichef Oskar Lafontaine sich aus: 1996 blockierte er mit rot-grüner Mehrheit die Steuerreform von Theo Waigel. Zerplatzen dagegen die rot-roten Länderträume, werden jene Auftrieb bekommen, die in jeder Annäherung eine Schwächung wittern. Als Beispiel zitieren sie gern Berlin. Dort stürzte die mitregierende Linke 2006 bei den Wahlen von 22 auf 13 Prozent ab.

Die Pragmatiker in der Linken setzen derweil auf den Zeitfaktor. Die „,Walden‘-Connection“ bereitet bereits weitere Treffen vor; diesmal sollen auch Grünen-Parlamentarier dabei sein. Auch die Reformer verweisen gern auf Berlin, wenngleich mit anderen Vorzeichen. „Noch vor drei Jahren wurden die Berliner Linken auf Parteitagen als Neoliberale verhöhnt“, sagte eine von ihnen. „Heute holen sich andere Landesverbände in Berlin Ratschläge."