Morgenpost Online: Herr Heil, rückt die SPD seit der Wahl nach links?

Hubertus Heil: Sie muss die linke Volkspartei in Deutschland sein.

Morgenpost Online: Das wollte sie vorher schon.

Heil: Wir müssen den Anspruch erneuern, Volkspartei zu sein. Dafür müssen wir uns in den verschiedenen Teilen der Gesellschaft neu verankern, die sich gewandelt hat. Das geht nicht als Klientelpartei, wir dürfen uns nicht in einer Ecke verkriechen. Vor uns liegt eine lange Strecke, an deren Ende wir wieder regieren wollen.

Morgenpost Online: Aus Ihren Reihen wird gefordert, das „Tabu“ gegenüber der Partei Die Linke müsse fallen?

Heil: Ich sehe kein Tabu. Wir dürfen unsere sozialdemokratische Überzeugung nicht taktisch auf andere Parteien ausrichten. Ob eine Koalition mit der Partei Die Linke möglich wird, hängt von Klärungsprozessen in der Linkspartei ab. Eine Koalition in der Opposition wird es jedenfalls nicht geben.

Morgenpost Online: Strebt die Linke stärker als bislang in Regierungsverantwortung?

Heil: Das scheint mir offen. Man wird sehen, wie sich das zwischen Pragmatikern und orthodoxen Sektierern schüttelt. Erst einmal müssen die ein Grundsatzprogramm zustande bringen. Dann müssen sie sich zur außen- und sicherheitspolitischen Staatsräson bekennen und deutlich machen, dass sie auf dem Boden von Rechtsstaat und sozialer Marktwirtschaft stehen. Vorher geht auf Bundesebene nichts.

Morgenpost Online: Die Mehrheit der Wähler wollte Schwarz-Gelb. Wieso schielen einige in der SPD daraufhin nach links? Muss sie sich nicht eher weiter in die Mitte begeben?

Heil: Wir haben nach allen Seiten verloren, auch an CDU und FDP. Deswegen dürfen wir uns nicht verengen. Wir haben Vertrauen verloren. Facharbeiter und Angestellte trauen nicht mehr dem sozialdemokratischen Aufstiegsversprechen, weil sie den Abstieg fürchten. Viele aus dem linksliberalen Bürgertum sind zu den Grünen gelaufen oder haben Piratenpartei gewählt. Viele haben sich auch enthalten. Deshalb muss die SPD sich als moderne Gerechtigkeitspartei breit aufstellen.

Morgenpost Online: Hat die SPD die kulturelle Hegemonie in Deutschland verloren?

Heil: Es gibt immer noch mehrheitlich Zustimmung zu sozialdemokratischen Themen. Aber Schwarz-Gelb hat den Schrecken verloren. Die CDU hat in der großen Koalition ihre wirtschaftsradikalen Beschlüsse von Leipzig nicht durchsetzen können. Ich bin gespannt, wann sie wieder aufgetischt werden. Meine Prognose: Bis zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am 9. Mai 2010 wird sich die neue Koalition zahm geben. Dann wird sie ihr wahres Gesicht zeigen.

Morgenpost Online: Ist die Schröder-Steinbrück-SPD mit der Bundestagswahl tot?

Heil: Für mich gab und gibt es immer nur eine SPD ...

Morgenpost Online: Manchmal gab es mehrere ...

Heil: Wir dürfen keine Holding sein, sondern müssen deutlich machen, dass die Sozialdemokratie mehr ist als die Summe ihrer Flügel. Wir können nicht auf einem Bein stehen. Die SPD braucht soziale und wirtschaftliche Kompetenz. Sie muss populärer werden – aber nicht populistisch.

Morgenpost Online: Was werden Ihre Themen in der Opposition?

Heil: Unser Hauptthema muss die Zukunft der Arbeit sein. Wir wollen, dass jeder selbstbestimmt leben kann. Dafür brauchen wir gleiche Bildungschancen und eine gerechte Teilhabe am wirtschaftlichen Fortschritt. Zugleich müssen wir auch neue Antworten auf soziale Abstiegsängste der Menschen finden. Die Rente mit 67 etwa macht vielen Menschen Angst. Wir müssen Konzepte erarbeiten, die sich stärker an den individuellen Bedürfnissen der Menschen orientieren.

Morgenpost Online: Der designierte SPD-Vize Klaus Wowereit will die Rente mit 67 auf Ihrem Parteitag im November kippen. Sie auch?

Heil: Wir dürfen uns das nicht zu einfach machen. Die Sache hat eine Geschichte, sie war keine Forderung der SPD, sondern der Union. Wir aber haben den Koalitionsvertrag beschlossen. Die Umsetzung hat viele Menschen verunsichert.

Morgenpost Online: Sie kennen Sigmar Gabriel sehr gut. Was sind seine größten Stärken, was sind seine größten Schwächen?

Heil (lacht): Sigmar Gabriel ist leidenschaftlich, er ist ein Kämpfer mit einem unglaublichen Gespür. Als Umweltminister hat er einen super Job gemacht. Er will die SPD nicht nur als Partei mit Ritualen, sondern als gesellschaftliche Bewegung profilieren.

Morgenpost Online: Sie vergaßen Gabriels Schwächen.

Heil: Wenn ich welche sähe, würde ich sie ihm selbst sagen.

Morgenpost Online: Gehen Sie als Generalsekretär mit Bitterkeit?

Heil: Nein, auch wenn ich das Amt gern ausgeübt habe. Es waren bewegte, sehr fordernde vier Jahre. Nun helfe ich, den Parteitag vorzubereiten – und selbstverständlich werde ich mit aller Kraft die neue Parteiführung unterstützen.

Morgenpost Online: Was machen Sie künftig?

Heil: Ich bin direkt gewählter Abgeordneter des Bundestages und konzentriere mich auf die Arbeit in der Fraktion – mit Frank-Walter Steinmeier an Spitze. Ich habe noch viel zu tun und viel vor.