Morgenpost Online: Frau Reiche, was ist neu an der neuen, grünen CDU?

Katherina Reiche: Wir wollen einen weltweiten Emissionshandel, und zwar unter Einbeziehung aller Bereiche - also zum Beispiel auch des Verkehrs und der Luftfahrt. Sonst entstehen ständig Wettbewerbsverzerrungen. Wir glauben, der Klimaschutz ist nicht nur eine Sache des Westens, sondern eine Aufgabe, die alle gemeinsam lösen müssen, also auch die Schwellen- und Entwicklungsländer.

Morgenpost Online: Denen wollen Sie mit einer Berechnung des CO2-Ausstoß pro Kopf der Bevölkerung entgegen kommen.


Reiche: Dies ist ein Vorschlag der Kanzlerin. Die Schwellenländer argumentieren, man könne nicht an Staaten, die einen Entwicklungsrückstand aufzuholen haben, die selben Maßstäbe anlegen wie an ein entwickeltes Land. Das leuchtet uns ein, trotzdem ist es ein Problem, dass China die USA inzwischen bald bei den Emissionen überholen wird.


Morgenpost Online: Gegenüber dem Grundsatzprogramm wollen Sie die CO2-Emissionen um 40 Prozent senken - dabei gibt es jetzt schon Zweifel, ob die moderateren Ziele erreicht werden können.

Reiche: Mit dem Integrierten Energie und Klimaprogramm, dessen letzter Teil in dieser Woche verabschiedet wurde, sind dafür die Weichen gestellt. Zudem werden in den deutschen Unternehmen in allen Bereichen deutlich energeieffizientere Produkte entwickelt.

Morgenpost Online: Die erneuerbaren Energien spielen eine zentrale Rolle, obwohl speziell die Solarenergie in der Fraktion nicht unumstritten ist.

Reiche: Ohne erneuerbare Energien, ohne Biokraftstoffe der zweiten Generation sind die Klimaschutzziele im Automobilbereich nicht erreichbar. Ebenso wichtig ist es, dass wir damit unsere Abhängigkeit vom Öl und Erdgas verringern. Wir haben mit Bundesminister Gabriel vereinbart, dass er baldmöglichst eine tragfähige Strategie für Biokraftstoffe vorlegt.

Morgenpost Online: Die Grünen werfen Ihnen vor, dass Sie zwar von Energieeffizienz reden, aber die Besitzer von Altbauten - die ja 99 Prozent aller Gebäude ausmachen - vor einschneidenden Maßnahmen schützen wollen.


Reiche: Bei einem Ölpreis von 139 Dollar pro Barrell und steigenden Gaspreisen die Hausbesitzer bei einer Sanierung zu noch höheren Investitionen zu zwingen, halten wir für unverantwortlich. Die Standards wollen wir bei den Neubauten setzen. Für den Altbaubestand gibt es Programme.


WELT ONLINE: Das soll dann der Staat finanzieren?


Reiche: Ja, der Staat unterstützt mit Krediten, nach marktwirtschaftlichen Mechanismen. Was dann gemacht wird, ob Fenster, oder Heizung, überlassen wir den Verbrauchern. Mit der Effizienzstrategie Mittelstand, auf die ich besonders stolz bin, wollen wir den kleineren Unternehmen eine Energieberatung zukommen lassen.

Morgenpost Online: Außerdem bekennen Sie sich zur Kernkraft.

Reiche: Die Union ist die einzige Partei, die einen Kraftwerkspark will, zu dem nicht nur Kernkraftwerke, sondern auch Kohlekraftwerke gehören. Jedes Kohlekraftwerk, das heute verhindert wird, schadet dem Klima, weil dadurch die alten, umweltschädlichen am Netz bleiben.

Morgenpost Online: Bürgermeister Ole von Beust, der Kopf Ihrer Arbeitsgruppe, ist in Hamburg gerade dabei, das umstrittene Kohlekraftwerk Moorburg den Grünen zuliebe fallen zulassen.

Reiche: Deswegen darf er ja trotzdem daruf hinweisen, dass ohne Kohle die Grundlast nicht gewährleistet ist. Wir können auch hier, bei modernen Kohlekraftwerken, die Marktführerschaft mittels CO2-Abscheidung und -Speicherung sichern und ausbauen. Die SPD muss aufhören zu zündeln: wir brauchen die Kernkraft weiter, und die Kohle auch. Hamburg ist übrigens ein Beispiel dafür, wie eine Kommune zur klimapolitischen Modellregion werden kann.

Morgenpost Online: Ist das Papier eine Offerte an die Grünen, oder ein Versuch, sie überflüssig zu machen?

Reiche: Es ist vor allem ein Angebot der Union an die Bürgerinnen und Bürger. Klima, Umwelt, Verbraucherschutz sind viel zu ernste Themen, um sie wahltaktisch zu nutzen.