Norbert Röttgen schweigt, während das Ringen um eine Laufzeitverlängerung für die deutschen Kernkraftwerke in seine entscheidende Phase getreten ist. Hinter dicken Behördenmauern ringen die Spitzen seines Umweltministerium mit der Gegenseite, dem Wirtschaftsministerium von Rainer Brüderle (FDP) um die Interpretation eines Gutachtens, in dem Wissenschaftler in vier Szenarien die Auswirkungen des Weiterbetriebs errechnen. Die Kanzlerin hat die Kontrahenten zur Zusammenarbeit und zu einer ruhigen „Meinungsbildung“ verdonnert und das Gutachten nur in wenigen handverlesenen Exemplaren verteilen lassen. Trotzdem wurden Teile sofort als Munition nach draußen telefoniert: Und so flogen die Kugeln. Ein Ausstieg bringe überhaupt nichts – interpretierten atomkritische Zeitungen. Und das Umweltministerium legte nach: Röttgen will die KKWs zu teueren „Baumaßnahmen gegen Flugzeugabstürze“ zwingen, so könnte der Betrieb trotz Laufzeitverlängerung unrentabel werden, meldete der „Spiegel“ vorab.

Die Bosse der Energieversorger fühlen sich an die Zeiten von Jürgen Trittin erinnert. Nur hatte der grüne Ausstiegsminister (1998- 2005) mit Schnauzbart und kommunistischer Vergangenheit nie einen Hehl daraus gemacht, in der Wirtschaft keinen Partner, sondern einen Gegner, wenn nicht einen Feind, zu sehen. Ganz anders der stets gut rasierte, edel gekleidete und freundliche Röttgen. Der 45jährige Jurist, Rheinländer und dreifache Vater war seine ganze Karriere lang ein Freund der Wirtschaft. Ein ganz besonderer Freund sogar. Ja, er hielt es 2006 sogar für möglich gleichzeitig als Abgeordneter und als Geschäftsführer des Industrieverbands BDI tätig zu sein – erst auf Überparteilichkeit bedachte Vorgänger stoppten ihn damals.

Noch vor zwei Jahren, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise forderte er in einer von vielen als brillant empfundenen Rede zur „Rückbesinnung auf die soziale Marktwirtschaft“ auf. Die Presse sah ihn schon als neuen Friedrich Merz. Röttgen legte mit einem Buch („Deutschlands beste Jahre kommen noch“) nach, dass bei Amazon am häufigsten zusammen mit Ludwigs Erhardts „Wohlstand für alle“ bestellt wurde. Röttgen sah sich in die Rolle eines ordnungspolitischen Korrektivs innerhalb der großen Koalition wachsen und bastelte schon daran, Unionsfraktionschef Volker Kauder zu verdängen. Das verhinderte ausgerechnet der Merkel-Vertraute Peter Hintze. Die Kanzlerin hatte anderes mit Röttgen vor: Es war ihre Idee, ihn zum Umweltminister zu machen.

Und was für ein Umweltminister! War es in der großen Koalition noch vor allem um die Bekämpfung des Klimawandels gegangen, stand bei Schwarz-Gelb rasch wieder das urdeutsche Thema Atom im Zentrum der Umweltpolitik – und Röttgen. Der überfiel die eigenen Leute wie den Koalitionspartner mit der Ankündigung acht Jahre Laufzeiten reichten aus. Ein Aufsatz von ihm las sich gar so, als flirte er mit dem Gedanken, energieintensive Industrien müssten für in Deutschland notfalls Wettbewerbsnachteile in Kauf nehmen. Es gab heftige Kritik – und Röttgen wollte es ausdrücklich nicht so gemeint haben.

In der vergangenen Woche nannte er die Energieversorger im Fernsehen im echten Trittin-Duktus ein „Oligopol“. Vom Neoliberalen zum Öko-Oberlehrer in wenigen Monaten – Wirtschaftsführer und Parteifreunde fragen sich, was in ihren Röttgen gefahren ist. „Das Sein bestimmt das Bewusstsein“ zitiert der stellvertretende Fraktionschef der Union und geschworene Feind Röttgens, Michael Fuchs, spöttisch Karl Marx. Nun muss eine Meinungsänderung nichts schlechtes sein, wenn sich die Tatsachen geändert haben. Allerdings verschweigt Röttgen sein Damaskus-Erlebnis. Warum organisiert einer, der 2009 in seinem Buch das„Beharren auf dem isolierten nationalen Ausstieg aus der Kernenergie“ erscheint“ für „ebenso ignorant wie gefährlich“ erklärt, 2010 eben diesen?

Lieber als auf sein eigenes Buch verweist er zurzeit auf ein Buch einer anderen, ehemaligen CDU-Umweltministerin: Angela Merkel, schenkte ihm ein Exemplar – mit Widmung. Er sieht sich in ihrer Tradition. Und tatsächlich heißt es auch bei Merkel-Vertrauten im Kanzleramt, man wisse wohl: „Umweltminister in der CDU zu sein, ist gar nicht so einfach.“ Auch sie kam 1994 nach einer völlig überraschenden Idee des Kanzlers in dieses Ressort.

Helmut Kohl wollte ihren Vorgänger Klaus Töpfer entmachten, der den DDR-Atommeiler in Greifswald abgeschaltet hatte. Die ostdeutsche Physikerin galt als ideologisch unvorbelastet und prompt schimpfte Joschka Fischer über sie: „Der fehlen zwanzig Jahre Anti-Atom-Erfahrung!“ Tatsächlich setzte die Umweltministerin Merkel auf andere Themen wie Flugbenzin-Besteuerung und Ozon-Verordnungen. Die Kernenergie hätte ihr dennoch fast die Karriere gekostet: Bei Atommüll-Transporten war es zu Verschmutzungen gekommen. Obwohl nicht die Politik, sondern die Industrie den Vorfall verschwiegen hatte, geriet Merkel in die Kritik. Über Nacht wurde sie zum Gesicht der ungeliebten Castor-Transporte und zum Feindbild der Anti-AKW-Bewegung.

Ihr Ministerkollegen Jürgen Rüttgers witzelte in ihrem Beisein, über ihren „Hund Castor“. Sogar der damalige FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle forderte schließlich ihren Rücktritt. Merkel verhängte einen Transportstopp und machte aus ihrem Ärger über die Energieversorger keinen Hehl. Lernte Merkel damals, dass Politiker mit Kernenergie in Deutschland keinen Blumentopf gewinnen können? Die Umweltministerin Merkel empfand damals, nicht ganz zu Unrecht, die Industrie sei nicht ehrlich zu ihr gewesen. Heute sind es die Bosse, die meinen, Umweltminister Röttgen wolle sie linken.

Röttgens Büroleiterin im Umweltministerium ist Getrud Sahler. Eines der wenigen CDU-Mitglieder im rot-grün dominierten Haus. Sie diente schon Umweltministerin Angela Merkel - als Pressesprecherin. Tatsächlich spricht einiges dafür, dass Röttgen zwar zwischenzeitlich über das Ziel hinausschoss, prinzipiell aber durchaus im Sinne der Kanzlerin handelt. Sie lässt die Identitätsthemen der CDU gerne von unverdächtigen Parteifreunden bearbeiten: So wie die siebenfache Mutter Ursula von der Leyen den Einstieg in die Kita-Republik schaffte, der schneidige Karl-Theodor zu Guttenberg der Union gerade den Wehrpflicht-Zahn zieht, so ringt der Wirtschaftsfreund Röttgen der Wirtschaft gerade das endgültige Aus der Kernkraft ab.