CDU

Merkel und Koch – eine herzliche Rivalität

| Lesedauer: 8 Minuten
Hajo Schumacher

Foto: picture alliance / dpa / dpa

Sie war Kohls Mädchen, er der Lieblingsenkel. Sie will gewinnen, er Recht behalten. Protokoll der Beziehung zwischen Angela Merkel und Roland Koch.

An das erste Treffen mit Roland Koch kann sich Angela Merkel nur ungenau erinnern. Es war ein Parteitag Mitte der 90er-Jahre, sie Umweltministerin, er ein ehrgeiziger Nachwuchsmann. Die Kombination „Frau“ und „Umwelt“ bedeutete für Koch Gedöns. Sie empfand ihn – den Wessi – als herablassend. Er mäkelte über das fernsehgerechte Blau hinter der Bühne und die neue Form der drei Buchstaben „C“, „D“ und „U“. Sie zuckte die Schultern: Nebensächlichkeiten.

Gemeinsamkeiten

Die Kühle, die Schläue, das Tempo beim Denken – „in manchem sind wir uns sehr ähnlich“, sagt Merkel. In der Wahrnehmung unterscheiden sich beide jedoch gewaltig. „Ich bin doch kein Darwinist“, sagt Koch. Aber er kommt so rüber.

Spannung

Erst nach Kohls Niederlage 1998 begegneten sich beide wieder. Koch und der damalige Parteichef Wolfgang Schäuble hatten die Doppelpass-Kampagne für den hessischen Wahlkampf 1999 ausgeheckt, eine Attacke auf Schröders rot-grüne Regierung, die soeben die doppelte Staatsbürgerschaft beschlossen hatte.

Generalsekretärin Merkel fand die Unterschriftenaktion unappetitlich und bestand darauf, dass dem „Nein zum Doppelpass“ ein „Ja zur Integration“ hinzugefügt werde.

Später bedankte sich Koch, wenn auch eher beiläufig, für den Zusatz, der der Kampagne ein wenig an Schärfe genommen hatte. Auch sie korrigierte sich: Nicht der Inhalt, aber die geradlinige Umsetzung hatte sie beeindruckt – und gewarnt: Diesen gerissenen Aufsteiger musste sie im Auge behalten.

Der Brief

Koch schäumte. „Nicht angemessen“ sei der Brief, den Merkel wenige Tage vor dem Milleniumswechsel und mitten in der Spendenaffäre in der „Frankfurter Allgemeinen“ veröffentlicht und damit den Bruch mit Kohl vollzogen hatte. Wie sein Ziehvater empfand auch dessen Lieblingsenkel die Depesche als Verrat, die größte Sünde im westdeutschen Männerbund CDU.

Unterlassene Hilfeleistung

Auf dem Höhepunkt der hessischen Spendenaffäre taumelt Koch am Abgrund. Mit äußerstem Missfallen registriert er, dass die Parteichefin sich aus dem fernen Berlin eher distanziert als solidarisch äußert. Drei Jahre später lässt sie ihn auch in der Causa des Rechtsaußen Martin Hohmann erst allein und dann vor die Wand fahren – das Koch-Lager wittert zu Recht eine Zermürbungsstrategie.

Der Tiefpunkt

Ende 2001 melden die Demoskopen gute Zahlen für die Union. Kochs Plan, Merkel in eine Niederlage bei der Bundestagswahl 2002 gegen Kanzler Schröder zu treiben, um daraufhin den Laden zu übernehmen, gerät in Gefahr. Er selbst will, kann aber nicht antreten, er braucht erst einen abermaligen Sieg in Hessen 2003, um sich von der Spenden-Affäre reinzuwaschen.

Edmund Stoiber soll Kandidat werden; der Bayer stellt Koch die Nachfolge in Aussicht, sofern der hessisch dominierte CDU-Freundeskreis namens „Andenpakt“ den CSU-Kandidaten stützt. Doch Merkel signalisiert Kampfgeist. Koch erklärt ihr am Telefon lautstark, dass sie keine Chance habe.

Sie fährt nach Wolfratshausen und legt Stoiber die Kandidatur zu Füßen. Später sieht sie ein, dass diese Niederlage keine war. Sie hätte ebenfalls gegen den brillanten Wahlkämpfer Schröder verloren. Und damit das Feld frei gemacht für Koch.

Rache

Am 20. Oktober 2002 betritt Angela Merkel das Sendegebäude von Sat.1 in Berlin. Einige Andenpaktler haben sie eingeladen, zum zwanglosen Kennenlernen bei einem Glas Weißwein. Aber wie soll es zwanglos zugehen mit einer Frau, welche die Lebensplanung nahezu aller Anwesenden durchkreuzt hat?

Koch begreift, dass das Treffen ein Fehler war. Denn nun kennt Merkel ihre Gegner. Im nächsten Sommerloch stellt der „Spiegel“ den Männerbund vor und damit bloß. Die Rollen sind verteilt: viele böse Wölfe, vor allem der aus Hessen, und ein unschuldiges Geißlein. Die Partei- und Fraktionsvorsitzende Merkel beschließt das Jahr mit der Feststellung, die „unangefochtene Nummer eins der CDU“ zu sein. Koch knurrt.

Kunst des Flirtens

Wer wird 2004 Nachfolger von Johannes Rau? Bundespräsidentenwahlen signalisieren traditionell neue Mehrheiten im Land. Setzt Merkel einen eigenen Kandidaten im schwarz-gelben Lager und anschließend in der Bundesversammlung durch, wäre sie auf dem Weg ins Kanzleramt einen großen Schritt weiter.

Koch will wieder Muckis zeigen. Er schlägt Schäuble vor, wohl wissend, dass er keine Mehrheit bekommen würde. „Ist das klug, was Sie da machen?“, fragt sie ihn. Und gibt sich die Antwort gleich selbst: „Ich glaube nicht, dass das klug ist.“ Er interpretiert den Monolog als Schwäche, sie begeistert Westerwelle und Stoiber für Horst Köhler.

Kulturelle Kluft

Es sei kein politischer, sondern eher ein kultureller Graben, der das Paar trenne, sagt der Soziologe Heinz Bude. Hier das reiche Eschborn, stellvertretend für Fleiß-Deutschland, das seit jeher den Wohlstand erwirtschafte. Dort die Großstädterin aus dem armen Berlin, das fortwährend subventioniert werden will.

Als Seiteneinsteigerin ist sie gleichwohl unabhängig von den Seilschaften der Partei, Koch dagegen seit früher Jugend verstrickt in „Tankstellen-Connection“ und „Andenpakt“ und mithin zu Freundschaftsdiensten verpflichtet.

Girlscamp gegen Männerbund, sein Offensivspiel gegen ihr defensives Mittelfeld. Sie positioniere die Partei viel zu weich, könne nicht führen, verharmlose den Zustand des Landes, schone die Opposition, sagt Koch und gähnt dabei gelangweilt wie eine satte Hyäne: „Mit Formelkompromissen kommt man erstaunlich weit.“

Er arbeitet wie ein Besessener, als könne er seinen Aufstieg durch Arbeitsstunden erzwingen. „Hat er ganz gut gemacht“, sagt Angela Merkel gnädig, wenn Koch wieder mal nächtelang im Bundesrat kämpfte. In vergifteten Loben tun sich beide nichts.

Der Besuch

Einmal war Merkel bei den Kochs in Eschborn zu Besuch. Die südstaatenartige Villa, die nach Eschborn passt wie ein Golfschläger auf den Fußballplatz, beeindruckte die CDU-Chefin. „Es macht Spaß, mit ihm über Politik zu reden“, findet die Physikerin, „weil er sehr gut schlussfolgert und die Dinge auf den Punkt bringt.“ Befremden bleibt dennoch, weil „er so unerbittlich gegen sich selbst ist“.

Versöhnung

Parteisoldat Koch befürwortet tapfer Merkels Kanzlerkandidatur, gleichwohl ist ihr Resultat bei der Bundestagswahl 2005 enttäuschend. Manche Ministerpräsidenten wollen sie noch am Abend stürzen. Doch Koch stützt die Angeschlagene. Seine Loyalität wird im Girlscamp wohlwollend registriert.

Fortan entwickelt sich der Hesse zur wichtigsten Stütze der Kanzlerin. Er räumt weg, er prescht vor, er lässt sich als Parteivize in die Pflicht nehmen. Freundschaftsdienste werden belohnt, hat Koch in seinen Männerbünden gelernt.

Unmoralisches Angebot

Schicksalsjahr 2008. Das einstige Wunderkind Koch entgeht nur dank sozialdemokratischer Dämlichkeit seiner Frühpensionierung als Hessen-Chef. Er wird 50, die Kinder sind aus dem Haus, Frau Anke will nicht nach Berlin, nach gewonnenen Neuwahlen muss sich sein Leben ändern.

Koch signalisiert seiner Parteifreundin, dass er sich beruflich gern verändern würde. Sie bietet ihm den EU-Kommissar an – in Kochs Augen nicht viel attraktiver als die stellvertretende Archivleitung bei der Konrad-Adenauer-Stiftung. Er lehnt ab.

Das Ende

Der 750-Milliarden-Sonntag Anfang Mai 2010. Schäuble in der Brüsseler Klinik. Thomas de Maizière übernimmt anstelle des Finanzministers in Brüssel. Große Politik in Brüssel und Berlin. Und Koch klebt in Wiesbaden. Dort wartet Freund Buffi Bouffier seit elf Jahren geduldig auf den Einzug in die Staatskanzlei. In Hessen wird Loyalität belohnt; in Merkels Berlin eher nicht.

Die Kanzlerin weilt in Abu Dhabi, als sie von seinem Rückzug erfährt. Er sei ihr „viele Jahre ein freundschaftlicher, guter und wichtiger Ratgeber“ gewesen, sagt sie entspannt. Er verliert selbst im engsten Kreis kein böses Wort über sie. Miteinander konnten sie dennoch nicht. Mal sehen, ob sie ohne einander können.