Konkurrenz im Jenseits

Auf der Suche nach dem Leben nach dem Tod

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Gernot Facius und Matthias Kamann

Foto: dpa / DPA

Gibt es ein Leben nach dem Tod? Gut die Hälfte der Deutschen glauben daran. Doch der Glaube an die Unsterblichkeit ist längst kein Monopol der Christen mehr. Friedwälder, bunte Beerdigungszeremonien und die Kommunikation mit Verstorben über das Internet zeigen – um das Jenseits ist eine Konkurrenz entbrannt.

Man kann an ein Leben nach dem Tod glauben, ohne an die Auferstehung zu denken. Zwar sind nach verschiedenen Umfragen gut 50 Prozent der Deutschen davon überzeugt, dass mit dem Tod nicht alles zu Ende ist. Aber im christlichen Sinne religiös sind sie damit noch lange nicht. Sogar 70 Prozent der befragten Schüler zeigten sich bei einer Erhebung der Zeitschrift „Eltern Family“ von einem Weiterleben überzeugt, doch glaubten dabei 19 Prozent „an ihre Wiedergeburt“, 14 Prozent an ein Wiedersehen mit der Familie oder Freunden. 13 Prozent stellten sich eine Existenz ohne Streit und Angst vor, nur neun Prozent ein ewiges Leben im Reich Gottes.

Offenbar gründen die Unsterblichkeitshoffnungen vieler Deutscher „nicht mehr in der rituellen Vergegenwärtigung einer Erlösertat, die den Tod durch Auferstehung relativiert“, wie die Soziologen Hubert Knoblauch und Arnold Zingerle schreiben. Die „Auferstehungsgläubigen“, erklärt der katholische Theologe Michael Ebertz, geraten in die Minderheit. Stattdessen ruhen die Hoffnungen der Menschen auf durchaus austauschbaren Garantiemächten.

Das kann Gott sein, laut Knoblauch und Zingerle aber genauso eine „esoterische Kosmologie“, wo Verstorbene von unbekannten physikalischen Kräften gehalten werden. Aus Nahtod-Erfahrungen von „Zurückgeholten“ schließen andere, nach dem Tod gehe es biologisch weiter. Oder man hält es einfach mit dem Satz „Ich würd' mir das offenhalten“, den Soziologinnen aufzeichneten, als sie Ostdeutsche nach dem Jenseits fragten. Dabei zeigte sich, wie wichtig den Menschen die Erinnerung der Hinterbliebenen ist, in deren Liebe Tote aufgehoben seien. So fand die Publizistin Katharina Rutschky in neueren Todesanzeigen häufig dieses Zitat von Thornton Wilder: „Da ist ein Land der Lebenden, und da ist ein Land der Toten. Die Brücke zwischen ihnen ist die Liebe – das einzig Bleibende – der einzige Sinn.“

Von größter Bedeutung ist dieses Motiv in den Harry-Potter-Romanen von Joanne K. Rowling, die in einer Welt ohne Gott die Grenzen zwischen Leben und Tod verschwimmen lässt. In diesen meistgelesenen Romanen des letzten Jahrzehnts gibt es Geister und mordende Leichen, Nahtod-Erfahrungen und Kommunikation mit Verstorbenen, der Bösewicht Lord Voldemort versucht, sich den Tod zu unterwerfen. Aber die Liebe ermöglicht einen harmonischen Kontakt zu den Toten.

Etwa wenn Harry im siebten und letzten Band ähnlich wie Jesus sein Leben für alle anderen opfern soll, weil Lord Voldemort es verlangt. Doch während Jesus allein gehen muss, hat Harry Gesellschaft. Der „Stein der Auferstehung“, den Harry bei sich trägt, gibt die Gestalten seiner liebsten Toten frei, seiner Mutter Lily, seines Vaters James, seines Patenonkels Sirius, seines Freundes Lupin. Harry spricht sie an: „‚Ihr werdet bei mir bleiben?' ‚Bis ganz zum Schluss', sagte James. ‚Sie werden euch nicht sehen können?', fragte Harry. ‚Wir sind ein Teil von dir', sagte Sirius. ‚Für jeden anderen unsichtbar.' Harry sah seine Mutter an. ‚Bleib in meiner Nähe', sagte er leise.“

Scheinbar möglich wird solche Kommunikation mit Verstorbenen im Internet. Seit den 90er-Jahren wurden vor allem in den USA Memorials angelegt, Gedenkseiten für Verstorbene, auf denen in jahrelanger Kleinarbeit alle verfügbaren Bilder und Texte zu Verstorbenen gesammelt und umgruppiert, häufig auch Briefe an sie geschrieben werden. Die Kulturwissenschaftlerinnen Ira Spieker und Gudrun Schwalbe beobachten dort, „dass die Fortschreibung von Memorials das Leben der Hinterbliebenen bestimmt. Das Führen eines Trauertagebuchs, die Veränderung der Fotoarrangements oder das Abfassen von Briefen an die Verstorbenen können zu Ersatzhandlungen für die abgebrochene reale Kommunikation werden.“ Man agiere „mit den Toten wie mit Lebenden“, vermischt würden „unterschiedliche Formen der Virtualität – Cyberspace, Jenseits oder Himmel“.

Sogar beim „Plastinator“ Gunther von Hagens, dessen Ausstellung „Körperwelten“ über 25 Millionen Menschen sahen, geht es um ein Weiterleben nach dem Tod. Denn die Plastination, die Konservierung der Leiche durch Kunststoff, befriedigt nach Meinung von Hagens' „auf zeitgemäße Weise die Sehnsucht nach Unsterblichkeit, welche bisher die Kirche monopolisierte“. Und wenn heute das Anfertigen von Totenmasken wieder in Mode kommt – nach Schätzungen wird es mittlerweile von knapp 200 Bestattern in Deutschland angeboten –, dann lässt sich ebenfalls von einer Verlängerung der irdischen Individualität in den Tod hinein sprechen. Zuweilen ganz körperlich: Einige trauernde Eltern ließen schon Abdrücke von Armen oder Händen ihrer Kinder nehmen. Kein Zweifel: Der Glauben an ein „Weiter“ nach dem Tod ist nicht tot. Es aber christlich zu besetzen wird für die Kirchen immer schwieriger.

Fast jede zweite der rund 800.000 Bestattungen im Jahr entspricht nicht mehr dem traditionellen Beerdigungsmuster. Die „letzte Reise“ wird lebendiger und bunter, statt eines Pfarrers geht immer öfter ein freier Trauerredner hinter dem Sarg. Das kirchliche Ritenmonopol hat sich aufgelöst; die Zahl anonymer Bestattungen steigt; katholische Geistliche beklagen, dass ihnen oft nur noch die Rolle des „Zeremonienmeisters“ zufällt – erster Ansprechpartner ist der gewerbliche Bestatter. Selbst manche Pfarrer stellen nicht mehr den Auferstehungsgedanken in den Mittelpunkt, sondern die Biografie des Verstorbenen. Ein Paradigmenwechsel.

Kardinal Karl Lehmann nennt die Begräbnisfeier eine „Verkündigung der Osterbotschaft im Trauerkleid“. Eine kirchliche Bestattung sei zwar kein Sakrament, aber eine liturgische Feier der Kirche. Denn die christliche Antwort auf die Frage nach Tod gründet in Jesu Auferstehung, sie prophezeit den Menschen das ewige Leben. Doch dieses Bild hat an Ausstrahlungskraft verloren. Der katholische Pfarrer und Autor Wolfgang Picken glaubt den Grund für dieses Verblassen in „großen Versäumnissen“ der Kirchen zu erkennen: „Vielerorts gehen ihre Vertreter immer noch von nicht bestehenden Präpositionen aus, indem sie einen Osterglauben voraussetzen. Damit tragen sie Mitverantwortung dafür, dass viele Menschen ohne entsprechende Antworten leben und sich zweifelhaften, anderen religiösen Angeboten zuwenden.“ Picken findet es beschämend, dass viele Trauerfeiern „nichts anderes als lieblose und gedankenlose Abfertigungen sind“. Auf Großstadtfriedhöfen, bedauerte der evangelische Propst von Rheinhessen, Klaus-Volker Schütz, hätten Pfarrer genau 20 Minuten, um eine Trauerfeier „abzuwickeln“.

Nutzt kirchliche Seelsorge alle Chancen, den Trauernden den Zugang zum Auferstehungsglauben zu erleichtern? Nein, meint Picken: „Wo hören Trauernde nach der Beerdigung noch einmal etwas von ihrem Seelsorger? So nehmen sich die Kirchen eine Möglichkeit, ihre Botschaft von Tod und Auferstehung im Leben der Menschen zu verankern.“ Er fordert ein grundsätzliches Umdenken in der Trauerpastoral, damit die Betroffenen nicht in eine Sinnleere entlassen würden. Die Kirchen, bedauerte auch der katholische Theologe Ottmar Fuchs, hätten ihre Gläubigen bei der Frage „Was kommt nach dem Tod?“ im Stich gelassen. Damit hätten sie der Esoterik und anderen Religionen den Weg geebnet.

Gegenüber Friedwäldern bleiben katholische Bischöfe auf Distanz. „Auf keinen Fall fördern!“, lautet die Anweisung in der Diözese Münster. Doch Pastoraltheologen warnen davor, die neuen Rituale und Formen der Trauerkultur in Bausch und Bogen abzulehnen. Es habe eine Transformation der Religion in „Religiosität“ stattgefunden. Das Ergebnis des Prozesses der Entkirchlichung sei also nicht unbedingt der unreligiöse Mensch, sondern der Typ des „zaghaft spirituell Suchenden“. Der aber hat schon längst woanders zu suchen begonnen.