So war es nicht geplant, aber inzwischen kann sich Horst Seehofer viel erlauben. Zum Beispiel den Ehrengast auf dem kleinen Parteitag der CSU zu versetzen. Als Christian Wulff am Samstag vor dem Nürnberger Messegelände vorfährt, fehlt der CSU-Chef. Niemand weiß, wo er ist. Nur Edmund Stoiber ist zur Stelle, um den Bundespräsidenten-Kandidaten von Schwarz-Gelb zu begrüßen.

Er habe noch einiges zu erledigen gehabt, sagt Seehofer gelassen. Denn seine Position in der CSU ist so stark wie nie: Niemand glaubt mehr, dass zur Landtagswahl 2013 ein neuer Spitzenkandidat gesucht werden muss. Die Kronprinzen hält Seehofer mit Zuckerbrot und Peitsche unter Kontrolle. Und Seehofer wächst in die Rolle des Landesvaters hinein. Mit dem Erfolg eines Bundeslandes im Rücken, das „den Rütteltest der größten Wirtschaftskrise seit 60 Jahren glänzend gemeistert hat“, will Seehofer der konservative Stachel im Fleisch der Koalition bleiben – auch weil Aufbegehren gegen Berlin als schöne bayerische Tradition gilt.

Auf Pannen reagiert der CSU-Chef hart. Dass Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer ihm die Parteitags-Regie verpfuscht, ahndet er umgehend. Eigentlich wollte sich die CSU als Schönwetterpartei präsentieren – allen steuer- und gesundheitspolitischen Querschüsse zum Trotz. Die CSU sei der „stabile Anker der Koalition“, sagt Generalsekretär Alexander Dobrindt. Als Nachweis sollte wenige Tage vor der Bundespräsidentenwahl das eindeutige Votum der CSU für Wulff dienen und das Versprechen, dass die CSU das Sparpaket der Bundesregierung ohne Wenn und Aber unterstütze.

Indirekt sollte dokumentiert werden, dass nicht die CSU, sondern die FDP der Störenfried ist. Längst hatte Seehofer deutlich gemacht, dass verbales Holzen gegen die Liberalen eingestellt wird, um bürgerliche Anhänger nicht noch mehr zu irritieren. Aber Haderthauer hatte den Stimmungswandel offenbar nicht mitbekommen.

Zum Parteitag versteigt sie sich in einen gewagten Vergleich. Der FDP-Vorschlag, das Elterngeld für nicht berufstätige Eltern zu streichen, sei Familienpolitik wie in der der chilenischen Pinochet-Diktatur.

Nicht nur die FDP schäumt, auch Seehofer. Er teilt zwar die Kritik, aber nicht die Wortwahl: „Stil ist Ausweis unserer Qualität. Das nehme ich nicht mehr hin.“ Auch die CSU-Landesgruppe im Bundestag ist über Haderthauers Kraftmeierei entsetzt. Auf dem Parteitag kann sie sich aber nicht rechtfertigen. Sie nimmt lieber an der Oldtimer-Rallye „Donau Classic“ teil.

Dennoch kann Seehofer den Parteitag als Erfolg verbuchen. Mit einer traditionellen Rede gewinnt er die 400 Delegierten. Ungeachtet miserabler Umfragewerte für die Union beschwört er alte Größe, schmeichelt Parteifreunde und zählt Bayerns Spitzenplätze im bundesdeutschen Rankings auf: bei der Bildung, der Wirtschafts- und Finanzpolitik und der inneren Sicherheit. Und Seehofer will sein Image korrigieren: „Was wir versprochen haben, werden wir auch halten.“ Da geht es um Krankhäuser und Schulen in Bayern.

Seehofer arbeitet an diesem Sommertag auf die nächste Landtagswahl und das Ziel der CSU-Alleinregierung hin. Dass die Delegierten keine Aussprache wünschen, ist für ihn ein Nachweis der „kollektiven Intelligenz der Partei“.