Krisenstimmung

Eliten sind enttäuscht von Merkels Regierung

Mehr als drei Viertel der Entscheider in Wirtschaft, Politik und Verwaltung glauben nicht, dass die Koalition Deutschlands Probleme lösen kann.

Foto: Getty Images / Getty Images/Getty

Die tief zerstrittene Koalition hat ihren Kredit in den deutschen Chefetagen nahezu verspielt. 92 Prozent der Entscheider in Wirtschaft, Politik und Verwaltung zeigen sich im Capital-Elite-Panel von der Regierung enttäuscht. Auch das Image von Kanzlerin Angela Merkel hat der am Dienstag veröffentlichten Umfrage zufolge tiefe Kratzer bekommen. Zur Sanierung des Staatshaushaltes empfehlen die Führungskräfte auch eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes. Den Euro wollen sie durch eine einheitliche europäische Wirtschaftspolitik sichern.

Die viel beachtete Umfrage wird seit 1987 vom Institut für Demoskopie Allensbach für die Zeitschrift „Capital“ erhoben. Befragt wurden 533 repräsentativ ausgewählte Führungskräfte, darunter 138 Vorstände, 21 Ministerpräsidenten und Minister von Bund und Ländern sowie 32 Leiter von Bundes- und Landesbehörden.

Noch nie sei die Enttäuschung über eine Bundesregierung so groß gewesen, sagte Allensbach-Chefin Renate Köcher. Von den Vorschusslorbeeren, die das bürgerliche Bündnis erhalten hatte, ist nach weniger als neun Monaten im Amt nichts mehr übrig: Nur sechs Prozent sind mit der Arbeit von Schwarz-Gelb zufrieden, mehr als drei Viertel halten die einstige Wunschkoalition von Union und FDP für zu schwach, um die anstehenden Probleme zu lösen. Fast 70 Prozent erteilen der Wirtschaftspolitik schlechte Noten, in der Dezember-Umfrage waren es nur 37 Prozent.

Das Zwischenzeugnis fällt umso verheerender aus, als die Regierung nicht vom Konjunkturoptimismus der Elite profitieren kann. 59 (Dezember: 61) Prozent sehen Deutschland im Aufschwung. Ihre eigene Auftragslage bewerten die Unternehmenslenker zu 81 (62) Prozent als gut oder sehr gut. Üblicherweise gingen die Auftragsbeurteilung und die Bewertung der Wirtschaftspolitik im Gleichschritt, sagte Köcher. Die Umfrage legt den Schluss nahe, dass in der Wahrnehmung der Führungskräfte die Erholung nicht wegen, sondern trotz der – zankenden – Bundesregierung kommt.

Merkel steht schlecht da, Westerwelle noch schlechter

Die Enttäuschung über den als verpatzt empfundenen Start der Koalition lasten die Top-Entscheider auch Merkel persönlich an. 49 Prozent halten die CDU-Chefin für eine schwache Kanzlerin, nur 44 Prozent halten sie für stark. So schlecht stand Merkel zuletzt im Herbst 2006 da. Nur noch die Hälfte der Befragten attestiert ihr hohes Durchsetzungsvermögen, bei der vorherigen Umfrage waren es noch 72 Prozent. Noch deutlich schlechter schneidet Vizekanzler Guido Westerwelle ab. So bescheinigen ihm nur zwei Prozent der Befragten politisches Fingerspitzengefühl.

Bei der Bewertung der anderen Minister verzichtete die Elite auf Klassenkeile. So lobten 80 Prozent die „gute Arbeit“ von Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). Bitter für die FDP: Von Wirtschaftsminister Rainer Brüderle sagen das nur acht Prozent.

Trotz der miserablen Beurteilung rechnen 77 Prozent der Entscheider damit, dass die Koalition bis 2013 durchhalten wird. Dabei sehen sie offenbar keine Alternative, denn nur 41 Prozent gaben an, dass ihnen rückblickend ein anderes Bündnis lieber gewesen wäre. Um eine höhere Zustimmung zu bekommen, müsste die Koalition Köcher zufolge den Schulterschluss proben und mehr nach innen als nach außen diskutieren. Ein „Maulkorberlass„ könne helfen, sagte Köcher. Trotzdem werde es lange dauern, bis die Koalition wieder aus diesem tiefen Tal herauskomme.

Eliten lehnen Steuererhöhung für alle ab

Im Zentrum der Aufmerksamkeit der Führungskräfte stehen in der nahen Zukunft die Euro-Krise und der Schuldenabbau. 79 Prozent sagen, der Euro könne nur durch eine einheitliche europäische Wirtschafts- und Finanzpolitik gerettet werden, 54 Prozent halten sogar eine gemeinsame Wirtschaftsregierung für notwendig – obwohl Deutschland dadurch mehr Nachteile hätte.

In Deutschland plädiert eine satte Mehrheit für einen Sparkurs (76 Prozent) und die Einhaltung der Schuldenbremse (86 Prozent). Dabei sind die Entscheider auch bereit, eigene Beiträge zu leisten: Zwei Drittel halten eine Erhöhung des Spitzensteuersatze für akzeptabel, 83 Prozent würden es hinnehmen, wenn den Unternehmen Finanzhilfen gekürzt würden. Für eine generelle Erhöhung der Lohn- und Einkommensteuer sprachen sich dagegen nur 18 Prozent aus.

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