Stärker als diese mag noch keine Koalition die parlamentarische Sommerpause herbeigesehnt haben. Nichts, aber auch wirklich gar nichts will mehr gelingen. Die eigenen Leute zerfleddern das gerade erst beschlossene Sparprogramm. Sie streiten über die Gesundheits- und Steuerpolitik und beschädigen einen Minister nach dem anderen. Die CSU zerstört die Gesundheitsreform von Philipp Rösler, die FDP blockiert jede von Wolfgang Schäuble ins Gespräch gebrachte Steuer- oder Abgabenerhöhung. Und Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg soll damit gedroht haben, die Brocken hinzuwerfen.

Für die angebliche Rücktrittsdrohung werden gleich mehrere Gründe genannt. Der erste ist ein im Kanzleramt erstelltes Gutachten, das Guttenbergs Rolle im Kundus-Untersuchungsausschuss analysiert. Die CSU sieht darin eine gezielte Intrige, und Guttenberg bewertet die Sache wohl ähnlich. Der zweite Grund ist der Streit mit der Unionsfraktion, die sich gegen die von Guttenberg ins Spiel gebrachte Abschaffung der Wehrpflicht auflehnt. Und drittens ist da das offenbar hoffnungslos zerrüttete Verhältnis zwischen Guttenberg und Angela Merkels Kanzleramtschef Ronald Pofalla.

Es wäre also höchste Zeit, dass die Kanzlerin die Koalition zur Ordnung ruft und die vielen Konfliktherde befriedet. Zwar gibt sie ein Interview nach dem anderen, sie redet viel, aber sagt doch wenig. So wendet sich ihr Publikum enttäuscht den Schlachtrufen einiger FDP-Landesverbände zu.

Lautstark machen sie Stimmung gegen Merkel. Sie distanzieren sie sich vom Präsidentschaftskandidaten Christian Wulff und provozieren so offen das Scheitern der Kanzlerin und mit ihr der gesamten Koalition. Sie schrecken sogar vor Angriffen auf ihren Parteichef Guido Westerwelle nicht mehr zurück. Dem drohen sie mit einem Sonderparteitag im Herbst, der ihn den Vorsitz kosten könnte.

Kurzum: Die Situation scheint heillos verfahren. Und weil dies so ist, wird allenthalben über den Bruch des gerade mal acht Monate alten schwarz-gelben Bündnisses spekuliert. Nicht wenige erwarten ihn mit ebenso großer Sehnsucht wie die Koalition selbst die Flucht in die Sommerpause. Wer aber dem Koalitionsbruch das Wort redet, der muss auch sagen, wie es hinterher weitergehen soll.

Losgetreten wurde die Debatte über den Zerfall der Koalition in den Hinterzimmern der Opposition. Dies geschah etwa zu dem Zeitpunkt, als die ersten FDP-Landesverbände ihre Sympathie für den Präsidentschaftskandidaten der Opposition, Joachim Gauck, erkennen ließen. Da konnte die SPD vor Freude über diesen Erfolg kaum an sich halten. Schließlich war es ihr gelungen, der Kanzlerin eins auszuwischen.

Damit hatte der Kandidat Gauck seinen Zweck eigentlich schon ganz und gar erfüllt. Doch die SPD ahnte, dass aus dem Scoop noch mehr herauszuholen war. Also erzählten sie jedem, der es hören wollte, Wulff habe die Wahl zum Bundespräsidenten noch nicht gewonnen. Wenn nur genügend Liberale in der Bundesversammlung für Gauck votierten, bestehe durchaus die Möglichkeit, dass Wulff im ersten und zweiten Wahlgang nicht durchkomme.

Das war zwar eine Binsenweisheit, doch verfehlte sie ihre Wirkung nicht, da sie immer mit dem mit dem Gestus von Wahrsagern vorgetragen wurde, die mit finsterer Miene von ihrer Glaskugel aufschauen. Und sie endete mit dem Satz: Was das für den Fortbestand der Koalition bedeute, darüber könne nur spekuliert werden.

Nun sollte aber niemand glauben, die Sozialdemokraten könnten es gar nicht erwarten, selbst wieder an die Regierung zu kommen. Weit gefehlt! Sie wissen nämlich viel zu gut, was ihnen dort bevorstünde.

„Franz Müntefering hat einmal gesagt, Opposition sei Mist. Aber im Augenblick hat man nicht den Eindruck, dass Regieren keinen Spaß macht“, gibt ihr parlamentarischer Geschäftsführer Thomas Oppermann unumwunden zu. Es sei daher sehr wohl zu überlegen, ob die Oppositionsrolle derzeit nicht die angenehmere sei.

Da mag Parteichef Sigmar Gabriel noch so kraftmeierisch kundtun, die SPD könne „sofort eine Regierung übernehmen“. Nicht einmal in Nordrhein-Westfalen haben sie es hinbekommen. Dieser Wahrheit sollte Gabriel ins Auge sehen können. Acht Monate nach dem vernichtenden K.O. der Bundestagswahl ist die Partei gerade erst aus dem Koma erwacht. Aber sie besitzt weder die Kraft, auf eigenen Beinen zu stehen, geschweige denn eine Bundesregierung zu führen.

Sie könnte bestenfalls wieder der Juniorpartner einer großen Koalition sein. Für die CDU wäre das wohl die klügste Entscheidung, aber für die SPD? Die sollte es sich aus parteipolitischer Sicht gut überlegen. Schließlich hat sie durch die Zusammenarbeit mit der CDU/CSU unter Merkel in mindestens ebenso starkem Maße an Zustimmung bei den Wählern verloren wie durch die Verabschiedung der Hartz-Reformen. Sollte es am Ende keine andere möglich sein, würden die Sozialdemokraten wohl nicht verweigern. Aber warum sollte es überhaupt so kommen?

Weder die Union noch die FDP können ein Interesse an einem Bruch der Koalition haben. Die FDP würde sich mit einer verheerenden Regierungsbilanz in die Opposition verabschieden. An dieser Bilanz würde sie bei den kommenden Wahlen gemessen, deren Ergebnisse sie vernichten könnten.

Ebenso dürften die Wähler die Union für die bisherige Regierungsleistung abstrafen. Bei Neuwahlen hätte auch sie nichts zu gewinnen. Bei einem Bruch der Koalition können Union und FDP also nur noch mehr verlieren, als sie bislang schon verloren haben. Warum sollten sie sich das antun? Folglich werden sie versuchen, sich so lange wie möglich durch das Chaos zu retten. Und die SPD ist froh über jeden Tag, an dem sie noch nicht mit der Regierungsverantwortung konfrontiert wird.