Fotos von zerfetzten Füßen, von Einschusslöchern am Oberkörper, von offenen Wunden, sogar von leeren Augenhöhlen kleben an der Wand. Extra aufgehängt, nur für den Besuch des Verteidigungsministers.
Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) schaut über diese blutigen Details der deutschen Auslandseinsätze fast hinweg. Im Bundeswehrkrankenhaus Berlin will er sich über die unsichtbaren Wunden informieren, die der „kriegsähnliche Zustand“ in Afghanistan zunehmend produziert.
Darüber, wie die Bundeswehr ihre Fürsorge für traumatisierte Soldaten und deren Angehörige verbessern kann. Die Zahl der Soldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen ist nach den Isaf-Einsätzen in Afghanistan stark gestiegen: von 150 im Jahr 2007 auf mehr als 450 im vergangenen Jahr.
Es gehe darum, diese „Verwundung der Seele“ ernst zu nehmen, sie aus dem „Schattendasein der Öffentlichkeit“ zu holen und eine offene Debatte zu wagen, sagt der Minister. Guttenberg hat erst Anfang dieses Monats angewiesen, das in Berlin angesiedelte Trauma-Zentrum auszubauen. Nachdem dieses Institut im vergangenen Jahr seine Arbeit eher provisorisch aufgenommen hatte, kritisierten viele Politiker, dass es seinen Namen nicht verdiene. Nun sind dort statt zehn fast 50 Mitarbeiter tätig.
Mit dem Trauma-Zentrum leistet die Regierung einen Beitrag, die Folgen der Auslandseinsätze für die Soldaten zu mildern. Gleichzeitig rücken damit die Probleme noch stärker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit.
Dort ist die Akzeptanz etwa des Afghanistan-Einsatzes bereits jetzt dramatisch niedrig. Laut einer Studie des Allensbach-Instituts sehen 59 Prozent der Bürger die Stationierung deutscher Soldaten am Hindukusch als einen Fehler an. Nur 21 Prozent würden das nicht sagen. Die Mehrheit der Anhänger aller Parteien vertritt diese Haltung.
Besonders stark ist sie unter den Wählern von SPD (59 Prozent) und Grünen (70 Prozent) ausgeprägt. Rot-Grün hatte deutsche Soldaten unter der Regierung Gerhard Schröders (SPD) Ende 2001 nach Afghanistan entsandt.
48 Prozent der in der aktuellen Umfrage Befragten wünschen sich ein sofortiges Ende des Einsatzes. Nur 32 Prozent sind dafür, das Land erst dann zu verlassen, wenn sich die Lage dort stabilisiert hat.
Dass diese breite Ablehnung nicht zu einem gesellschaftlichen Aufruhr führt, mag damit zu tun haben, dass Afghanistan im Sinne des Wortes als weit weg empfunden wird. Deutschland, das sagen 69 Prozent der Bürger, werde eben doch nicht am Hindukusch verteidigt. Unter den Dingen, die den Menschen Sorgen bereiten, wird die Lage in Afghanistan nur von 41 Prozent benannt – unter „ferner liefen“.
Eine gewisse Gleichgültigkeit macht sich offenbar breit, die die politisch Verantwortlichen aufschrecken muss. Zwar ist nicht zu erkennen, dass sich die Bevölkerung von der Bundeswehr als Institution oder von den einzelnen Soldaten abwendet. Doch den konkreten Auslandseinsatz heißen immer weniger gut. Auf Dauer, so die Meinung von 56 Prozent der Befragten, könne sich Deutschland auf Grund seiner Bündnisverpflichtungen aber nicht aus internationalen Konflikten heraushalten.
Der Ausbau des Trauma-Zentrums war dringend notwendig und wird von Guttenberg als „Herzensanliegen“ bezeichnet. Bei seinem Besuch im Bundeswehrkrankenhaus erfährt er von einer medizinischen Vorstudie am Beispiel Kundus. Sie hat ergeben, dass etwa die Hälfte der dort eingesetzten Soldaten unbelastet zurückkehrt. 22 Prozent könnten sich – wieder eingebettet in den Alltag der Familie – selbst heilen. 16 Prozent seien „Weltmeister im Verdrängen“. Und etwa zwölf Prozent gehörten zur Risikogruppe, die anschließend eine Therapie machen muss.
Aber wo? Von bundesweit 42 Dienstposten in der Psychiatrie sind gerade 24 besetzt. „Was die Versorgung der Patienten betrifft, sind wir auf Kante genäht“, stellt der Minister fest. Um den Ärztemangel in der Bundeswehr zu verringern, will der Sanitätsdienst die Kooperation mit zivilen Kliniken verstärken – und Guttenberg das Gespräch mit Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) suchen.




