Afghanischer Präsident

Karsai geht auf Distanz zu den Isaf-Verbündeten

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Thorsten Jungholt

Foto: picture alliance / dpa / dpa

Nach dem Tod dreier Soldaten in Kundus wird Kritik an der Ausrüstung der Bundeswehr laut. Verteidigungsminister Guttenberg wies die Vorwürfe als haltlos zurück und verteidigte den Neuansatz für das Engagement am Hindukusch. Ausgerechnet Hamid Karsai stellt die neue Afghanistan-Strategie nun in Frage.

Die 3800 in der Fallschirmjäger-Kaserne stationierten Soldaten gehören zum Alltag in Seedorf. Tag für Tag sehen die Bürger der 790-Einwohner-Gemeinde in Niedersachen die Militärs beim Joggen, in den Supermärkten oder Restaurants.

Hinter den Toren der Kaserne am Ortsrand übt die Luftlandebrigade 31 für die Auslandseinsätze der Bundeswehr, die Soldaten trainieren speziell den Kampf gegen „irreguläre Kräfte“, also Terroristen, Guerilla und Partisanen. Erst im Februar waren im Rahmen eines feierlichen Appells 1100 Soldaten der Einheit verabschiedet worden, um im Laufe des Jahres nach Kundus und Masar-i-Scharif in Afghanistan versetzt zu werden.

Dass die Arbeit der jungen Männer gefährlich ist, wissen die Seedorfer. Ausgerechnet zum Osterfest aber bekamen sie vor Augen geführt, dass sie auch tödlich sein kann. Denn am Karfreitag waren Soldaten aus Seedorf fünf Kilometer westlich des Bundeswehrstützpunktes im nordafghanischen Kundus in einen Hinterhalt geraten und hatten sich über Stunden heftige Gefechte mit den radikal-islamischen Taliban geliefert.

Die verheerende Bilanz des bislang schwersten Kampfes der Bundeswehr in der Region: Drei gefallene und acht verletzte deutsche Soldaten. Damit nicht genug: Wenige Stunden nach dem Anschlag erschoss eine Bundeswehreinheit, die ihren in Bedrängnis geratenen Kameraden zur Hilfe eilen wollte, irrtümlich sechs afghanische Soldaten.

Am Ostermontag hängt die Fahne am Tor der Seedorfer Kaserne deshalb auf Halbmast, die Gemeinde trägt Trauer, die Menschen sind "bestürzt“, wie Bürgermeister Jakob Hinck sagt. Gleiches gilt für Bundesregierung.

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) nahm die Särge der Gefallenen – ein 35 Jahre alter Hauptfeldwebel sowie zwei jüngere Hauptgefreite – am Sonntag am Militärflughafen Köln-Wahn gemeinsam mit den Familien in Empfang.

Zuvor hatte er vier besonders schwer verwundete Soldaten besucht, die bereits seit Samstag im Bundeswehrkrankenhaus in Koblenz behandelt werden. Nach Angaben der Ärzte sind sie auf dem Weg der Besserung. Für die ums Leben gekommenen afghanischen Soldaten baten Guttenberg und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bei Präsident Hamid Karsai offiziell um Entschuldigung. Die afghanische Regierung ordnete ebenso wie die Nato eine umfassende Untersuchung des Geschehens am Karfreitag in Kundus an.

Auch innenpolitisch gerät die Bundesregierung unter Druck. Der frühere Generalinspekteur Harald Kujat übte in der „Welt am Sonntag“ offene Kritik an den Einsatzbedingungen für die Bundeswehr in Afghanistan. „Unsere Soldaten sind dort nur in diese Lage geraten, weil sie wie so oft nicht mit den nötigen modernen Aufklärungssystemen ausgerüstet sind“, sagte Kujat. Zudem könne er auch nach dem jüngsten Bundestagsbeschluss keine neue Strategie erkennen. Mehr Ausbildung und weniger Kampftruppen, das sei der falsche Ansatz.

Der ehemalige Verteidigungsminister Volker Rühe (CDU) forderte Guttenberg auf, einen „Rat ehemaliger Generalinspekteure“ einzuberufen. Erfahrene Ex-Militärs wie Kujat sollten in die Diskussion um eine bessere Bewaffnung der Bundeswehr einbezogen werden. Nach dem neuerlichen Zwischenfall in Kundus sei offensichtlich, dass die Bundeswehr „zusätzliche Bewaffnungen“ am Hindukusch brauche.

Guttenberg und der amtierende Generalinspekteur Volker Wieker wiesen die Kritik als haltlos zurück. „Man sollte mit pauschalen Urteilen darüber, was fehlt, sehr zurückhaltend sein“, sagte der Minister. Die Bundeswehr habe Aufklärungsmittel vor Ort gehabt und diese auch eingesetzt.

Allerdings räumte Guttenberg erstmals ein, dass man die Lage in der Region um Kundus einen Krieg nennen könne: „Auch wenn es nicht jedem gefällt, so kann man angesichts dessen, was sich in Teilen Afghanistans abspielt, durchaus umgangssprachlich von Krieg reden“.

Einen Abzug der Bundeswehr, wie er von den Demonstranten auf den Ostermärschen quer durch die Republik gefordert wurde, lehnte Guttenberg ab. Er verteidigte den zu Jahresbeginn beschlossenen Neuansatz für das Engagement. Dessen Umsetzung brauche jedoch mehr Zeit. Die neue Strategie sieht eine engere Zusammenarbeit mit der afghanischen Armee, mehr Wiederaufbau sowie entschlossene Militäroffensiven gegen Hochburgen der Taliban vor.

Ausgerechnet der afghanische Präsident aber stellt diese neue Strategie nun wieder in Frage. Karsai drohte auf einem Treffen mit rund 1500 Stammesältesten offen mit Widerstand gegen die anstehende Großoffensive der Nato in Kandahar. Rhetorisch fragte er in die Menge, ob sie wegen der Pläne für die Nato-Offensive besorgt sei. „Ja, das sind wir!“, antworteten mehrere Anwesende. „Nun“, sagte Karsai daraufhin, „wenn ihr euch Sorgen macht, wenn ihr damit nicht glücklich seid, dann wird es keine solche Operation geben.“ Damit distanzierte er sich zum zweiten Mal binnen weniger Tage von seinen ausländischen Verbündeten.

Die Regierung in Washington bezeichnete Karsais Äußerungen als beunruhigend. Gegenüber der „Washington Post“ fällte ein US-Militär ein vernichtendes Urteil über Karsai: „Der Typ ist sprunghaft und unbeständig, er ist unberechenbar.“ Auch der deutschen Regierung macht es Karsai mit seinen verwirrenden Äußerungen schwer, den Einsatz weiter zu rechtfertigen – zumal niemand weitere tote Soldaten in den nächsten Wochen ausgeschlossen kann.