Großoffensive gegen Taliban

Obama ist in Afghanistan zum Siegen verdammt

| Lesedauer: 5 Minuten
Peer Meinert

In Afghanistan sind die Koalitionstruppen mit den ersten Ergebnissen der größten Offensive seit mehr als acht Jahren zufrieden. Spätestens jetzt sei der Krieg in Afghanistan zu Präsident Obamas Krieg geworden, sagen US-Kommentatoren. Er wird ihn schnell gewinnen müssen.

Der britische Militärsprecher Generalmajor Gordon Messenger sagte in London, die Hauptziele wie die Sicherung von Brücken und Straßen seien erreicht. Es habe nur „minimale Störungen“ durch die Taliban gegeben. Die Taliban seien unfähig zu einer koordinierten Gegenwehr. Es sei nur zu „sporadischen Gefechten“ gekommen, sagte Messenger.

US-Kommandeure sagten nach Angaben der „New York Times“, das Ziel des ersten Tages sei erreicht. Die Soldaten hätten entscheidende Positionen eingenommen. Brigadegeneral Lawrence Nicholson sprach laut „Washington Post“ von „einigen ziemlich harten Kämpfen“.

Die ausländischen und afghanischen Truppen wollen in Afghanistan eine militärische Wende erzwingen. 15.000 Soldaten sind seit Samstagmorgen auf dem Vormarsch, um die radikal-islamischen Aufständischen aus ihren Hochburgen in den Distrikten Mardscha und Nad Ali in der südafghanischen Provinz Helmand zu vertreiben.

Offiziell führen die Afghanen das Kommando. Anders als früher war die Offensive diesmal angekündigt, um Zivilisten zu warnen. Zudem soll die Bevölkerung nach dem Ende der Operation diesmal nicht wieder alleingelassen werden.

Als die Operation „Muschtarak“ in der Helmand-Provinz begann, als die ersten TV-Bilder der vorrückenden Marines in ihren Panzerfahrzeugen um die Welt gingen, war der „Commander in Chief“ schlichtweg abgetaucht.

Ansonsten lässt US-Präsident Barack Obama keine Gelegenheit aus, vor die Kameras zu treten. Während sein Vorgänger George W. Bush es liebte, sich bei solchen Gelegenheiten mit martialischer Rhetorik ins Bild zu setzen, zog Obama am Samstag Schweigen vor. Dabei gibt es kaum eine andere Entscheidung, die der Präsident mit derartiger Präzision und Engagement eingefädelt hat – doch die Eskalation des Krieges bringt auch erhebliche Risiken für ihn mit sich.

„Spätestens jetzt ist der Krieg in Afghanistan zu Obamas Krieg geworden“, meinte ein Kommentator beim TV-Sender CNN. Lange Zeit hatte Obama mit seiner Entscheidung über eine neue Strategie gezögert, immer wieder war er mit seinem „Kriegsrat“ in die abhörsicheren Räume im Weißen Haus hinabgestiegen.

Weit über 900 tote Amerikaner und Nato-Soldaten seit Kriegsbeginn 2001, vorrückende Taliban-Kämpfer und dazu eine korrupte und zunehmend ungeliebte Regierung in Kabul – in Wahrheit steht Obama in Sachen Afghanistan mit dem Rücken zur Wand. Er braucht dringend einen Erfolg.

Denn der Krieg ist längst unpopulär geworden. 52 Prozent der Amerikaner lehnen ihn Umfragen zufolge ab. Auch die Entscheidung Obamas, in diesem Jahr weitere 30.000 Soldaten nach Kabul zu schicken, ist alles andere als auf einhellige Begeisterung gestoßen. Selbst im innersten Kreis der Vertrauten gab es Konflikte: Während Obama den Vorgaben und Anforderungen des Nato-Oberkommandierenden General Stanley McChrystal folgte, ging Vize-Präsident Joe Biden in aller Öffentlichkeit auf Gegenkurs.

Mehr noch: Biden, ansonsten ein treuer Gefolgsmann Obamas, forderte gar, die US-Truppen sollten sofort mit dem Rückzug beginnen. Statt sich im Kampf gegen die Taliban und für den Aufbau einer Demokratie in Kabul aufzureiben, sollten sich die Truppen auf den Kampf gegen die Al-Qaida-Terroristen konzentrieren, die sich vor allem in der unwegsamen Bergregion entlang der pakistanischen Grenze verschanzen.

Tatsächlich, so räumen Kritiker ein, sei die Kriegsstrategie Obamas und McChrystals bisher nicht glasklar ausformuliert. „Wir haben nicht um diesen Kampf gebeten“, sagt Obama, der immer wieder auf die Gefahr von al-Qaida verweist. Er werde nicht ruhen, solange die Terroristen Anschläge gegen die USA im Schilde führen.

Doch zugleich setzt Verteidigungsminister Robert Gates verstärkt darauf, dass moderate Taliban-Kräfte die Waffen strecken, aufgeben oder gar überlaufen. Unklar sei letztlich auch, wie stark die USA auf die Regierung Karsai setzen.

US-Militärs werden in den ersten Stunden der Großoffensive nicht müde, die strategische Bedeutung der Taliban-Hochburg Mardscha zu unterstreichen. Zentrum des Opiumhandels, Sitz der sogenannten Gegenregierung der radikal-islamischen Taliban – das klingt, als könne es kaum ein anderes Ziel für einen Angriff der Alliierten geben.

„Aber in Wirklichkeit ist Kandahar das Einzige, was die Taliban wirklich interessiert“, meint der Afghanistan-Kenner und CNN-Kommentator Peter Bergen. Mardscha sei lediglich eine Etappe, nicht aber die entscheidende Schlacht in Südafghanistan.

Dabei hat Obama längst den nächsten Schritt im Auge: Ein schnelles Ende. Dieses Jahr werden die US-Truppen um fast ein Drittel aufgestockt, mit massiven Attacken sollen die Taliban zermürbt und in die Enge getrieben werden – doch vom nächsten Jahr an sollen schon die ersten „Jungs“ wieder nach Hause kommen. „Eskalation bei gleichzeitiger Exit-Strategie“, nennen das Insider in Washington. Obamas Ziel: Spätestens im Wahlkampf 2012 will er mit den TV-Bildern glücklich heimkehrender Soldaten punkten.

( dpa )

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