Vor der Bundestags-Entscheidung

Wie ein Berliner Soldat Afghanistan erlebte

| Lesedauer: 8 Minuten

Foto: dpa / dpa/DPA

Der Bundestag entscheidet am Freitag, ob die deutschen Truppen in Afghanistan aufgestockt werden. Wenn ja, würden 850 zusätzliche Soldaten in das Krisengebiet geschickt. Der Berliner Soldat, Hauptmann Sebastian Züche (31), war bereits fünf Monate in Faisabad im Einsatz. Morgenpost Online erzählte er von Situationen in Todesangst und posttraumatische Belastungen.

„Ich habe mich damals freiwillig für Afghanistan gemeldet, weil es für mich eine Herausforderung war und ich dort unschätzbare Erfahrungen sammeln konnte, die man in Deutschland nicht macht, zum Beispiel, was Führung in Stresssituationen bedeutet. Man wächst mit den Aufgaben. Vom 23. Februar bis zum 23. Juli 2007 führte ich die Militärpolizeikräfte im Distrikt Badakhshan im Nordosten. Wir haben dort die Ausbildung der afghanischen Polizei durch die Bundeswehr vorbereitet. Im Feldlager Faisabad war ich gleichzeitig Sicherheitsberater des Kommandeurs.

In dieser Position bekommt man sehr viel mit, taktisch wie strategisch. Da macht man sich schon seine Gedanken, was in diesem Land wirklich los ist. Ich persönlich habe drei Monate gebraucht, um das zu begreifen: die Strukturen, die Netzwerke, die religiösen Meinungsführerschaften. Dieses Land funktioniert ganz anders als das, was wir in Deutschland kennen. Und eine Demokratie wie bei uns installiert man dort nicht so schnell, wie wir uns das vielleicht vorstellen.

Als bei uns damals mehrere Granaten direkt im Lager detonierten, hatte ich Todesangst. Wären sie 30 Meter vorher eingeschlagen, hätten sie höchstwahrscheinlich die Betreuungseinrichtung getroffen, in der gerade 80 Soldaten saßen. Wir hatten oft Glück, dass die Anschläge ihr Ziel verfehlten und es keine Toten gab. Trotzdem habe ich mich häufig persönlich unwohl gefühlt. Schließlich bekamen wir täglich Meldungen über die Sicherheitslage. Aber du musst raus, egal, wie hoch die Wahrscheinlichkeit eines Anschlags ist. In solchen Momenten habe ich schon gemerkt: Irgendwas passiert hier mit mir.

Einmal sind wir zu einem Anschlagsort gefahren, wo die Aufständischen einen zweiten Schlag geplant hatten. Doch der zweite per Handy ferngesteuerte Zünder wurde durch den ersten Anschlag beschädigt. Hinterher stellte ich mir dann vor: Dort, wo du damals standest, hätte eigentlich die Bombe hochgehen sollen. Da wird einem schon anders zumute. Genauso, wenn man verstümmelte Leichen von der Straße kratzt oder Knochensplitter aus Autositzen holen muss, um einen Anschlag zu rekonstruieren. Dieses ganze Blut um einen herum und die Hautfetzen. Erst einmal funktioniert man in solchen Augenblicken, die Gedanken macht man sich hinterher, im Stillen. Man versucht das natürlich zu verdrängen und sagt sich, morgen ist es bestimmt weg. War es dann aber nicht, auch nicht nach fünf Wochen Urlaub.

Über Geführle wurde nicht geredet

Direkt nach dem Einsatz hatten wir aber zunächst das Einsatznachbereitungsseminar, drei Tage saßen wir mit einem Mediator in einer kleinen Gruppe zusammen, und jeder konnte erzählen. Mit meinen Kollegen habe ich aber nie so genau gesprochen über das, was mich belastet. Klar, man hat gemeinsame Erinnerungen, über die man sich austauscht. Aber das spielt sich nicht auf der emotionalen Ebene ab. Dementsprechend war man halt immer für sich allein, man wollte schließlich nicht preisgeben, dass einen Afghanistan so mitgenommen hat. Ich selbst wollte das zuerst auch nicht wahrhaben. Das hängt natürlich mit von der Führungskultur ab, dass man sagt: Wir sind alle die harten Kämpfer, da gibt’s keine psychischen Störungen.

Als ich im Juli zurück nach Berlin kam, war für mich jedenfalls alles völlig fremd und nur erschreckend. Ich las in der Zeitung etwas über Kinderarmut – und kam gerade aus einem der ärmsten Länder der Welt. Irgendwas stimmte da mit meinen Gedanken nicht mehr. Da setzte eine Nivellierung ein: Was ist jetzt wirklich arm und was reich? Außerdem musste ich wieder lernen, dass ich mich sicher in einer Menschenmenge bewegen kann. Und dann die Geräusche! Zum ersten Mal bekam ich das mit, als ich in einer Bar saß und plötzlich eine Tür laut zufiel. Das hörte sich an wie dieser eine Anschlag aufs Lager, ich zuckte zusammen, war wie erstarrt und musste mich wieder daran erinnern: Okay, du bist hier in Deutschland, alles ist in Ordnung, nichts ist passiert.

In den ersten Monaten nach dem Einsatz habe ich noch versucht, das Ganze durch Arbeit, viel Arbeit und noch mehr Arbeit zu kompensieren. Ich musste allerdings feststellen, dass ich schnell erschöpft war, lustlos, überhaupt keinen Antrieb mehr hatte. Die Konzentration war immer sehr schnell weg. Nach einer ärztlichen Untersuchung hat man im Mai 2008 zunächst auf Burn-out getippt und mich vier Wochen krankgeschrieben. Danach ging’s wieder, in Maßen. Doch die Albträume blieben. Immer wieder hatte ich diese Bilder im Kopf. Ich konnte keine Zeitung mehr lesen, in der Wörter standen wie „deutsche Patrouille“ oder „Gefecht“ – da setzte sofort ein innerlicher Erregungsgrad ein, der Körper produzierte Adrenalin, die Hände kribbelten, ich wurde richtig wütend. Später hat sich das auch aufs Fernsehen übertragen. Es reichte schon, wenn etwas über den Irak lief. Vielleicht war das auch die Anspannung vor dem nächsten Einsatz. Am 20. August 2008 ging es dann für sechs Monate für die UN als Militärbeobachter in den Sudan. Unbewaffnet und ungeschützt sich in einem Bürgerkriegsgebiet zu bewegen ist wieder eine andere Qualität. Dort habe ich endgültig begriffen, wie sehr mich diese Dinge aus Afghanistan noch belasten.

Nach der Rückkehr aus dem Sudan habe ich mich ziemlich schnell in Behandlung begeben. Meine damalige Freundin rief beim Dienst habenden Arzt im Bundeswehrkrankenhaus Berlin an und schilderte, was ihr schon lange aufgefallen war: Du hast dich verändert, bist verschlossener geworden, so leicht reizbar. Von mir aus wäre ich diesen Schritt vermutlich nicht gegangen. Eigentlich hätte ich ja schon bald wieder in den Auslandseinsatz sollen. So musste ich dann im Sanitätsbereich vorstellig werden, und man sagte mir, dass es einen Verdacht auf eine Posttraumatische Belastungsstörung gibt. Ich wurde stationär aufgenommen. Acht Wochen war ich im Krankenhaus, danach sechs Wochen in einer Reha-Klinik. Das dauerte bis Oktober 2009. Jetzt habe ich noch wöchentlich Gesprächstermine.

Inzwischen bin ich so weit, dass ich mit den Sachen umgehen kann, die passiert sind. Die Bilder sind noch da, doch inzwischen weiß ich: Geknallt hat es dort, hier bin ich in Sicherheit. Das muss man sich immer wieder selbst sagen. Nur bei manchen Geräuschen erschrecke ich mich noch; Silvester zum Beispiel war der Horror. Mittlerweile kann ich aber Zeitung lesen und sogar Diskussionen über Afghanistan ansehen. Dieses Hickhack über die juristische Bewertung des Luftangriffs in Kundus war allerdings noch schwer zu ertragen. Da hab ich sofort wieder die Sinnfrage gestellt: Wenn die Politik nicht hinter uns Soldaten steht, warum war ich denn in Afghanistan? Das war fast das Schlimmste, dass man ständig ins Grübeln kam und dadurch auch seine Arbeit zu Hause infrage stellte. Mich hat das zermürbt.

Dass nach extremen Erlebnissen selbst der tapferste Soldat einen seelischen Knacks bekommen kann, diese Erkenntnis hat sich mittlerweile durchgesetzt. Die Bundeswehr hat da in letzter Zeit viel Aufklärungsarbeit geleistet. Nachdem meine Erkrankung öffentlich bekannt wurde, habe ich überraschend viel Zuspruch bekommen.

Trotzdem scheide ich Ende Juni aus der Bundeswehr aus, dann sind meine zwölf Jahre als Zeitsoldat vorbei. Ich hatte auch nie vor, länger zu bleiben. Mich lockt jetzt das leistungsorientierte System der freien Wirtschaft. Zwischendurch gab es zwar schon mal Phasen, in denen ich die Uniform nicht mehr sehen konnte. Ich bin jetzt aber nicht sauer auf die Bundeswehr, denn es gibt auch viele schöne Erinnerungen an die beiden Einsätze.“

( aufgezeichnet von Simone Meyer )

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