Nordkorea

Die wildesten Gerüchte über Kim Jong-Il

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Sophie Mühlmann

Seit über zwei Monaten ist der nordkoreanische Diktator Kim Jong-Il nicht mehr öffentlich aufgetreten. Inzwischen überschlagen sich die Gerüchte. Ist der "geliebte Führer" vielleicht schon tot? Die "wichtige Bekanntmachung" ist ausgefallen. Die Spekulationen bleiben bestehen.

Kim Jong-il ist wie vom Erdboden verschluckt. Seit mindestens zwei Monaten ist der nordkoreanische Staatschef nicht mehr öffentlich aufgetreten. Stattdessen überschlagen sich die Gerüchte über eine schwere Krankheit, Unzurechnungsfähigkeit oder gar den Tod des „geliebten Führers". Mit banger Spannung warteten gestern vor allem die Nachbarländer Südkorea und China, aber auch Japan auf irgendwelche ungewöhnlichen Aktivitäten in dem isolierten Staat. Presseberichte hatten nämlich zuvor eine ominöse „wichtige Bekanntmachung" angekündigt, die Pjöngjang im Laufe des Montags verkünden wolle.

Das rechtsnationale japanische Blatt „Sankei Shimbun" hatte unter Berufung auf nicht genannte Quellen in der japanischen Regierung vermeldet, Nordkorea habe seinen Diplomaten in ausländischen Botschaften verboten, die Vertretungen zu verlassen.

Zwar meldete Südkorea am Abend Ortszeit, es könne keine Anzeichen für eine angeblich „wichtige Bekanntmachung" im weitgehend abgeschotteten Nordkorea erkennen. Auch der innerkoreanische Austausch auf privater Ebene finde wie gewohnt statt.


Dennoch wurde vor allem in Tokio und Seoul wild spekuliert: Gibt es bald Neuigkeiten über Kims Gesundheitszustand? Ist der „ehrwürdige Sohn der ehrwürdigen Sonne" etwa verschieden oder sitzt im Rollstuhl? Oder geht es um etwas ganz anderes: Will Pjöngjang womöglich nach über 50 Jahren den offiziellen Kriegszustand beenden und den Südkoreanern einen Friedensvertrag anbieten? Doch die staatliche nordkoreanische Nachrichtenagentur meldete nichts Außergewöhnliches, das staatliche Fernsehen zeigte ein launiges Kinderprogramm. Kurzum, im Osten nichts Neues.

Als Kim Jong-il am 9. September nicht zu den Feierlichkeiten des 60. Jahrestags der Staatsgründung erschienen war, waren die Geheimdienste in Asien und darüber hinaus skeptisch geworden. Bisher herrschte quasi Anwesenheitspflicht des Diktators an diesem pompös inszenierten Tag, winkend auf einer Ehrentribüne, an der die Soldaten im Stechschritt mit den maroden Waffen der zahlenmäßig nach China und Russland drittstärksten Armee Asiens vorbeizogen.

Immer wieder kommen Gerüchte auf, Kim habe einen Schlaganfall erlitten und friste sein Dasein teilweise gelähmt in einem Rollstuhl. Ende August sei der 67-Jährige gar kollabiert. Schon lange heißt es in Geheimdienstkreisen, der Führer der letzten kommunistischen Dynastie dieser Erde leide an Diabetes, bipolaren Störungen und einem schwachen Herzen. Auch tiefe Depressionen seien schon diagnostiziert worden. Das Regime in Pjöngjang behauptet jedoch standhaft, ihr Chef erfreue sich bester Gesundheit. Selbst der südkoreanische Verteidigungsminister Lee Sang-hee gab zu Protokoll, er glaube, dass Kim weiterhin die Kontrolle über seine Regierung ausübe.

Gefälschte Beweise


Doch die „Beweise", Kim erfreue sich guter Gesundheit, waren kaum glaubwürdig oder nachweislich gefälscht. Herzliche Geburtstagsgrüße für den syrischen Staatschef im September waren ebenso wenig überzeugend wie die mehreren Kilo Übergepäck an Kaviar, eingelegtem Gemüse und Wodka, angeblich Kims Lieblingsleckereien, die der nordkoreanische Außenminister Pak Ui-chung gestern auf dem Heimweg von Moskau an Bord seines Flugzeugs gebracht haben soll. Und die Fernsehbilder zu Kims angeblichem Besuch einer Armee-Einheit, die in der vergangenen Woche die Fitness Kims bezeugen sollten, waren offensichtlich Archivbilder: die Blätter an den Bäumen im Hintergrund prangten in frischem frühsommerlichem Grün – im Oktober ein Ding der Unmöglichkeit.

Die (Des-)Informationsmaschine des kommunistischen Staates reagierte auch nun wieder mit heftigen Dementis. Nordkorea streut seine Nachrichten gern über chinesische Kanäle, und so hieß es aus Pekinger, „den nordkoreanischen Behörden nahestehenden Kreisen", Kim führe den Staat mit fester Hand, und das Gerede über sein Ableben sei „Blödsinn". Stattdessen setzte man alles daran, Normalität zu demonstrieren. Die amtliche Nachrichtenagentur KCNA vermeldete Wirtschaftsnachrichten aus dem stalinistischen Staat: Pjöngjang will die Produktion ankurbeln und den Außenhandel steigern. Dabei wolle man sich „auf die Überlegenheit der sozialistisch geplanten Wirtschaft stützen".

Doppelgänger für einen toten Staatschef?


Obwohl der südkoreanische wie auch der amerikanische Geheimdienst inzwischen eigentlich davon ausgehen, dass Kim trotz möglicher Gesundheitsprobleme noch immer das Land regiert, gibt es manch kreative These durchaus ernst zu nehmender Experten. Zum Beispiel diese: Kim sei schon seit fünf Jahren tot, für seine inszenierten Auftritte seien Doppelgänger eingesprungen, von denen einer im August selbst kollabiert sei und damit die Spekulationen ausgelöst habe.

Mit Kim Jong-il an der Spitze ist Nordkorea bereits ein Buch mit sieben Siegeln. Kein anderes Land ist so abgeschottet – und verfügt dazu über Nuklearwaffen. Der Sohn des glorifizierten Staatsgründers Kim Il-sung hatte 1994 nach dessen Tod die Macht übernommen. Und so hatten die Analysten 14 Jahre Zeit, gewisse Muster in der Politik des Diktators zu erkennen. Was allerdings nach Kim kommt, ist vollkommen ungewiss. Wie skurril und bizarr dieses Land ist, verdeutlicht vielleicht diese kleine Meldung der KCNA in Zeiten, in denen die Welt nach Kim sucht: In einem „wissenschaftlichen Durchbruch" sei es gelungen, das Leben einer leuchtend-roten Begonienart mit Namen Kimjongilia zu verlängern.