Der Eingang zum Millennium-Hotel am feinen Londoner Grosvenor Square wird von einer muskulös ausgefüllten Hoteluniform mit Knopf im Ohr versperrt. Wem Eintritt gewährt wird, der findet gleich links in der bunkerähnlichen Lobby die Pine Bar. Als wir dort eintreten, singt am Piano eine junge blonde Frau: „I get no kick from Champagne“. Das Piano jedoch steht an einem Tatort, genauer: auf ihm drauf.
Am 1. November 2006 saß dort der Ex-KGB-Agent Alexander Walterowitsch Litwinenko – ein exponierter Putin-Kritiker und eine bedeutende Figur der russischen Exil-Gemeinde in Großbritannien. Was genau an jenem Tag in dieser Bar geschah, ist noch immer nicht zweifelsfrei erwiesen. Fest steht nur, dass Litwinenko hier einen mit der radioaktiven Substanz Polonium vergifteten Tee getrunken hatte. Bei dem Treffen waren auch die russischen Geschäftsmänner und Ex-Agenten Andrei Lugowoi und Dmitri Kowtun sowie vermutlich Lugowois Partner Wjatscheslaw Sokolenko anwesend, der das allerdings bestreitet. 23 Tage später starb Litwinenko an der Strahlenkrankheit.
Tatverdächtiger macht jetzt Karriere
Die Pine Bar von damals existiert nicht mehr. 260.000 britische Pfund kostete die Sanierung, erzählt Barkeeper Nobby Andrade (68). Ein Jahr dauerte es, bis selbst der Deckenputz ausgetauscht und das komplette Interieur erneuert war. Da war die Spur des Strahlenstoffs längst von der Polizei zurückverfolgt bis Hamburg – über eine Sushi-Bar in London, Flugzeugsitze, bis in eine Wohnung in Altona. So tückisch spurenlos Polonium den perfekten Mord möglich macht, so offenkundig markieren andererseits Zerfallsprodukte den Transportweg. Doch eben nur dann, wenn man auch genau weiß, was man suchen muss.
Die britische Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass Andrej Lugowoi den Mord begangen hat und verlangt seine Auslieferung. Das lehnt Moskau nach wie vor ab und beruft sich auf die Verfassung, wonach russische Bürger nicht an einen fremden Staat ausgeliefert werden können. Lugowoi machte inzwischen Karriere in Russland und genießt als Duma-Abgeordneter parlamentarische Immunität. Die Vorwürfe aus London bezeichnet er als absurd.
Es ist ruhiger geworden um eines der spektakulärsten Verbrechen der jüngeren Geschichte. Dabei sind noch so viele Fragen offen. Morgenpost Online begab sich auf Spurensuche.
Ein Grund, warum manche in Moskau in Litwinenko einen Staatsfeind sahen, war offenbar sein Eintreten für Tschetschenien. „Er war der einzige ranghohe Offizier der russischen Geheimdienste, der den tschetschenischen Kampf für Unabhängigkeit unterstützt hatte“, sagte Achmed Sakajew, der frühere Sondergesandte des ermordeten tschetschenischen Präsidenten Aslan Maschadow in London. Sakajew, der in Großbritannien im Exil lebt und die Interessen seines Volkes im Ausland vertritt, hatte mit Litwinenko bis zu dessen Tod eng zusammengearbeitet. Sie wohnten in derselben Straße. Im ersten Tschetschenienkrieg von 1994 bis 1996 hatten sich beide aber noch feindlich gegenüberstanden. Litwinenko arbeitete damals unter verschiedenen Decknamen (unter anderen Alexander Wolkow) für den FSB.
Sakajew berichtete, dass bei Litwinenko der Prozess des Umdenkens bereits in jener frühen Phase Mitte der 90er-Jahre eingesetzt habe. „Als er einen etwa 14 Jahre alten Jungen aus Tschetschenien während eines Verhörs fragte, warum er statt in der Schule zu sein für sein Volk kämpfe, antwortete ihm dieser, dass die gesamte Klasse Widerstand leiste. Da wusste Sascha, dass dieser Krieg nicht gewonnen werden kann.“ Sakajew kannte Litwinenko damals noch nicht persönlich. Er habe aber gewusst, dass er vom FSB-Hauptquartier in Naltschik (Hauptstadt von Kabardino-Balkarien) aus Tschetschenen für Russlands Geheimdienst warb.
Wie bei vielen Gesprächspartnern aus dem tschetschenischen und russischen Exil in London lassen sich auch bei Sakajew viele Aussagen nicht überprüfen. Die eine Wahrheit gibt es im Fall Litwinenko nicht, und Journalisten müssen immer berücksichtigen, dass jeder Zeuge gleichzeitig auch Mitspieler mit eigenen Interessen sein könnte.
Erst in London, sagt Sakajew, seien Freunde aus den einstigen Feinden geworden. Dass es dazu kommen konnte, habe auch am Verhalten Litwinenkos während seiner Arbeit für den FSB gelegen.
Nach der Ermordung des ersten tschetschenischen Präsidenten Dschochar Dudajew im April 1996 habe er im Auftrag der russischen Regierung dessen Frau Alla verhört. „Später erzählte sie mir, dass der FSB-Offizier, der sie vernommen hatte, sehr anständig, sympathisch und feinfühlig gewesen sei.“ Beeindruckt habe ihn auch ein Fernsehauftritt von Litwinenko im Jahr 1998, als er mit Kollegen auf einer Pressekonferenz in Moskau über eine Klage gegen die FSB-Leitung berichtete, weil diese eine spezielle Killereinheit gegründet hätte, um politische Gegner töten zu lassen.
Zwei Jahre später flüchteten beide in den Westen. Sakajew war während des zweiten Tschetschenien-Krieges, in dem er die Spezialeinheiten kommandiert hatte, verwundet worden und ging im März 2000 ins Ausland. Wenige Monate später floh auch Litwinenko über die Türkei nach Großbritannien. „Präsident Maschadow bat mich, Kontakt zu Litwinenko aufzunehmen. Besonders interessant für uns war ein Buch, in dem Sascha belegte, dass nicht wie behauptet tschetschenische Terroristen die Sprengstoffanschläge auf Wohnhäuser in Moskau und anderen Städte durchgeführt hatten, sondern der FSB selbst dahinter steckte. Schließlich dienten diese Sprengstoffanschläge 1999 als Vorwand für den zweiten Tschetschenienkrieg“, sagte Sakajew.
Beide beleuchteten das Geiseldrama
Wie Litwinenko hatte auch die russische Journalistin Anna Politkowskaja der russischen Regierung kritisch gegenübergestanden. Sie wurde einen Monat vor seinem Tod in ihrem Haus in Moskau erschossen. Am Donnerstag hat ein Gericht in der russischen Hauptstadt die mutmaßlichen vier Komplizen der flüchtigen Täter freigesprochen.
Politkowskaja und Litwinenko arbeiteten eng zusammen und beleuchteten immer wieder Aktivitäten des russischen Geheimdienstes. Sie waren beispielsweise überzeugt davon, dass der FSB auch am Geiseldrama im Moskauer Musical-Theater an der Dubrowka-Straße im Oktober 2002 beteiligt war. Damals hatten tschetschenische Terroristen während des Musicals Nord-Ost etwa 800 Gäste als Geiseln genommen. Vor ihrer Befreiung durch Spezialkräfte war hoch dosiertes Betäubungsgas ins Theater geleitet worden, 132 Menschen starben.
Litwinenko sprach kurz vor seinem Tod mit einem der Autoren dieses Artikels über seine Ermittlungen. Er sagte, dass einer der Geiselnehmer in Wahrheit im Auftrag des russischen Geheimdienstes gehandelt habe, um Gründe für ein härteres Vorgehen Russlands in Tschetschenien zu liefern. Litwinenko nannte den Namen Chanpasch Terkibajew, der sich tatsächlich auf der Liste der Geiselnehmer befunden hatte. Am 25. Oktober 2002, einen Tag vor der Erstürmung des Theaters, hatte die angesehene russische Zeitung „Iswestija“ seinen Namen veröffentlicht. Laut Litwinenko hatte er am Morgen der Erstürmung auf dem Dach des Theaters gestanden und geschossen. Das sei der Anlass für das Eindringen der Spezialkräfte in das Theater gewesen.
Anna Politkowskaja war es gelungen, den Mann ein halbes Jahr nach dem Geiseldrama für die Zeitung „Nowaja Gaseta“ zu interviewen. Dabei gab Terkibajew zu, als Geiselnehmer im Theater gewesen zu sein. Er würde jetzt aber für die Presseabteilung der russischen Regierung arbeiten. Politkowskaja schrieb, dass bereits 2001 der damalige tschetschenische Präsident Maschadow den Verdacht gehegt habe, dass Terkibajew ein Spitzel des russischen Geheimdienstes gewesen sei. Im März 2003 sei Terkibajew Mitglied einer Abordnung prorussischer Tschetschenen in Straßburg gewesen, wo eine Sitzung des Europarats stattgefunden habe. Politkowskaja kam zu dem Schluss, dass die Regierung gewusst haben müsse, dass in dem Theater eine Geiselnahme stattfinden würde.
Nach dem Artikel, der am 28. April 2003 in der „Nowaja Gaseta“ veröffentlicht worden war, tauchte Terkibajew ab. Er ließ lediglich mitteilen, dass er zwar Politkowskaja getroffen habe, aber nicht im Theater gewesen sei. Heute kann er dazu nicht mehr befragt werden. Er kam laut offiziellen Angaben am 15. Dezember 2003 bei einem Autounfall in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny ums Leben.
Die Informationen über Terkibajew hatte Politkowskaja im März 2003 von dem ehemaligen Armeeoffizier Sergej Juschenkow erhalten, der als liberaler Duma-Abgeordneter für demokratische Verhältnisse in Russland kämpfte. So erzählt es jedenfalls Litwinenkos Witwe, Marina Litwinenko. Kurz zuvor habe Juschenkow ihren Mann in London getroffen und ihm ebenfalls die Dokumente über Terkibajew übergeben. Nur wenige Wochen später starb Juschenkow. Er wurde am 17. April 2003 erschossen.
Beim Gespräch mit Morgenpost Online nannte Sakajew Gründe, die aus seiner Sicht für eine Beteiligung des FSB am Moskauer Geiseldrama sprechen. „Ich hatte zu jener Zeit beispielsweise mit der damaligen Chefanklägerin am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, Carla Del Ponte, über die Möglichkeiten der juristischen Aufarbeitung der Verbrechen in Tschetschenien gesprochen. Das gefiel Putin natürlich nicht.“
Eigene Ermittlungen zu Annas Tod
Litwinenko habe deshalb viel Mut bewiesen, sich mit der Rolle des FSB beim Geiseldrama zu beschäftigen, sagte Sakajew. Gefährlich sei er für Moskau aber auch deshalb geworden, weil er eigene Ermittlungen zum Tod von Politkowskaja durchgeführt habe. „Am Tag seiner Vergiftung rief er mich ganz aufgeregt an und sagte, dass er neues Material zu dem Mord an Anna erhalten habe. Wir trafen uns, und er fuhr in meinem Auto mit. Auf der Rückbank blätterte er in dem Material, das er zuvor von dem Italiener Mario Scaramella erhalten hatte. Er war extra nach London gekommen, um Sascha die Dokumente zu übergeben.“ Was Alexander Litwinenko zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste: Er war bereits mit Polonium vergiftet worden.
Litwinenko habe auf dem Sterbebett Putin als Auftraggeber des Giftanschlags benannt, sagte Sakajew. Auch der in Cambridge lebende ehemalige sowjetische Dissident Wladimir Bukowski ist überzeugt davon, dass Moskau hinter dem Mord an Litwinenko steckt. Der heute 65-Jährige saß wegen seiner Kritik an der Staatsmacht mehrere Jahre in Haft, bevor er 1976 gegen den Führer der chilenischen Kommunisten Luis Corvalán ausgetauscht worden war. „Litwinenko und Politkowskaja haben sehr viele Sachen enthüllt, die für den Kreml sehr unangenehm waren“, sagte Bukowski. Außerdem habe sich Litwinenko als ehemaliger Top-Kriminalist beim FSB in London um die Sicherheit von Achmed Sakajew und dem Putin-Feind Boris Beresowski gekümmert. „Der FSB wusste, dass diese Leute nicht greifbar sind, solange er sie bewacht“, erklärte Bukowski.
Die russische Generalsstaatsanwaltschaft wollte sich nicht zu dem Fall äußern. „Der Verlauf und die Resultate der Untersuchungen stellen ein Ermittlungsgeheimnis dar“, sagte ein Sprecher auf Anfrage.
Gab Putin den Befehl zum Mord?
Auch der der ehemalige Agent des sowjetischen Militärgeheimdienstes GRU, Viktor Suworow, lebt seit 30 Jahren in Angst. Der heute 61-Jährige floh 1978 von Genf aus, wo er als sowjetischer Diplomat getarnt spioniert hatte, nach Großbritannien. Jetzt wohnt der Überläufer in Bristol, wo er sich des Öfteren mit Litwinenko traf. „Ich war der erste, den Sascha aus dem Krankenhaus anrief. Der Mord war der erste Fall von Nuklearterrorismus in der Geschichte“, erklärte Suworow. Er hält es allerdings für möglich, dass nicht Putin den Befehl zum Mord gab. „Vielleicht war es auch eine Botschaft an ihn. Die Leute, die um ihn herum sind, haben ihm damit gesagt: Lauf nicht weg! Bleib hier! Wenn du wegläufst, werden dich alle für einen Verbrecher halten.“
Litwinenkos Witwe Marina hält diese Variante zwar für unwahrscheinlich, doch sie macht ihr Angst. Bei einem Treffen in London erklärte sie: „Wenn Putin den Befehl tatsächlich nicht gegeben haben sollte, würde das bedeuten, dass er die nuklearen Ressourcen nicht mehr kontrolliert. Irgendein Krimineller wäre also in der Lage, sich Nuklear-Material zu beschaffen.“ Ihre Hoffnungen ruhen auf den britischen Ermittlern. „Die englische Staatsanwaltschaft will den Fall vor Gericht bringen. Mir wurde versichert, dass die Beweise gegen Lugowoi sehr hart sind.“
Verwunden hat sie den Tod ihres Mannes bis heute nicht. „Du lebst weiter und verstehst noch nicht, dass er nicht mehr da ist. Im zweiten Jahr ist mir klar geworden, dass es ihn nicht mehr gibt. Deshalb ist es jetzt besonders schwer für mich.“
Mitarbeit: Manfred Quiring





