Bildungspolitik

Wird die Ganztagsschule zum Normalfall?

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David Deißner

Foto: ddp / DDP

Morgen startet in Dresden der Bildungsgipfel. Dort wird es auch um den umstrittenen Ausbau des Ganztagsschulangebots gehen. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz Annegret Kramp-Karrenbauer erklärt, warum die Schule der Zukunft nicht erzwungen werden sollte.

Morgenpost Online: Frau Kramp-Karrenbauer, Sie haben kürzlich gesagt, die Ganztagsschule solle bis zum Jahr 2020 zum Normalfall werden. Hat der Staat überhaupt das Recht, den Familien einen neuen Tagesablauf aufzudrücken?


Annegret Kramp-Karrenbauer: Ich bin ein klarer Verfechter der Wahlfreiheit der Eltern. Die Eltern haben das Recht, ihr Familienleben selbst zu gestalten und sie müssen auch selbst herausfinden, ob die das Angebot brauchen oder nicht. Sie sollten nicht dazu gezwungen werden. Gleichwohl bin ich der festen Überzeugung, dass wir auf mittlere Sicht ein Ganztagsschulsystem in Deutschland bekommen werden. Dies wird sich nicht durch politische Zwänge, sondern aus den gesellschaftlichen Notwendigkeiten heraus ergeben.


Morgenpost Online: Inwiefern?


Kramp-Karrenbauer: Wie auch im Bereich der frühkindlichen Förderung holen wir mit dem Ausbau der Ganztagsschulangebote eine Entwicklung nach, die in vielen anderen europäsischen Ländern längst im Gang ist. Für die kommenden Elterngenerationen wird es normal sein, dass es für ihre Kinder schon relativ früh ganztägige Betreuungsangebote gibt. Mit Blick auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie werden die Eltern erwarten, dass ein solches Angebot auch in der Schule fortgesetzt wird.


Morgenpost Online: Aber viele Eltern äußern auch die Befürchtung, dass die gemeinsame Zeit in der Familie knapp werden könnte.


Kramp-Karrenbauer: Ich betone abermals: Es sollte sich um ein freiwilliges Angebot an Schüler und Eltern handeln. Aber meine Erfahrung ist, dass dort, wo Ganztagsschule qualitativ gut gemacht wird, schon heute viele dieses Angebot nutzen.


Morgenpost Online: Blick man auf die Teilnahmequoten an Grundschulen mit offenem Ganztagsangebot, so lässt sich ein stärkerer Anstieg bei Kindern mit niedrigem sozialen Status verzeichnen. Wird die Ganztagsschule zum Auffangbecken für „Problemkinder“?


Kramp-Karrenbauer: Nein, das glaube ich nicht. Natürlich ist eine gute Ganztagsschule eine Möglichkeit, familiäre Defizite aufzufangen, etwa wenn Kinder anderenfalls am Nachmittag auf sich allein gestellt wären. Aber in vielen Fällen, in denen Ganztagsschule in Anspruch genommen wird, sind beide Eltern berufstätig und verfügen oft über einen guten Bildungsstand. Auch im Zuge der Umstellung auf das achtjährige Gymnasium wird dort die Frage diskutiert, ob und wie der Unterricht auch durch Nachmittagsangebote rhythmisiert werden kann.


Morgenpost Online: Frankreich hat bei den Pisa-Vergleichstests in der Vergangenheit nicht besser abgeschnitten als Deutschland, obwohl es hier eine lange Ganztagsschultradition gibt. Garantiert die Ganztagsschule besseren Lernerfolg?


Kramp-Karrenbauer: Wir sollten nicht glauben, dass die Ganztagsschule das Allheilmittel für alle Probleme ist. Pisa hat gezeigt, dass wir ganz unterschiedliche Ergebnisse haben, bei ganz unterschiedlichen Schulformen, ob es sich nun um gegliederte oder integrative Systeme handelt, um Halbtags- oder Ganztagsschulen. Es gibt bei allen Schulformen Gewinner und Verlierer. Das ist für mich ein Zeichen dafür, dass die Frage der Unterrichtsdauer nicht die entscheidende Frage für die Beurteilung der Qualität von Ganztagsschulen ist.


Morgenpost Online: Aber was sind dann die pädagogischen Vorteile der Ganztagsschule?


Kramp-Karrenbauer: Es bieten sich viele Möglichkeiten für gute pädagogische Ansätze, etwa das Aufbrechen des starren 45-Minuten-Gerüsts und ein intensiveres fächerübergreifendes Lernen. Grundvoraussetzung für eine gute Ganztagsschule ist, dass es ein zwischen Betreuungs- und Bildungseinheiten abgestimmtes pädagogischen Konzept gibt, dass auch der Lehrer am Nachmittag mit eingesetzt wird, etwa bei der Hausaufgabenbetreuung oder für weiteren Unterricht am Nachmittag.


Morgenpost Online: Wie reagieren die Lehrer, wenn sich die Präsenzpflicht zukünftig bis 16 Uhr ausdehnt?


Kramp-Karrenbauer: Es wird sicherlich Lehrer geben, die sich wünschen, dass ihr Arbeitsrhythmus derselbe bleibt. Ich erkenne aber zunehmend auch die Bereitschaft von Lehrern, im Rahmen eines neu rhythmisierten Tagesablaufs auch am Nachmittag mit vor Ort zu sein. Das setzt natürlich auch Veränderungen in der Schule voraus. Beispielsweise müssen entsprechende Arbeitsplätze für Lehrer vorhanden sein. Noch sind die Arbeitsbedingungen vielerorts nicht ideal.


Morgenpost Online: Oft stehen aber auch nicht genügend qualifizierte Lehrkräfte und Erzieher zur Verfügung. Wie kann sichergestellt werden, dass die Länder die vom Bund angeschobene Ganztagsschulförderung zukünftig auch mit den notwendigen Mitteln zum Erfolg führen?


Kramp-Karrenbauer: Dies ist eine Frage des Wettbewerbs. Die Eltern haben durchaus im Blick, was an welcher Schule angeboten wird. Wir haben im Saarland beispielsweise Qualitätskriterien entwickelt, auch für das pädagogische Personal. Es werden an jedem Nachmittag Lehrerstunden für die Hausaufgabenbetreuung eingesetzt. Zudem müssen in jeder Gruppe Erzieherinnen oder Sozialpädagogen eingesetzt werden. Diejenigen, die schon längere Zeit in Hort-Einrichtungen als Honorarkräfte tätig waren, müssen sich einer umfangreichen Weiterbildung unterziehen. Die Eltern legen auf derlei Qualitätsstandards viel Wert.


Morgenpost Online: Annette Schavan hat angekündigt, sie werde sich auf dem Bildungsgipfel im Oktober dafür einsetzen, dass Ganztagsschulangebote weiterhin mit Bundesmitteln unterstützt werden können. Droht mal wieder ein Kompetenzgerangel zwischen Bund und Ländern?


Kramp-Karrenbauer: Nach der Föderalismusreform ist klar, dass ein bundesweites Ganztagsschulprogramm wie aus dem Jahr 2003 aus verfassungsrechtlichen Gründen nicht mehr möglich sein wird. Gleichwohl ist denkbar, dass sich Bund und Länder beim Bildungsgipfel auf gemeinsame Ziele bezüglich des Ganztagsschulangebotes einigen werden. Die Fortsetzung der bundesweiten Ganztagsschulförderung muss dieses Mal das Ergebnis von Vereinbarungen sein. Schule ist kein System im luftleeren Raum. Es gibt Berührungspunkte mit Kompetenzbereichen sowohl des Bundes als auch der Kommunen. Bei den Gesundheitsprogrammen des Bundes, aber auch im Bereich der Schulsozialarbeit wäre es durchaus sinnvoll, Absprachen zu treffen. Grundsätzlich aber sollen die Länder den Ausbau der Ganztagsschulen in eigener Verantwortung realisieren – und zwar bedarfsgerecht, also mit Blick auf ihre eigenen Gegebenheiten und Siedlungsstrukturen.