Castor-Proteste

Polizei bezichtigt Atomkraftgegner der Gewalt

Bei Protesten gegen die umstrittenen Atommüll-Transporte kämpfen Demonstranten gegen Polizisten. Sicherheitskräfte gehen mit Schlagstöcken und Wasserwerfern gegen Atomkraftgegner vor. Mehrere Menschen werden verletzt. Nach den Ausschreitungen blockieren Demonstranten erneut eine Bahnstrecke.

Nahe dem Atommülllager Gorleben haben sich Demonstranten und die Polizei gewaltsame Auseinandersetzungen geliefert. Mehrere Hundert Atomkraftgegner schlugen sich trotz eines Versammlungsverbots an mehreren Stellen auf Feldwegen bis zu den Bahngleisen durch. Zeitweise blockierten nach Polizeiangaben bis zu 700 Menschen die Gleise, auf denen der Atomtransport mit den Castorbehältern rollen soll.

Die Polizei trieb die Atomkraftgegner, darunter vermummte Demonstranten, mit Schlagstöcken auseinander. Die Sicherheitskräfte setzen auch Wasserwerfer ein – um Feuer auf den Schienen zu löschen. Die Demonstranten seien gewalttätig vorgegangen, sagte ein Polizeisprecher. Einige hätten auch versucht, die Bahnschienen zu beschädigen. Zwischen Lüneburg und Dannenberg wurde ein Gleisstück vermutlich mit einem Wagenheber angehoben. Gleisarbeiter machten sich daran, den Schaden zu reparieren.

Die Demonstranten hatten auf der Bahnstrecke zwischen Dahlenburg und dem Bahnhof Dannenberg Strohballen angezündet und Baumstämme quergelegt. Polizisten seien mit Silvesterknallern und -raketen beschossen worden, hieß es bei der Polizei. Daraufhin seien Schlagstöcke eingesetzt worden. Nach Angaben der Demonstranten gab es wegen des Vorgehens der Polizei mehrere Verletzte.

Stunden später gelang es Demonstranten erneut, Bahngleise bei Hitzacker zu blockieren. An zwei Stellen saßen insgesamt rund 300 Atomkraftgegner auf den Schienen. Die Aktion blieb zunächst friedlich. Ein großes Aufgebot von Polizisten sicherte die Strecke.

Begleitet von den Protesten erreichte der Atommüll-Transport aus Frankreich am Sonntagnachmittag Niedersachsen. Der Zug passierte bereits den Bahnhof in Göttingen. Wegen einer Gleisblockade in der Südpfalz hat der Transport aus Frankreich eine Verzögerung von etwa zwölf Stunden. Drei Demonstranten hatten sich an einem Betonblock unter dem Gleis festgekettet. Spezialisten der Bundespolizei befreiten die jungen Leute wieder.

Ein Sprecher der Polizei sagte, es gehe nicht darum, den Transport möglichst schnell, sondern sicher ins Zwischenlager Gorleben zu bringen. Die Atomkraftgegner setzen dagegen darauf, den Transport möglichst zu erschweren und dabei auf die Gefahren aufmerksam zu machen, die nach ihrer Ansicht von dem Müll ausgehen, der in Gorleben in Salzstöcke eingelagert werden soll.

Bei einer Sitzblockade versperrten zeitweise Hunderte Demonstranten die Zufahrt zum Zwischenlager. Die Einsatzkräfte der Polizei - in Niedersachsen sind es insgesamt mehr als 10.000 – rechneten noch mit weiteren Störaktionen. Die heiße Phase der Proteste steht dann bevor, wenn der Zug die Verladestation in Dannenberg erreicht hat und für die Weiterfahrt auf der Straße bis nach Gorleben vorbereitet wird.

Demonstranten haben das Aufeinandertreffen mit den Einsatzkräften in Trainingskursen vorher durchgespielt. „Man lernt, wie man ohne blaue Flecken auskommt“, sagte ein junger Mann, der auf einem Strohballen vor dem Zwischenlager in dem kleinen Dorf Gorleben auf der Straße saß. Wie die meisten wollte er den Platz nicht freiwillig räumen und sich notfalls von der Polizei wegtragen lassen.

Der Castor-Transport sollte am späten Nachmittag Lüneburg erreichen. Die elf Atommüllbehälter müssen in Dannenberg vom Zug auf Straßentieflader umgesetzt werden. Mit dem Weitertransport in Richtung Gorleben wird für den Montag gerechnet.

Zwischen Langendorf und Quickborn organisierten Atomkraftgegner eine Pferdeprozession, die friedlich verlief. Auch gab es mehrere Mahnwachen. Etwa 200 AKW-Gegner hatten die Nacht friedlich in der Nähe des Zugs in Rheinland-Pfalz verbracht, teilte die Polizei weiter mit. Die Lage sei ruhig geblieben. Insgesamt zehn Personen seien vorübergehend in Gewahrsam genommen worden.

Etwa 80 Demonstranten blockierten weiter die Einfahrt zum Zwischenlager Gorleben. Nach einer Demonstration von 15.000 AKW-Gegnern hatten sich am Vorabend zunächst 500 Aktivisten vor der Einfahrt niedergelassen. Man sehe im Moment keinen Grund, gegen die Blockade vorzugehen, sagte ein Polizeisprecher.

Der Protest in Gorleben am Vortag blieb friedlich. Der Sprecher der Anti-Atom-Initiative X-tausendmal quer, Jochen Stay, zeigte sich erfreut über die große Zahl der Demonstranten: „Die Kette der Atommüll-Skandale und das Gerede von Laufzeitverlängerungen für die Atomkraftwerke hat viele Menschen wachgerüttelt. Statt des Comebacks der Atomenergie erleben wir in diesen Tagen die Renaissance der Anti-Atom-Bewegung.“

Die Polizei berichtete über Brandanschläge auf mehrere Bahnstrecken in Deutschland. Einen Zusammenhang mit dem Castor-Transport schloss die Polizei nicht aus. Es sei teilweise erheblicher Sachschaden entstanden, erklärte die Polizei; ein Teil der Strecken habe zeitweise gesperrt werden müssen.

Betroffen waren die Rheintalstrecke bei Karlsruhe, der Bereich Hamburg-Reinbek, der Großraum Berlin sowie Hamm und Wiesbaden. Durch den Einsatz von Brandbeschleunigern hätten Schwelbrände und offene Brände zu erheblichen Sachschäden an Kabeln für Signal-, Funk- und Telefonanlagen geführt, erklärte die Polizei. Bei dem Vorfall in Wiesbaden sei auf einem an die Bahnanlage angrenzenden Feldweg der Schriftzug „Gegen Castor“ gesprüht worden. Die Anschläge hätten den Bahnverkehr beeinträchtigt, nicht aber den Castor-Transport, sagte ein Polizeisprecher.