John McCain reiste in den letzten Tagen des Wahlkampfes mit Joe, dem Klempner, um Volksnähe zu beweisen. Barack Obama vertraut seit dem 23. August seinen Kollegen Joe, den Senator aus Delaware, Biden (65), um vor allem seine außenpolitische Schwäche auszugleichen. Biden wird Obama ein loyaler, kämpferischer, nahezu fehlerfreier Stellvertreter sein.


Dabei hat Senator Biden, der im Vorwahlkampf gegen Obama kandidiert hatte und ihm die Eignung für das Weiße Haus abgesprochen hatte, wie das im Wahlkampf so üblich ist, steht in den Ruf, nichts lieber zu tun, als zu reden und sich selbst zuzuhören. Seine Gegner hatten Grund zu hoffen, er werde sich um Kopf und Kragen reden. Biden läßt sich im Rederausch zu freien Erfindungen hinreißen; 1987 kostete ihn ein kurioses Plagiat – er hatte Reden des britischen Labour-Führers Neil Kinnock abgekupfert – seine erste Bewerbung um die Präsidentschaft.


Bei Wahlveranstaltungen der Republikaner wurde Joe Biden dehalb als Schießbudenfigur aufgebaut. „Bei der Wirtschaftskrise 1929“, zitierte Rudy Giuliani kürzlich den Senator, "wandt sich Präsident Roosevelt in einer Fernsehansprache an die Amerikaner." Grölendes Gelächter – ha, Hoover war Präsident, und es gab noch kein Fernsehen -, leider zitierte Giuliani korrekt.


Solch barer Unsinn kann Joe Biden durchaus unterlaufen. Ein anderes Mal gab er Munition an McCain aus, als er voraussagte, Barack Obama werde im ersten Halbjahr seiner Amtszeit durch eine Krise und Feinde der USA geprüft werden. "Mich muss niemand testen",giftete McCain dankbar, "niemand wird es wagen." Joe Bidens Neigung zur Geschwätzigkeit war in seiner Berufung einkalkuliert. Seine Vorzüge, meinte Obama, wögen die offenkundigen Schwächen auf. Er irrte nicht.


Biden ist der erste Vizepräsident aus Delaware, dem zweitkleinsten Flächenstaat der Union mit 865.000 Einwohnern. Man nennt sich "First State", weil Delaware als erster der dreizehn Rebellenstaaten die Unabhängigkeitserklärung der USA ratifizierte. (Unnötig hinzuzufügen, dass Alaska, der größte Flächenstaat, rund 200.000 weniger Menschen hat und, wenn überhaupt, zuletzt unterzeichnete). Bidens Erfahrung ist unbestritten. Seit 1973 im Senat hat er sich als Vorsitzender des Justizausschusses wie des Auswärtigen Ausschusses Respekt auf beiden Seiten des Parteienspektrums erarbeitet.


Er kennt mehr Präsidenten, Premiers und Oppositionspolitiker samt ihren Stäben in aller Welt beim Vornamen, besonders in Osteuropa, als irgendein US-Senator. Abrüstung, Nichtverbreitung, Nato-Erweiterung, Supermächterivalitäten – Joe Biden hat über solche Themen verhandelt, nicht nur von ihnen gelesen. Es heißt, sein Einfluß auf Bill Clinton habe während des Balkankrieges in den 1990er Jahren zum Eingreifen gegen ethnische "Säuberungen" und zur Ächtung von Milosevics Serbien beigetragen. John McCain, nicht minder erfahren in Außen- und Sicherheitspolitik, ist seit Jahrzehnten Bidens Freund. Heute, sagt Biden traurig, erkenne er ihn kaum wieder.


Man sieht ihm nicht an, dass er mehr Schicksalsschläge erduldet hat, als die meisten Politiker ertragen müssen. Seine katholische Familie irischer Herkunft sank in Scranton, Pennsylvania, in die niedere Mittelklasse, als sich sein vermögender Vater verspekulierte. Im Jahr 1972, als er für den US-Senat kandidierte, starben seine Ehefrau und seine Tochter bei einem Autounfall. Seine beiden Söhne überlebten schwer verletzt.


Er wisse, wie das sei, allein zu erziehen und um das Wohl der Kinder zu bangen, sagte er in der Fernsehdebatte mit Sarah Palin. Es brach ihm die Stimme, Tränen standen ihm in den Augen, dann fing er sich wieder. Palin überging Bidens Schmerz kalt. Das wurde allenthalben bemerkt und tat nichts, um die Kandidatin den Demokraten oder Unabhängigen sympathischer zu machen. Man kann Joe Biden ablehnen, vielleicht sogar verlachen. Verachten aber, wie viele Demokraten in Notwehr Sarah Palin verachten, kann man Joe Biden nicht.


Er stimmt für die Irak-Invasion und bezeichnete 2005 sein Votum als Fehler. Ein Fehler war es auch, verlauten zu lassen, es wäre ihm "eine Ehre, gegen oder mit John McCain zu kandidieren". Biden beschrieb Barack Obama obendrein als "den ersten Mainstream-Afroamerikaner, der sich artikulieren kann, der klug und sauber und ein gut aussehender Typ ist". Obama hat es überlebt, und Biden auch. Er frass Kreide und vergass den Fauxpas. Das Duo wird die USA regieren.