Wenn eines Tages die Deutschen einen Kanzler türkischer Abstammung wählen, wenn die Franzosen eine Staatspräsidentin algerischer Herkunft küren und die Briten sich für einen Premierminister aus pakistanischer Familie entscheiden, werden in Europa die Tränen des Glücks und des überströmenden Stolzes fließen, die in der Wahlnacht in Amerika vergossen wurden. Condoleezza Rice und Colin Powell, Oprah Winfrey und Jesse Jackson sind stolz auf den 44.Präsidenten der Vereinigten Staaten.


Doch mehr noch überwältigt sie ein Beben ihrer Seele, das fast religiöse Intensität hat. Die Ahnung, dass die Erbsünde Amerikas, die Sklaverei und die Diskriminierung der schwarzen Rasse, gesühnt werden könnte. Dass ihre Nation sich verjüngt, überwunden, gereinigt hat von dem Übel und in einen neuen Morgen strebt.

Das ist es, was Michelle Obama im Frühjahr meinte, als sie sagte, sie sei in ihrem erwachsenen Leben noch nie so stolz auf ihr Land gewesen. John McCain und Sarah Palin mokierten sich damals böse über die genüsslich missverstandene Bemerkung. Sie liebten ihr Land immer, zischten sie, nicht nur, wenn es einen schwarzen Kandidaten umjubelt. McCain und Palin wurden schwer bestraft von den gebildetsten Amerikanern, die ihren „Joe der Klempner weiß es besser“-Populismus und ihr hetzerisches Ressentiment gegen Intellektuelle wie Barack Obama verachteten.


Es war kein Zufall, dass auf Sarah Palins Veranstaltungen schwarze Presseleute angepöbelt wurden und die Schreie „Sozialist“ und „Terroristenfreund“ hysterisch ausgestoßen wurden wie Lynchgeheul. Palin spielte lustvoll mit diesem Feuer. Es ist auch kein Zufall, dass, wie erst jetzt bekannt wird, im September und Oktober nach Informationen des FBI Todesdrohungen gegen Obama und seine Familie massiv zunahmen. „Warum wollen sie, dass uns die Menschen hassen?“, soll Michelle ratlos einen ihrer Mitarbeiter gefragt haben.

Nun jedoch ist alles anders. „Das ist der Genius von Amerika“, rief Barack Obama Minuten nach seiner Wahl in die warme Nacht in Chicago, „dass Amerika sich wandelt. Unsere Union kann perfekter werden.“ Es fiel den meisten Beobachtern auf, wie ernst, staatsmännisch, fast bedrückt Obama in der Stunde seines Triumphs wirkte. Kein Feuerwerk, keine geballten Fäuste, gebrüllte Siegesparolen. Obama bat stattdessen die Republikaner und John McCain um Hilfe bei einer unendlich schweren Aufgabe. Er wolle sich das Vertrauen derer, die ihn nicht gewählt haben, verdienen; er werde der Präsident aller Amerikaner sein. Mag das Kommentariat der Konservativen in Amerika und der flinken Amerikaverächter anderswo das alles hohl finden, lachhaft, verkitschte Politik.


Für die Amerikaner, die acht Jahre unter der Regierung von George W. Bush gelebt und, viele, gelitten haben und sich nun von existenziellen Krisen umringt sehen, fand er, wie meist, genau den richtigen Ton. Obama hat Ronald Reagan studiert, nicht sein in diesen Wochen verabschiedetes Mantra „Der Staat ist das Problem, nicht die Lösung“. Sondern seinen Optimismus in schwerer Zeit, sein „Morning in America“.

Es gehört keine Kühnheit dazu, vorauszusagen, dass der 4. November 2008 ein historisches Datum des Vorher-Nachher werden wird. Wie es, auf niederschmetternde Weise, der 11. September 2001 wurde. Wie es der 8. November 1960 war, als John Fitzgerald Kennedy hauchdünn Richard Nixon schlug, mit 49,7 zu 49,5 Prozent der Stimmen. Der erste katholische US-Präsident irischer Abstammung gab seinen Minderheiten so viel Mut und Stolz wie Barack Obama heute den Seinen. Wer die Tränen und die Seligkeit der Amerikaner naiv findet und selbst beweihräuchernd obendrein, möge harte Zahlen aus Umfragen bedenken.


40 Prozent der Amerikaner hatten vor den Wahlen laut einer AP-Erhebung eine negative Meinung von Schwarzen; selbst unter Demokraten fanden sich zwei Drittel, die Vorbehalte eingestanden. Arbeitsscheu, verantwortungslos, kriminell, so lauten die übelsten Vorurteile. Sie liegen in der Atemluft, sie sind in der DNS Amerikas. Und doch gewann Barack Obama am Wahltag phänomenale 40 Prozent der weißen Stimmen.

Es ist gesagt worden, eher halblaut, weil man in besserer Gesellschaft nicht über Rassenvorbehalte spricht, dass Obama eben ein besonders hellhäutiger „Mulatte“ sei. Dass seine Gesichtszüge, zumal die Nase, alles Negroide vermissen ließen. Dass er, kurz und absurd, so kaukasisch wirke wie nur möglich mit einem schwarzen Vater. Es ist weiter, auch dies eher im gedämpften Ton, behauptet worden, Obama wirke auf Weiße so anziehend, weil er nicht den Ballast einer Jugend in einem schwarzen Getto mit sich trage. Weil sein Gebaren, seine makellosen Manieren, der ruhige, nachdenkliche Ton allen Klischees zuwiderliefen, die in weißen Vororten über fluchende, goldbehängte, aufschneidende schwarze Stars aus dem Sport und der Entertainment-Industrie umgehen. Obama hat die Coolness und Raffiniertheit von Miles Davis' frühem Album „Kind of Blue“. Er hat nichts von dem Dumpfmachismo des Gangster-Rappers 50 Cent mit der Botschaft „Werde reich oder stirb bei dem Versuch“.

Niemand war sich der Gefahr, als aussichtsloser Kandidat des schwarzen Amerika anzutreten, bewusster als Barack Obama. Der Senator und seine Frau Michelle sind eng befreundet mit der Familie Jesse Jacksons. Mehr mit den Kindern als mit dem Senior, der als junger Vertrauter Martin Luther Kings und erster schwarzer Präsidentschaftskandidat die Schultern bot, auf denen Obama heute steht.


Jackson sprach für manche enttäuschte Schwarze, als er in einem schwachen Moment zornig versprach, diesem jungen Parvenü, der nicht wisse, in welcher Tradition er stehe und auf Schwarze herabsehe, „die Eier abzuschneiden“. Obama und sein Stab achteten peinlich darauf, nicht zu eng von der wohligen Bürgerrechtsgemeinde umarmt zu werden. Der Kandidat lehnte Redenangebote vor Schwarzengruppen ab – oder überließ sie seiner Frau. Er tat alles, um das Unmögliche zu schaffen: vergessen zu machen, welche Farbe seine Haut hat.

„Rassenschranken fallen mit entscheidendem Sieg“, titelte die „New York Times“ am Tag nach der Wahl. Und wurde von Liberalen heftig dafür angegriffen: Barack Obama stehe für ein postrassistisches Amerika. Es sage nichts Gutes über das Blatt, wenn es schwarzmale und schon Überwundenes zu überwinden trachte. Unterdessen tauchten auf Facebook die ersten „Impeach Barack Hussein Obama“-Gruppen auf.


Hunderte kommen virtuell zusammen, um sich am Rachetraum eines Amtsenthebungsverfahrens zu berauschen. Der Wohnblock in Hyde Park, Chicago, wo das Backsteinhaus der Obamas steht, wird zu einer Festung des Secret Service ausgebaut. Wer in all dem Glück der Wähler Obamas eine Unterströmung der Angst wahrzunehmen meint, irrt nicht. Es dürfte kaum je ein US-Präsident seit Abraham Lincoln sein Amt mit so viel Bangen um sein Leben angetreten haben.

Es waren die Jungen, nicht nur die Schwarzen, Latinos, Intellektuellen, die ihm Staaten wie Ohio, Virginia und Florida gewannen. Obama rühmte sie in seiner Rede, weil sie „den Mythos der Apathie ihrer Generation“ zurückgewiesen hätten. Zwei Drittel der Wähler unter 30 stimmten für Barack Obama. Die Kriegsgeneration dankt ab, die 68er, Rechte wie Linke, kämpfen ihre Schlachten mit immer weniger Einfluss und Publikum. Obama entbot seinen Optimismus, aber er verlangte auch Opfer. George W. Bush hat nie Opfer verlangt. Nicht für zwei Kriege, nicht für Rekordhaushaltsdefizite. Umso mehr schmerzte es, sie zu bringen.

Es ist bewegend zu lesen, wie schwarze Kommentatoren, die in dem langen Wahlkampf um Distanz zu Obama rangen, nun ihren Gefühlen und ihren Tränen freien Lauf lassen. Sie denken trauernd an ihre Eltern und Großeltern, an die Leiden der Sklaven. „Die Arbeit schwarzer Menschen machte diese große Nation möglich“, notiert Eugene Robinson. Sie bestellten die Felder mit Tabak und Baumwolle, die den Reichtum der USA begründeten. „Wir müssen von niemandem irgendetwas erbitten.“ Seit Dienstag aber sei alles anders: „Der neue Sonnenschein legt sich warm auf mein Gesicht.“