Das Interview ist vorbei, die Unterlagen sind zusammengeschoben und auf Kante gestaucht, als Tarek Al-Wazir noch einmal zurück ins Zimmer bittet. Er hat da noch etwas. Es ist ein spontaner Entschluss. Er reicht eine Postkarte über den Tisch. "Du dreckiger Ziegenficker" ist zu lesen, geschrieben mit einem Buntstift, das Schriftbild einer ungeübten Klaue. Al-Wazir steht neben seinem Tisch und ist nichts als Löschblatt und Konzentration - er fixiert mit Schärfe die geringste Reaktion. Es ist ein Test. Wird diese Kränkung dem journalistischen Besucher peinlich sein? Aber er selber sieht dabei bloßgestellt, entwaffnet aus, der Einsiedlerkrebs ohne Haus, die Schildkröte ohne Panzer. Nackt auf dem Drei-Meter-Brett.

Im berührungsempfindlichen Mikadohaufen, der das kompliziert gelagerte hessische Parlament gerade ist, respektiert die CDU des amtierenden hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch ohne Wenn und Aber nur einen einzigen Gegenspieler, der ernst zu nehmen, der als gefährlich anzuerkennen ist. Beileibe kann das nicht Frau Ypsilanti sein. Erst recht nicht die linkischen Laien der Linken, auch niemand von der FDP. Bei Fragen der Intelligenz, des politischen Instinkts und der präzis berechneten Taktik sieht ein prominentes Mitglied der hessischen CDU nur einen einzigen Gegner auf Augenhöhe - den Partei- und Fraktionschef der hessischen Grünen, Tarek Al-Wazir (37).

Al-Wazir ist geboren und aufgewachsen in Offenbach bei Frankfurt, der Sohn eines jemenitischen Diplomaten und einer deutschen Lehrerin. Abitur, Studium Politikwissenschaft in Frankfurt, verheiratet, zwei Kinder. Und mit einem eingefleischten hessischen Akzent, den er nicht mehr ablegen kann.

Al-Wazir, der stille, aber klug durchtaktierende Grüne ging 19 Jahre lang durch eine harte politische Schule. Er ist mit allen Wassern gewaschen. Das meiste kam als kalte Dusche, oft im eigenen, grünen Badezimmer. Zum Beispiel durch den herabsetzenden, feudal-autokratischen Umgangsstil seiner Selbstherrlichkeit, des grünen Umweltministers Joschka Fischer, zuerst im Kabinett Holger Börners, dann Hans Eichels. Al-Wazir war damals Vorsitzender der Grünen Jugend Hessens. Dazu will er immer noch nichts Näheres sagen. Aber er lacht wie einer, der ein gutes Gedächtnis besitzt. Bei Roland Koch lacht Al-Wazir nicht, auch da ist sein Gedächtnis lückenlos. Es ist sogar unüberwindlich, es ist eine politisch einschränkende Behinderung.

Selbst in brenzliger Lage hat sich Al-Wazir keine Falschaussagen geleistet, allerhöchstens einmal eine halbe Wahrheit - wie beim Streit über den Ausbau des Frankfurter Flughafens. Bis kurz vor Abschluss der Koalitionsverhandlungen mit der SPD etwa klang es doch sehr danach, als ob alles noch offen sei. Als dann Al-Wazir und Andrea Ypsilanti mit "Wir sind gelandet" aus den Koalitionsverhandlungen kamen, war klar, dass beide seit Beginn von der dritten Frankfurter Startbahn aus abgehoben hatten. Ansonsten: keine Tricksereien, keine Skandale, die bekannt geworden wären, nicht einmal erklärte Feinde. Ein kampfvernarbter Berufspolitiker, mit allen Wassern gewaschen. Aber sauber.

Eine Regierung mit Ypsilanti, den Grünen und den Linken jedenfalls ist nichts, was ihn begeistert. Die Neuen im Parlament gehen ihm mächtig auf die Nerven. Vor allem die Linken-Abgeordnete Janine Wissler, eine Frankfurter Politikstudentin. Die macht keinen Hehl daraus, dass so ein Parlament ja Gesetze beschließen könne. Aber entscheidend sei das nicht. Politik werde auf der Straße gemacht, durch den massenhaften Aufmarsch der Arbeiterklasse. Als Wissler dann auch noch im Parlament zum Besten gab, man habe es weder nötig, sich zum Grundgesetz zu bekennen noch der DDR abzuschwören, lieber sollte doch die SPD mal ihre Vergangenheit aufarbeiten, zum Beispiel, dass die SPD Rosa Luxemburg ermordet hätte - da reichte es Al-Wazir.

Seine kurze Entgegnung, im Plenum mit sprachloser Bewunderung aufgenommen, dauerte nur wenige Minuten. Er wandte sich unvermittelt an die studentische Rosa Luxemburg von Hessen. "Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die beiden Führer der KPD", zitierte Al-Wazir den Historiker Heinrich August Winkler, "waren entschiedene Gegner der bürgerlichen Demokratie. Die Ordnung, für die sie kämpften, konnte aber schon deswegen nicht demokratisch sein, weil sie nicht die geringste Chance hatte, eine Mehrheit zu finden." Und dann empfahl Al-Wazir eine Lektüre: "Geboren am 13. August. Der Sozialismus und ich". Es sei ein Buch, das sich mit einer Lebensgeschichte in der DDR befasse. Der Autor sei Jens Bisky.

Und jetzt, sagte Al-Wazir, "können Sie Ihren Parteivorsitzenden, Herrn Lothar Bisky, fragen, ob sein Sohn recht hat". Nach der Hessen-Wahl ist es die krasseste Fehleinschätzung Roland Kochs gewesen, dass Al-Wazir und die Grünen eine 180-Grad-Kehre vollziehen könnten - eine Hinwendung zum ihm und einer Koalition mit der CDU. Irritiert, aber unbewegt sah Al-Wazir zu, wie Koch zugleich einen roten Läufer ausrollte, direkt auf ihn zu und querbeet hinweg über so ziemlich alles, was die CDU bislang vertreten hatte.

Schulpolitik und verkürzte Schulzeit G8? Das neue Programm der CDU ist in diesem Punkt nicht mehr wiederzuerkennen - es ist praktisch Deckungsgleichheit mit der Grünen-Agenda. Und wenn in Hessen als einzigem Bundesland der Kohlendioxidanteil pro Kopf nicht fällt, sondern steigt, soll Hessen nun künftig und möglichst sofort die Krone bei den erneuerbaren Energien tragen. So viel müsste doch eigentlich reichen.

Nein, gereicht hat es dennoch nicht. Im Verhältnis zu Koch sind Al-Wazir und die Grünen wohl grundsätzlich nicht mehr erreichbar. Die letzten Wahlkampfwochen im Januar 2008 sind eine Schlammschlacht gewesen, in deren Verlauf der kühl beherrschte Al-Wazir sich dazu hinreißen ließ, Roland Koch den Handschlag zu verweigern. Am meisten verletzend, als unverzeihlich empfand Al-Wazir ein Wahlplakat der CDU mit seinem arabischen Familiennamen - und einer Assoziationskette, wie Al-Wazir argwöhnte: Araber-Radikaler Moslem-Unterwanderung. Oder einfach "Ziegenficker".

In der Sendereihe "Das Sommerinterview" des Hessischen Rundfunks trat der Fraktionschef der Linken, Willi van Ooyen, als professioneller Politplauderer in Erscheinung, die SPD-Chefin Andrea Ypsilanti als unverdrossen frische, aber naive Unerfahrenheit vom Lande - und Tarek Al-Wazir, wie immer mit weißem Hemd, runder Schülerbrille, grauem Haar und grauem Anzug, wie der intellektuelle Musterschüler, der später einmal ein tüchtiger Bürokrat werden will.

Die Fristen, Verordnungen, die Verfahren sowie die Fußangeln und -noten in den Ordnungswerken der parlamentarischen Demokratie durchquert Al-Wazir virtuos und narrensicher wie ein Paragrafenreiter. Er hat sich von Jugend auf eingeschliffen auf die schiffchenmäßige Pendelbewegung im großen Webstuhl der Partei - schon als Schüler Mitglied der Grünen, Vorsitzender der Grünen Jugend, Stadtverordneter in Offenbach, Abgeordneter im Hessischen Landtag, Medien- und integrationspolitischer Sprecher der Partei, Bundesparteirat der Bundesgrünen, FraktionYpsilantis Kabinett svorsitzender in Wiesbaden, seit einem Jahr Landesvorsitzender. Die Kandidatur für die Spitzenposition der Bundesgrünen, zu der man ihn drängte, lehnte er umgehend ab.

Nach der Hessenwahl jedoch stand Al-Wazir vor einer Lage, die er bislang noch nicht kannte - dem Patt. Monatelang glaubte er daran, man könne die geschäftsführende CDU-Regierung mit wechselnden Parlamentsmehrheiten bezwingen. Bei den Studiengebühren. Bei der Rückkehr Hessens in die Tarifgemeinschaft der Länder. Beim Ökostrom für öffentliche Einrichtungen. Das hat er probiert, und danach wusste er: Gegen die Macht des Verwaltungsapparats ist im Parlament kaum anzukommen.

Lange vor Andrea Ypsilanti hat Al-Wazir deshalb in größter Diskretion Kontakt zu den Linken aufgenommen. Er spricht verächtlich von deren Anfängerfehlern wie öffentlichen Fraktionssitzungen - präzis derselbe Unfug, den die Grünen früher einmal selber durchprobierten. Lange vor Ypsilanti hat Al-Wazir auch ohne viel Aufhebens in der Öffentlichkeit den Linken ein paar Grundsätze eingebläut: dass man erstens die ganze Sache mit der von links geduldeten rot-grünen Koalition auch bleiben lassen könne. Dass er abwinken werde, falls sie den falschen Vorsitzenden an ihre Parteispitze wählen. Dass sie sich so weit in den Griff kriegen müssten, dass nach der Ministerpräsidentinnenwahl auch der Haushalt und ein ganzer Schwung wichtiger Gesetze glatt durch die Abstimmung geht. Höflich, still und verschwiegen lief Al-Wazir seiner Koalitionspartnerin voran, als Ypsilantis politischer Blindenhund. Er ging ihr auch beispielhaft mit der Einsicht voraus, dass die Partei vor der Wahl geschlossen hinter dem Coup stehen müsse.

Und dass die SPD-Abweichlerin Metzger auf einmal dafür eintritt, jetzt doch mit den Linken zu verhandeln? - Da hat man doch Herrn Al-Wazir da und dort in den Gängen des Hessischen Landtags mit Frau Metzger stehen sehen. Glücklich wirkt Al-Wazir weder mit Frau Ypsilanti, erst recht nicht mit den Linken. Na gut, es kann klappen am kommenden Dienstag, mit den Stimmen der Linken, bei nur einer einzigen Stimme über den Durst. Und wenn nicht? Al-Wazir schaut kühl. Man darf sicher sein, dass er einen Plan B in petto hat.