Die Frage ist: Wird der Kapitän das ihm anvertraute Schiff als ehrlicher Makler Europas steuern oder zum höheren Ruhme Frankreichs? Muss sich die EU gar auf den Egotrip eines monomanischen Alleinunterhalters gefasst machen?

Dass er das Talent besitzt, sich in Szene zu setzen, hat er mehrfach unter Beweis gestellt, zuletzt mit seiner weder in der Heimat noch bei allen EU-Partnern goutierten Zusage an China, der Eröffnung der Olympischen Spiele beiwohnen zu wollen – nicht nur in seiner Funktion als französischer Staatspräsident, sondern im Namen der gesamten EU. Sarkozys Allgegenwart in den Medien und sein von Zweifeln unangefochtener Tatendrang hat ihm in Frankreich eine Menge Kritik eingebracht.

Doch spricht viel dafür, dass Europa von seiner unbändigen Energie profitieren wird. Anders als sein Vorgänger Jacques Chirac gehört Sarkozy einer Generation an, für die der europäische Einigungsprozess eine Selbstverständlichkeit ist. Die nationalstaatlichen Vorbehalte, die Charles de Gaulle, den Gründer der Fünften Republik, umtrieben, sind zwar nicht gänzlich verschwunden, doch haben sie an Bedeutung stark verloren. Chirac fühlte sich der „France profonde“ tief verbunden: Er schien nie glücklicher, als wenn er auf einer landwirtschaftlichen Ausstellung Käse probierte und Kühe streichelte. Sarkozy ist ein Stadtmensch, der mit der Provinz nichts am Hut hat – wohl aber mit dem europäischen Ausland: Ein Großvater war Grieche, sein Vater ist Ungar, seine zweite Frau Spanierin, seine dritte Italienerin.

Mit Deutschland verbindet ihn wenig; Berlin findet er scheußlich. Die bei manchen französischen Intellektuellen verbreitete Schwäche für Würstchenbuden, Bierzelte und andere deutsche Eigentümlichkeiten teilt er nicht. Die europäischen Politiker, die er am meisten bewundert, sind Tony Blair und Silvio Berlusconi; doch ist der Erste nicht mehr im Amt, und mit dem Zweiten – das hat Sarkozy begriffen – lässt sich nicht viel Staat machen.

Als er noch Innenminister war, propagierte er den Gedanken einer Sechsergruppe als Motor für Europa. Davon ist heute nichts mehr zu hören. Wie schon seine Vorgänger hat Sarkozy rasch herausgefunden, dass am deutsch-französischen Tandem kein Weg vorbeiführt. Was immer Angela Merkel und er voneinander halten – beide verstehen sich auf die Kunst, die Vernunftehe als Liebesheirat auszugeben.

Für Sarkozys europäisches Engagement spricht vor allem, dass er sich als Vater des Vertrags von Lissabon fühlt – woran zumindest so viel richtig ist, dass er Frankreich, nachdem es sich durch das Non zur europäischen Verfassung selbst matt gesetzt hatte, wieder ins Spiel brachte. Die Ratifizierung ist ihm daher ein höchstpersönliches Anliegen. Er wird nichts unversucht lassen, um die Iren und die übrigen renitenten EU-Genossen wieder ins Boot zu holen.

Damit ist keineswegs gesagt, dass es nicht auch in Zukunft zu Zusammenstößen zwischen Paris und Brüssel kommen wird. Erst unlängst hat Sarkozy Peter Mandelson, den EU-Kommissar für Außenhandel, beschuldigt, die europäische Landwirtschaft auf dem Altar des freien Welthandels opfern zu wollen. In Frankreich ist „liberal“ ein Schimpfwort, mit dem die Mehrheit der Franzosen Vorstellungen verbindet, die vor drei Jahren als Schreckgespenst des „polnischen Klempners“ entscheidend zum Sieg des Non beitrugen.

Sarkozy hat für die Ängste seiner Landsleute vor der Globalisierung durchaus Verständnis und wird sich nicht scheuen, sie in Brüssel zu Gehör zu bringen. Jean-Pierre Jouyet, im Quai d’Orsay Staatssekretär für europäische Fragen, hat soeben der EU-Kommission – die er als Kabinettsdirektor des ehemaligen Kommissionspräsidenten Jacques Delors gut kennt – den Rat gegeben, sich weniger dogmatisch zu gebärden und etwas mehr politisches Fingerspitzengefühl zu entwickeln. In Brüssel befürchtet man vor allem, dass Sarkozy im Alleingang Initiativen ergreift, für die er dann Bundesgenossen sucht; wie die Erfahrung lehrt, ist es nicht leicht, selbst utopische Projekte zu beerdigen, wenn das Prestige ihres Initiators daran hängt.

Dem größten dieser Projekte, der Mittelmeerunion, wurden bereits die Zähne gezogen. Als Erfinder gilt Henri Guaino, Sarkozys ideenreicher Redenschreiber, der der europäischen Einigung kritisch gegenübersteht und sich lieber von Frankreichs ruhmreicher Vergangenheit inspirieren lässt. Die Mittelmeerunion soll die Anrainerstaaten lose miteinander verbinden und Frankreich – so ist wohl der Gedanke – eine Einflusszone sichern, die das gewachsene Gewicht Deutschlands in Europa kompensiert. (Schon Napoleon III. hatte von Bismarck „Kompensationen“ für die Einigung Deutschlands gefordert.)


Der Widerspruch aus Berlin hat die Mittelmeerunion inzwischen wieder in den Rahmen der Europäischen Union zurückgeholt, wo der Vorgang seit 1995 unter dem Aktenzeichen „Barcelona-Prozess“ ruht. Am Sonntag wird in Paris unter Teilnahme von 43 Staats- und Regierungschefs die feierliche Kelcherhebung stattfinden, doch ist wegen der Interessenkonflikte unter den Teilnehmern kaum damit zu rechnen, dass dem Nachfolger ein günstigeres Schicksal beschieden sein wird als dem Vorgänger.

Man mag über Sarkozys oft unausgegorene Schnellschüsse lächeln – in einem hat er recht: Europa muss mehr für seinen Ruf tun. Die großartigen Fortschritte seit den Römischen Verträgen werden meist als selbstverständlich verbucht, während der EU – wie zuletzt beim irischen Referendum – die Rolle des Sündenbocks zugewiesen wird. Als gewiefter Taktiker weiß Sarkozy, dass Klappern zum Handwerk gehört. Auf sein Klappern im nächsten Halbjahr darf man gespannt sein.