Liebe, Drogen, Sinnlichkeit

Carla Bruni macht Pop zur Staatsaffäre

Zum ersten Mal veröffentlicht die Französin mit der rauchigen, verruchten Stimme ein Album als französische Präsidentengattin: Auf ihrem Album besingt sie die Liebe als Droge. Die kolumbianische Regierung hat bereits aufs Entschiedenste protestiert. Und Bruni – singt einfach sexy.

Madonna hat das nie geschafft: Ihre Musik war niemals so persönlich, dass sich die Musik jeder Kritik entzog. Das mag an der bemerkenswerteren Musik gelegen haben. Sicher hatte es mit der Person zu tun, die hinter der Musik zum Vorschein kam oder verschwand. Madonna übt seit je her Macht aus und lässt Männer für sich arbeiten.

Bei Carla Bruni spielen Männer interessantere Rollen. Es sind mächtige Männer, denen Carla Bruni ihre Lieder widmet; sie rühmt sich der Liebe der berühmten Männer, so persönlich, dass sich die Musik weder bemitleiden noch loben lässt. Sondern nur Carla Bruni selbst, als allererste Präsidentengattin, die ein eigenes Pop-Album veröffentlicht. Voilà. „Comme si de rien n’était“, das Album, sollte Ende Juli erst erscheinen, war aber nicht mehr zu halten.

Brunis zahlreiche Eroberungen

Wesentliche Textzeilen waren bekannt geworden, es gab einige Aufregung wegen der 30 Liebhaber, die Carla Bruni-Sarkozy besingt. Am Freitag wird sie in den 20-Uhr-Nachrichten beim privaten Fernsehsender TF1 auftreten, er gehört Martin Bouygues, einem Vertrauten ihres Mannes. Freitag wird das Album also ausgeliefert. Die Kulturnation erlebt, fünf Monate nach einer überstürzten Hochzeit, wie sich Pop und Politik vermählen. Und seit gestern sind die 14 Lieder plötzlich offiziell im Internet zu hören, – hier kommen Sie zur Homepage von Carla Bruni – für zwei Stunden pro Person.

Die Lieder unterscheiden so wenig voneinander wie von jedem der zwei ersten Carla-Bruni-Alben. Musikalisch sind sie sowohl dem Nouvelle Chanson entlehnt, allerdings ohne glaubwürdigen Fatalismus. Aber auch der Country-Folk Amerikas hat seine Spuren hinterlassen wie die Sechzigerjahre und Françoise Hardy. Aber es geht vor allem um die rauchige, verruchte Stimme und darum, dass sie der Frau von Nicolas Sarkozy gehört, dem 40-jährigen Ex-Model mit einer Vorgeschichte, zu der diese Stimme prächtig passt. Auch wenn der Albumtitel unschuldig behauptet: „Als ob nichts gewesen wäre.“


War ja auch nichts weiter bis auf einige Affären mit Mick Jagger, Eric Clapton, Kevin Costner, Donald Trump, Sean Connery und Arno Klarsfeld bis zur Blitzehe mit Nicolas Sarkozy, dem frisch gebackenen Präsidenten Frankreichs. Auch der Philosoph und Vater ihres Sohnes, Raphaël Enthoven, hat am aktuellen Album mitgewirkt. 2003 bekannte Carla Bruni auf der Platte „Quelqu’un m’a dit“: „Raphaël sieht aus wie ein Engel/ Doch er ist ein Teufel in der Liebe/ Mit den Hüften/ Und mit seinem samtenen Blick.“

Die Anbetung des Nicolas Sarkozy


Des Philosophen Frau Justine Lévy revanchierte sich mit einem Buch, „Rien de grave“, wo sie Carla Bruni etwas überzeichnete, aber im Grunde darstellte, wie sich die Sängerin durch ihre Stücke selbst beschrieb: als Groupie. In den zahlreichen vorausgeschickten Interviews hat sie den Anteil der vor Sarkozy entstandenen Songs auf fünf Prozent beziffert. „L’amoureuse“ will sie nach ihrem ersten Treffen im November umgehend verfasst haben.

„Ta tienne“ betet den Präsidenten offen an. „Ich gehöre dir/ Auch wenn man mich verspottet und verdammt/ Das ist mir schnurz“, haucht Carla Bruni, durchaus glaubhaft. Einer Umfrage zufolge lieben sie zwei Drittel der Franzosen, ihren Mann mag nur noch jeder Dritte. Bei Naïve, der Plattenfirma, wurde schon erwogen, die CD mit einem Hinweis zu versehen: „Sie können Carla lieben, auch ohne ihren Mann zu mögen.“


Vielleicht kann man die Franzosen auch beneiden um eine Première Dame, die singt: „Ich bin ein Kind/ Trotz meiner 40 Jahre/ Trotz meiner 30 Liebhaber/ Ein Kind.“ Das Oberhaupt des Staates, der „Omnipräsident“, ringt um die Zuneigung des Volkes und begnügt sich mit der Seriennummer 31, wenn die Ehefrau ihre Vergangenheit besingt statt sich humanitären Aufgaben zu stellen. Eine Frau des Jahrgangs 1968 die in „Ma jeunesse“ entschlossen von der ewigen Jugend Abschied nimmt. „La possibilité d’un ile“ zitiert Michel Houellebeqc, den Prediger der sexuellen Verwahrlosung: „Inmitten all der Zeit gibt es die Möglichkeit einer Insel.“

Ein Verhalten wie ein Groupie

Dann bekennt sie triumphierend: „Ich bin Italienerin“. Das hat schon was. Die diplomatischen Verwicklungen, die „Tu e ma came“ auslöste, schadeten dem Glamour auch nicht. „Du bist meine Droge/ Tödlicher als afghanisches Heroin/ gefährlicher als kolumbianischer Schnee.“ Die kolumbianische Regierung protestierte bereits aufs Entschiedenste. „Love Is A Drug“ kommt einem in den Sinn, die unvergessene Groupie-Hymne von der Rockband Roxy Music.

Carla Bruni hat als Mutter der Nation im Februar sofort erklärt: „Ich würde es nicht wagen, etwas zu tun, was die Menschen schockierte und sich nicht an die Traditionen hielte.“ Daran hat sie sich gehalten. Wen die offensive Abenteuerlust entsetzt und die hinter den Liedern stehenden Rockstars, Immobilienkönige und Hollywood-Ikonen, hält ein Groupie grundsätzlich für sexuell verwirrt. Die minderjährigen Bobby Soxers, die für Frank Sinatra schwärmten, waren das wohl auch. Die Groupies in den späten Sechzigerjahren allerdings, die deutsche Eiskunstläuferin Monika Dannemann, die Fotomodels Bebe Buell, Anita Pallenberg und Uschi Obermaier, wussten, was sie taten.

Groupies gründeten die GTO, die erste Frauenband, die je ein eigenes Album aufnahm, unter der Regie Frank Zappas. Zappa sagte: „Groupies sind die Freiheitskämpferinnen der sexuellen Revolution.“ Es ist noch lange keine Staatsaffäre wenn die erste Dame sich Gedanken macht über die Liebe zwischen Obsessionen und Romantik, Zweck und bürgerlichen Werten. Carla Bruni sang bereits auf ihrem ersten Album: „Liebe/ Das ist nichts für mich/ Ich mag es lieber ab und zu/ Den Geschmack des Windes/ Und der Haut meiner Liebhaber.“ Ihr zweites Album ehrte eigensinnige Dichterinnen wie Emily Dickinson und Dorothy Parker. Die Musik ist auch auf ihrem dritten Album kaum der Rede wert. Aber Persönliches wie „L’antilope“, das eigentlich nur von Mick Jagger handeln kann, dagegen umso mehr.

Carla Bruni: Comme si de rien n’était (Naïve)