Petra Dilgert ist sich ganz sicher. "Ich bleibe dabei", sagt die Arbeiterin an der Kodiermaschine für fehlerhafte Adressen. "Lebenslang SPD." Dilgert ist Mitarbeiterin im Internationalen Postzentrum am Frankfurter Flughafen, und für sie ist die SPD weiter die Partei der Wahl. Immer schon, sagt sie, weil es in ihrer Familie von jeher so ist, aber auch, "weil die SPD doch ein Stück weit mehr für die Arbeitnehmer macht."

"Nur nicht aus dem Rahmen fallen"

Der Treueschwur würde Andrea Ypsilanti sicher guttun. Nach dem furiosen Landtagswahlkampf im Januar, bei dem sie um ein Haar CDU-Ministerpräsident Roland Koch aus dem Amt gefegt hätte, folgte ein Rückschlag nach dem anderen: Der gescheiterte Versuch einer Regierungsbildung mit den Grünen und mit Unterstützung der Linken, der Widerstand aus den eigenen Reihen dagegen, der Aufschrei wegen des "Wortbruches", nun doch mit der Linken zu wollen, schließlich die Panne mit dem fehlerhaften Studiengebührengesetz – der SPD-Chefin blies zuletzt ein scharfer Wind entgegen. "Nur nicht aus dem Rahmen fallen", sagt sie beim Fototermin und lächelt.

Noch weiß niemand, wie es in Hessen weitergehen soll, die Aktien stehen nicht gut für die SPD, aber Ypsilanti hat keineswegs aufgegeben. In Hessen sind nun erst einmal Sommerferien, und damit ist Zeit, Abstand zu gewinnen und Gedanken neu zu sortieren.


Roland Koch und seine CDU regieren seit dem 5. April nur noch geschäftsführend, doch die Regierungszügel sind weiter fest in ihrer Hand. Eine Mehrheit ist aber auch für die CDU nicht in Sicht, Kochs Bloßstellung der Gegner beim Studiengebührengesetz hat zunächst eine weitere Annäherung in Richtung einer schwarz-gelb-grünen Jamaika-Koalition verhagelt.

"Kein Wahlkampfschlager"

Also doch ein neuer Anlauf der SPD mit den Linken? Ypsilanti mag sich dazu weiter nicht äußern und betont nur, er stehe "nicht zur Debatte". Möglicherweise wird diese Debatte wieder eröffnet, wenn sich die SPD im September zum Parteitag trifft, doch bis dahin lautet die Devise eher: die eigenen Reihen schließen und über den Kampf zurück ins Spiel finden. Also tourt Ypsilanti wieder durchs Land, besucht Reinigungsfirmen, das Postzentrum und die Sicherheitskontrollen am Frankfurter Flughafen.

Beispiele für "gute Arbeit" will die SPD-Chefin vorzeigen, und gute Arbeit bedeutet vor allem: Mindestlohn. "Sie können sich darauf verlassen, dass der Mindestlohn nicht von der Tagesordnung genommen wird", versichert sie. Sie sagt diesen Satz mehrmals an diesem Tag, auch bei der Dienstleistungsfirma WISAG, deren Chef Bernd Jacke maßgeblich an der Einführung eines Mindestlohns im Sektor der Gebäudereiniger beteiligt war.

Nun sitzt Ypsilanti da und nickt, wenn Jacke Sätze sagt wie: Wertschätzung der Mitarbeiter sei wichtig, und dass der Mindestlohn "uns überhaupt nicht daran hindern kann, ein gutes Geschäft zu machen", nun könne man den Kunden Qualität ohne Angst vor Dumpinganbietern anbieten. Die SPD-Chefin guckt zufrieden und dankt dafür, dass ein Unternehmer deutlich mache, "was Politiker immer behaupten: dass man keine Angst haben muss vor dem Mindestlohn". Es sei eben „kein Wahlkampfschlager“ gewesen, dass die SPD dafür Unterschriften gesammelt habe, sagt sie noch.

Anhängerin aus Eritrea

Gute Arbeit, das bedeute eben auch guter Lohn, aber außerdem die Einhaltung von Arbeitnehmerrechten wie dem Kündigungsschutz und die Balance zwischen Beruf, Familie und Freizeit. Im Landtagswahlkampf hatte die SPD noch stark auf das Thema Energie und Klimawandel gesetzt. Nun, da selbst die CDU die erneuerbaren Energien entdeckt hat, stellt Ypsilanti das Thema Arbeit wieder in den Vordergrund. Es ist ein Ur-Thema der SPD, entsprechend stark ist der Zuspruch an diesem Tag. Beim Flughafenbetreiber Fraport macht sich selbst der Vizechef des Aufsichtsrats, Gerold Schaub, für den Mindestlohn stark, "weil sonst jeder Preis ausgehandelt werden kann" und das schlecht für die Qualität sei.

Fraport-Betriebsratschef Peter Wichtel wünscht dann noch der SPD-Chefin alles Gute für ihren weiteren Weg, "wie immer der auch aussieht". CDU-Mitglied Wichtel hätte sich ja nach der Wahl eine große Koalition für Hessen gewünscht, denn wenn morgen wieder Landtagswahlen wären, würde es doch kein anderes Ergebnis geben. "Doch", sagt SPD-Mitglied Schaub: "für die SPD". Die ist seit der Wahlnacht von 36,7 Prozent auf 27 Prozent abgestürzt, und auch wenn die SPD keine Neuwahlen will, steuert das Land doch geradewegs darauf zu.

Das weiß auch Ypsilanti, und deshalb erinnert die Sommertour irgendwie schon wieder an Wahlkampf. Der Betriebsrat des Postzentrums lädt sie als Ehrenrednerin zur nächsten Betriebsversammlung im Herbst ein, und unten in der Sortierhalle sagt Mebrat Gayem, sie würde wieder SPD wählen, weil die ihrer Heimat Eritrea helfe, "Frieden zu machen". Der Koch regiere ja immer noch, sagt sie, "der muss weg", und ruft dann fröhlich: "Frauenpower!" Ypsilanti ist da schon wieder weitergeeilt.