Der hessische Ministerpräsident bereist sein Land mit aufgeknöpftem Hemd und in weißer Ralph-Lauren-Sommerhose. Frisch aus Mallorca zurück, will er auch zu Hause den Eindruck des Familienvaters im Urlaub vermitteln. Betont zivil gibt sich der Politiker, der vor wenigen Monaten in einem kämpferischen Wahlkampf die Mehrheit verlor und danach als nur noch „geschäftsführender Ministerpräsident“ Grabenkämpfe mit einer ihm feindlich gesinnten Parlamentsmehrheit führen musste.
Aber zurzeit bläst er nicht zur Attacke – selbst als ihn in Frankfurt Stipendiaten der Start-Stiftung, die junge Migranten mit Potenzial fördert, dazu einladen. „Werden Sie wieder Studiengebühren einführen?“, fragen die jungen Hochbegabten: Sie kamen als türkische oder afghanische Kinder nach Hessen und sorgen sich heute – nach erfolgreichen Schulkarrieren – nicht um ihre Integration, sondern um die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Universitäten. Koch sorgt sich auch, seit die rot-rot-grüne Mehrheit im Hessischen Landtag die von ihm bereits eingeführten Gebühren gekippt hat. Die Professoren hätten gerade erst begonnen, sich als Dienstleister zu verstehen, klagt Koch, nun drohe „das alte Denken wiederzukehren“. Die Stipendiaten nicken. Aber er beruhigt auch: Der Finanzbedarf der Unis sei auch nach der Abschaffung der Gebühren gedeckt. Nun müsse man erst einmal abwarten.
Für die Wiedereinführung von Studiengebühren kämpfen will er jedenfalls aktuell nicht. „Einer Kollegin wurde ja gerade empfohlen, nicht mehrmals mit dem gleichen Kopf gegen die gleiche Wand zu rennen“, zitiert er ironisch Kurt Becks Rat an Andrea Ypsilanti. Der Bürger habe in der Frage der Studiengebühren entschieden, und er werde dies respektieren. „Im nächsten Wahlkampf werde ich das Thema sicher nicht nach oben stellen.“ Als er die enttäuschten Gesichter der zukünftigen Elite-Studenten sieht, schiebt er milde erklärend nach: „Die Frage, ob Industrieländer Studiengebühren erheben, ist historisch entschieden.“ Sie kämen auch in Hessen, früher oder später. „Aber man muss nicht jeden Kampf jeden Tag führen.“
Koch versucht eine Frontbegradigung
War das ein Rückzug?, fragen sich die jungen Leute anschließend bei Kaffee und Mohnkuchen. Ein Rückzug ist etwas anderes als eine Flucht. Koch versucht eher eine Frontbegradigung. Er räumt Positionen, bei denen er angreifbar war. Die „G8“, die auf acht Jahre reduzierte Schulzeit zum Abitur, hat viele Bürger verärgert, die ihre Kinder überfordert erlebten. Nun ist der Lehrstoff abgespeckt, Gesamtschulen können sogar – wenn Eltern, Schüler und Lehrer wollen – wieder in neun Jahren zum Abitur führen.
In der Frage der Ausländerkriminalität – der Karte, auf die der Wahlkämpfer Koch am Ende alles setzte – hört man vom Ministerpräsidenten nichts mehr. Das Kalkül ist: der Herausfordererin Andrea Ypsilanti – deren leidenschaftliche Aggressivität Koch heute nicht mehr unterschätzt – keine Angriffspunkte bieten. Sie soll sich selbst demontieren, indem sie mit ihrer rot-rot-grünen Mehrheit keine Regierung und keine Politik zustande bringt. Dieser Mehrheit hat Koch qua Haushaltssperre quasi die Konten gesperrt. Im Herbst wird man sich auf einen gemeinsamen Haushalt einigen müssen. Misslingt dies, wächst der Druck für Neuwahlen. Im März könnte es so weit sein. Aber kann Koch, der eigentlich Offensivspieler ist, bis dahin sein Temperament zügeln?
In diesen Tagen jedenfalls wirkt er aufgeräumt, ja gut gelaunt. Die Degradierung zum nur noch geschäftsführenden Ministerpräsidenten scheint ihn anzuspornen. Der Umgangsformen im mehrheitslosen Landtag sind rau, es wird allen Tricks gekämpft. Koch wirkt jedoch, als zöge er Motivation, gar Lust aus dem kleinteiligen Streit: Die schwierige Partie zu gewinnen ist endlich wieder eine Aufgabe, die ihn ganz fordert.
Darüber hinausgehende Ambitionen stellt er hintan. Die Grundüberzeugung, nicht alles könne der Staat regeln, bringt er auf der Sommerreise dadurch zum Ausdruck, dass er ausschließlich Privatinitiativen besucht: das Zwerg-Nase-Haus, eine eindrucksvolle Einrichtung für schwer behinderte Kinder, die sich aus Spenden finanziert. Den Freizeitpark Taunus-Wunderland, den Koch als Kind selbst besuchte. Die Start-Stiftung für Migranten mit Potenzial im schicken Frankfurter Westend. Die freiwillige Feuerwehr in der Fachwerkhäuser-Stadt Ortenberg. Vor den Stipendiaten im Westend doziert er: „Politik ist gut, um etwas für 10.000 oder 100.000 Leute zu regeln. Aber um etwas für wenige Menschen zu regeln, taugt Politik wenig, weil sie entweder das Problem nicht trifft oder die Menschen gängelt.“ Bei den behinderten Kindern seufzt er fast: „Es ist in unserem Land noch möglich, Dinge zu tun und nicht nur darüber zu reden.“ Stolz berichtet Koch darauf, dass Hessen das Bundesland mit „der höchsten Stiftungsdichte“ sei und immer noch die höchste Anzahl bei Neugründungen von Stiftungen habe.
Der Architekt des hessischen Stiftungsrechts war Helmut Müller, der ehemaligen Büroleiter Kochs. Heute amtiert er als Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Wiesbaden. Dass Müller selbst Vater eines behinderten Sohnes ist, erzählt Koch nicht. Persönliche Verhältnisse zur Begründung von Politik zu nutzen – wie es andere in der CDU so erfolgreich tun – ist Kochs Stil nicht.




