Matthias Steiner, ehemaliger Gewichtheber im Superschwergewicht, ist nicht nur Europameister, Weltmeister und Olympiasieger – er ist auch Typ-1-Diabetiker. Die Diagnose erhielt er einen Tag vor seinem 18. Geburtstag – als er bereits zu den vielversprechendsten Nachwuchshebern Österreichs gehörte.

Plötzlich musste er eine Insulinpumpe tragen und lernte, viel bewusster auf seinen Körper zu hören. Heute gilt Steiner als Symbol für Leistungsstärke trotz chronischer Erkrankung – doch der Weg dorthin war alles andere als geradlinig. Im FUNKE-Podcast „Candy Diaries“ mit den Hosts Laura Karasek und Stephan Seiler spricht er über seinen Werdegang und die größten Herausforderungen im Sport.

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Wie waren für Sie die ersten Wochen nach Ihrer Diagnose?

Matthias Steiner: In der ersten Woche fühlte sich alles wie ein luftleerer Raum an. Es war einfach leer – ohne Richtung, ohne Ziel, ohne etwas, woran ich mich hätte festhalten können. Ich konnte nicht sagen: Jetzt lege ich los und greife wieder an. Im Gegenteil, es war klar, dass ich im Moment gar nichts tun konnte.

Als ich schließlich merkte, dass sich meine Werte stabilisierten und es mir langsam etwas besser ging, wollte ich wieder mit Sport beginnen. Doch das war zunächst nicht erlaubt. Gewichtheben wurde mir ausdrücklich untersagt – die schweren Drückbewegungen seien zu belastend für das Herz-Kreislauf-System. Auch mein Vorschlag, zumindest ein wenig Fahrrad zu fahren, wurde abgelehnt. Es sei erst eine Woche vergangen, das Risiko noch zu hoch.

Also bestand ich darauf, wenigstens auf den Hometrainer zu dürfen – auf eigene Verantwortung. Nach dieser Woche auf dem Hometrainer, in der ich eine Stunde am Stück gefahren bin und alles gegeben habe, war mir plötzlich klar: Aufgeben ist keine Option. Zuvor hatte ich nie wirklich daran geglaubt, dass ich es schaffen kann. Doch in diesem Moment wusste ich, dass ich weitermachen würde – ganz gleich, wie schwer es wird.

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#12 Der stärkste Mann und sein Löffelbiskuit – Matthias Steiner
Candy Diaries – Der Diabetes-Podcast
 

Matthias Steiner: „Diabetes hat mich motiviert“

Was war im Wettkampf die größte Herausforderung?

Das Schwierige am Gewichtheben ist, dass man die Belastung von außen oft nicht erkennt. Es handelt sich nahezu um eine reine Zuckerverbrennungs-Sportart. Die Herzfrequenz ist extrem hoch und nicht mit klassischem Ausdauersport vergleichbar, bei dem man über längere Zeit in einem gleichmäßigen Pulsbereich trainiert.

Im Gewichtheben bewegt sich der Puls während des Trainings permanent zwischen 130 und 180 Schlägen pro Minute – und das über bis zu zwei Stunden. Man geht an die Hantel, der Puls steigt sofort auf etwa 180. Dann setzt man sich kurz hin, er fällt vielleicht auf 120 – und kurz darauf beginnt alles von vorn. Der Körper arbeitet durchgehend im hochintensiven Bereich. Diese Belastung richtig einzuschätzen, ist entscheidend: Der Puls sollte nicht über 200 steigen, da dies die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen kann. Fällt er hingegen zu stark ab, fehlt die notwendige Spannung für die nächste Hebung.

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Klingt wie eine Wissenschaft für sich ...

All das hat mir gezeigt, wie anspruchsvoll dieser Sport ist – körperlich wie mental. Gerade diese Herausforderung hat mich jedoch motiviert, weiterzumachen. Vor Wettkämpfen habe ich meinen Blutzucker bis zu 20-mal kontrolliert, um den richtigen Zeitpunkt zu treffen – besonders bei Olympia. Adrenalin beeinflusst den Blutzucker stark. Zu viel Insulin unmittelbar vor dem Wettkampf wäre problematisch gewesen, da es den Muskelstoffwechsel beeinträchtigen kann. Das musste ich erst lernen. Im Wettkampf selbst waren Werte um 200 mg/dl kurzfristig tolerierbar. Kritischer war eine länger anhaltende Überzuckerung im Vorfeld.

Diese Alltagstipps gibt Steiner anderen Betroffenen

Was ist heute Ihr Grundprinzip im Umgang mit Typ-1-Diabetes?

Mir hilft es, bewusst kleine Puffer einzuplanen. Ich setze Termine innerlich fünf Minuten früher an, weil ich weiß: Der Diabetes braucht manchmal zusätzliche Zeit. Das reduziert Stress erheblich. Entscheidend ist die innere Haltung. Man kann es als lästige Pflicht betrachten – oder als Investition in die eigene Gesundheit. Wenn ich ohnehin viel für Langlebigkeit, Krafttraining oder Ausdauer tue, dann gehört das Diabetes-Management selbstverständlich dazu. Nicht als Zwang, sondern als Teil meiner Selbstfürsorge.

Ein Professor riet mir früh, dem Diabetes täglich etwa 15 Minuten Aufmerksamkeit zu schenken – nicht zwingend mit Tabellen, sondern mit einem kurzen Rückblick: Was lief gut? Wo kann ich etwas verbessern? Das genügt oft schon. Und ganz pragmatisch: Vorbereitung schafft Gelassenheit. Ich habe Reservekatheter im Auto, Ersatzmaterial in Sporttaschen und Traubenzucker in Jacken. Nicht perfekt organisiert, aber so, dass ich im Notfall abgesichert bin. Diese Routinen geben mir Freiheit und Ruhe im Alltag.

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Was motiviert Sie heute im Umgang mit Diabetes?

Ich sehe es als persönliche Herausforderung – in einem gesunden Rahmen. Zum Beispiel: Wie stabil bleiben meine Werte in dieser Woche? Wie komme ich mit meinem Insulinbedarf aus? Allerdings ohne Dogma. Wir benötigen Insulin – es geht nicht darum, möglichst wenig zu verwenden, sondern verantwortungsvoll damit umzugehen.

Welchen Rat würden Sie neu diagnostizierten Menschen mit Typ-1-Diabetes geben?

Akzeptiere die Krankheit von Anfang an. Akzeptanz ist der wichtigste Schritt, bevor man sich um alles andere kümmern kann. Wer sich nicht akzeptiert, wird dauerhaft Probleme haben. Danach lässt sich Schritt für Schritt lernen, wie man Ziele setzt und umsetzt.

Typ-1-Diabetes mal anders: Alltag, Abenteuer, Genuss

Der Podcast „Candy Diaries“ richtet sich an Menschen mit Typ-1-Diabetes sowie an Angehörige und Interessierte. Die Gespräche zeigen, wie sich die Erkrankung so in den Alltag integrieren lässt, dass Lebensqualität und persönliche Ziele im Vordergrund stehen.

Die Hosts Stephan Seiler und Laura Karasek geben Einblicke in ihren Alltag – von Sport über Reisen bis zu persönlichen Erfahrungen seit ihrer Diagnose. Den Podcast können Sie auf Spotify, Apple Podcast und Amazon Music hören – sowie auf allen FUNKE-Portalen.