Gerade als die Menschen versuchen, mit den Folgen der Zerstörung zu leben, hat eine weitere Sturzflut im Himalaya-Gebiet in Nepal Häuser und Brücken mitgerissen. Nach Angaben der Behörden hatte ein Erdrutsch in der ländlichen Gemeinde Chumnubri im Bezirk Gorkha den Fluss Budhi Gandaki aufgestaut. Als die Barriere brach, ergossen sich die Wassermassen flussabwärts.

Vermisste Menschen nach erneuter Sturzflut in Nepal

45 Häuser wurden dabei zerstört, mindestens fünf Menschen werden nach aktuellen Angaben vermisst. Zahlreiche Menschen konnten laut den Behörden im Bezirk Gorkha in Sicherheit gebracht werden. Rettungskräfte suchen weiter nach Überlebenden.

Wie groß der Unterstützungsbedarf in dem betroffenen Gebiet ist, wird derzeit noch geprüft. Plan International steht nach eigenen Angaben im Austausch mit der nepalesischen Katastrophenschutz- und Notfallbehörde, um zu klären, ob weitere Hilfe benötigt wird. Die Ausmaße im betroffenen Gebiet kämen bislang nicht an die Katastrophe von vor sechs Wochen. Dennoch: „Den höchsten Preis zahlen diejenigen, die kaum gesehen werden: Kinder – insbesondere Mädchen.“

Bei der Flut vom 26. August kamen mindestens 1455 Menschen ums Leben. 5285 weitere gelten seit Anfang Oktober als vermisst. Die Behörden haben die systematische Suche inzwischen beendet. Nun geht es vor allem um den Wiederaufbau und die Versorgung der Betroffenen.

Kinder in Nepal stehen nach der Katastrophe vor den Trümmern ihres Lebens

Als der Hubschrauber nach der Flut im August landet, rennen die Menschen los. Sie hoffen auf Angehörige, warten auf Nachrichten oder einen Leichnam. Manche wissen noch nicht einmal, ob ihre Eltern leben. Für die Kinder im Nuwakot-Distrikt ist jeder Hubschrauber Versprechen und Bedrohung zugleich. Er könnte jemanden zurückbringen oder die Gewissheit geben, dass jemand gar nicht erst zurückkommt.

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Unni Krishnan hat diese Szene während seines zehntägigen Einsatzes in Nepal immer wieder erlebt. Er war schon nach dem Erdbeben 2015 im Land. Doch die Folgen der Sturzflut im August, sagt der internationale humanitäre Direktor von Plan International, hätten ihn erschüttert: „Was einen trifft, ist oft, dass einfach nichts mehr da ist.“

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Wo entlang des Trishuli-Flusses Häuser standen, liegt nur noch Schlamm. Bäume sind umgestürzt, von manchen Häusern bleiben einzelne Gegenstände übrig. Mittendrin stehen Kinder. Einige konnten gerettet werden, ohne zu wissen, wo ihre Eltern sind. Andere hatten gesehen, wie das Wasser kam und Menschen mitriss. Ein Schulbus wurde von den Wassermassen verschluckt.

Temporary shelters provide aid to Nepal flood victims
Gerettete Kinder in Nepal sind nicht automatisch sicher. Nach der Flut erfolgt der Wiederaufbau als „langer Marathon“.© Anadolu via AFP | Abdul Goni

Über 30 Schulen wurden nach Angaben von Krishnan zerstört, teilweise während des Unterrichts. In einem Fall erreichte eine Warnung rechtzeitig eine Schule. Der Lehrer brachte die Kinder auf höheres Gelände und rettete damit, laut Krishnan, mehr als 1000 Kinder. Doch Rettung ist nicht dasselbe wie Sicherheit.

Kinder erleben Angst und Sprachlosigkeit nach der Katastrophe in Nepal

In einem staatlichen Aufnahmezentrum für Kinder in Bidhur, die von ihren Eltern getrennt und nicht begleitet waren, traf Krishnan auf 56 Kinder. Viele waren Mädchen. Was ihm auffiel: Die meisten Kinder schwiegen. „Katastrophen und Konflikte nehmen Kindern ihre Stimme“, sagt Krishnan. Manche hätten Dinge gesehen, die kein Kind sehen sollte. Andere fürchteten, dass das Wasser zurückkommt. Selbst der Fluss, der für viele zum Alltag gehörte, war für sie zu etwas Bedrohlichem geworden.

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Sturzflut in Nepal: Gletscherabbruch, Klimawandel und Frühwarnsysteme
Im Krisenmodus
 

In dem Aufnahmezentrum begegnete Krishnan auch einem Mädchen, etwa neun Jahre alt. Neben ihr war ihr jüngerer Bruder. Ihre Eltern waren nicht bei ihnen. Von den Helfern erfuhr Krishnan, dass unklar war, ob sie vermisst wurden oder von ihren Kindern getrennt waren.

Mädchen in Nepal übernehmen Verantwortungsrollen

Das Mädchen beantwortete kaum Fragen. Stattdessen kümmerte es sich um seinen kleinen Bruder. Auch die Neunjährige war Hunderte Kilometer von dem Ort entfernt, an dem die Flut sie getroffen hatte. Sie wollte wissen, ob wieder eine dieser „Monsterfluten“ kommen würde. Immer wieder fragte sie: „Kommt sie?“

Katastrophen und Konflikte nehmen Kindern ihre Stimme.

Dr Unni Krishnan, Plan International's Global Humanitarian Director
Dr. Unni Krishnan, Globaler Direktor für humanitäre Hilfe bei Plan International

Für Krishnan sei das schwer gewesen. „Was soll man einem Kind darauf antworten?“ Man könne einem Kind die Eltern nicht zurückgeben oder das Erlebte ungeschehen machen. Aber man könne dafür sorgen, dass es nicht auch noch das Gefühl verliere, völlig allein zu sein.

Flash flood causes widespread destruction in northern Nepal
Kinder in Nepal brauchen Räume, in denen sie wieder „Kind sein können“, sagt Rüdiger Schöch von Plan International Deutschland.© EPA | Narendra Shrestha

Was bedeutet Sicherheit, wenn Kinder in Nepal alles verloren haben?

Rüdiger Schöch, Bereichsleiter für Internationale Zusammenarbeit bei Plan International Deutschland, nennt neben dem körperlichen Schutz vor allem eines: Stabilität. Kinder müssten nach einer Katastrophe wieder „Kind sein können“ und eine Perspektive für die Zukunft entwickeln.

Konkret bedeutet das kinderfreundliche Räume, in denen Kinder malen, spielen, Sport treiben und lernen können. Die Angebote sollen ihnen helfen, das Erlebte zu verarbeiten und ein Stück Normalität zurückzugewinnen.

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Eine Schule werde deshalb nach einer Katastrophe auch ein Schutzraum, sagt Schöch. Lehrkräfte können erkennen, wenn es einem Kind nicht gut gehe und Hilfe vermitteln.

Gefahr für Kinder in Nepal: Schutz vor Ausbeutung wird schwer

Auch wenn Schulen zerstört sind und Familien ums wirtschaftliche Überleben kämpfen, kehren Mädchen oft nicht zurück, sobald der Unterricht wieder möglich wäre, sagt Schöch. Stattdessen kümmern sie sich um Geschwister, holen Wasser oder müssen zum Einkommen der Familie beitragen.

„Kinderarbeit und auch Kinderehen“ könnten dann als vermeintliche Lösung für wirtschaftliche Not erscheinen. Schöch beschreibt beides als bekannte Risiken in Krisensituationen. Denn wenn Familien auseinandergerissen und gewohnte Strukturen zerstört werden, können Kinder leichter aus dem Blick geraten.

Kinder müssten nach einer Katastrophe wieder Kind sein können.

Rüdiger Schöch von Plan International Deutschland
Rüdiger Schöch, Bereichsleiter für Internationale Zusammenarbeit bei Plan International Deutschland

Hilfe in Nepal verläuft in Stufen: Retten, versorgen, begleiten und schützen

Oft sind es Nachbarn, Angehörige, Lehrer und lokale Gemeinschaften, die sich zunächst kümmern, erklärt Schöch. Humanitäre Organisationen sollen diese Strukturen unterstützen und zugleich sicherstellen, dass ihre eigenen Mitarbeitenden Schutzregeln einhalten. Denn sie haben Macht über Menschen, die von ihrer Hilfe abhängig sind, sagt Schöch. Deshalb werden Mitarbeiter vorher geschult, damit auch Schutzregeln existieren.

Für ihn besteht die Hilfe deshalb aus mehreren Schritten: Menschen retten, körperlich versorgen und anschließend psychisch unterstützen, schützen und emotional begleiten. Die akute Nothilfe ist für ihn dabei erst der Anfang.

Auch humanitäre Organisationen hätten Macht über Menschen. Damit die Hilfe nicht in langfristige Abhängigkeit gerät, braucht es Schutzregeln.
Auch humanitäre Organisationen hätten Macht über Menschen. Damit die Hilfe nicht in langfristige Abhängigkeit gerät, braucht es Schutzregeln.© AFP | PRAKASH MATHEMA

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Auch Krishnan beschreibt den Wiederaufbau als „sehr langen Marathon“, nicht als 100-Meter-Lauf. Er sah Menschen, die in ihre zerstörten Heimatorte zurückkehrten und Küchenutensilien mitbrachten, weil es keine Geschäfte mehr gab. Diese Orte waren voller Erinnerungen, obwohl fast nichts mehr übrig war. Die frühe Phase der Erholung könne sechs bis zwölf Monate dauern, sagt Krishnan. Für ein Kind sei das eine lange Zeit. Mit Blick auf die Situation knapp zwei Monate später sagt er: „Die Hilfe kommt an, unter anderem auch Unterrichtsmaterial, was wichtig ist, damit die Kinder weiter lernen können. Aber es ist immer noch zu wenig.“

In Bidhur wartet derweil immer noch ein neunjähriges Mädchen mit seinem kleinen Bruder darauf, zu erfahren, was aus ihren Eltern geworden ist.