Bei Renovierungsarbeiten am Sportplatz Ostbahn-XI in der Hasenleitengasse in Wien sind Bauarbeiter auf ein bislang unbekanntes römisches Massengrab gestoßen. Archäologische Untersuchungen und eine Radiokarbondatierung ordnen die Bestattung dem späten ersten, beziehungsweise frühen zweiten Jahrhundert n. Chr. zu. Die etwa 150 menschlichen Überreste weisen eine ungewöhnlich hohe Zahl an Verletzungen auf, deren Entstehung die Forscher bislang nicht eindeutig erklären können.
Wien: Ungewöhnliches Massengrab der Römer
Das entdeckte Massengrab ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich: Mit einer Größe von etwa fünf mal 4,5 Metern ist die Grabstätte vergleichsweise klein. Die 129 vollständig oder nahezu vollständig erhaltenen Skelette sowie weitere menschliche Überreste wurden in bis zu vier Schichten ohne einheitliche Ausrichtung niedergelegt. Teilweise sind die Gliedmaßen der Verstorbenen miteinander verflochten. Zwischen den einzelnen Bestattungsschichten finden sich zudem keine erkennbaren Sedimentlagen. Diese Befunde sprechen dafür, dass die Bestattung der rund 150 Menschen im Zusammenhang mit einem einzelnen Ereignis erfolgte.
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Eine bioarchäologische Untersuchung ergab, dass 92 der 129 nahezu vollständig erhaltenen Individuen männlich waren. Sie waren zum Zeitpunkt ihres Todes überwiegend zwischen 20 und 35 Jahre alt. Das demografische Profil, der außergewöhnliche Bestattungskontext und die gemeinsam mit den Verstorbenen entdeckten Gegenstände weisen nach Einschätzung der Wissenschaftler deutlich auf eine militärische Gruppe hin. Über die Untersuchung berichtet „Arkeonews“.

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Auch die im und um das Massengrab geborgenen Artefakte stützen diese Interpretation. Zwei eiserne Lanzenspitzen, Fragmente einer römischen Schuppenrüstung, ein Wangenstück eines römischen Helms, Nägel von Militärsandalen und ein stark korrodierter Dolch weisen auf einen Zusammenhang mit römischen Soldaten hin. Die Funde könnten damit mit den militärischen Einheiten in Verbindung stehen, die im Umfeld des römischen Legionslagers Vindobona stationiert waren.
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Soldaten mit rätselhaften Verwundungen in einem Bereich
Bei der Untersuchung der Skelette dokumentierten die Forscher eine auffällige Häufung von Verletzungen. Neben perimortalen Traumata, die durch scharfe Waffen, stumpfe Gewalteinwirkung und Wurfgeschosse verursacht worden sein dürften, befanden sich rund 40 Prozent der festgestellten Verletzungen im Bereich des Beckens. Bei einem großen Teil handelte es sich um Projektilverletzungen, die mit dem Einsatz von Waffen wie Lanzen und römischen Pila in Verbindung gebracht werden können.
Eine detaillierte Analyse, die Sheridan Strang und Michaela Binder im August 2026 auf der 25. Europäischen Tagung der Paleopathology Association in Berlin vorstellten, zeigte sich zudem, dass 48 der untersuchten Individuen entsprechende Verletzungen aufwiesen. Bei 85 Prozent dieser Fälle waren die Verletzungen so schwer, dass sie vermutlich unmittelbar oder sehr schnell zum Tod führten. Die ungewöhnlich hohe Konzentration der Verletzungen im Beckenbereich gibt den Wissenschaftlern jedoch weiterhin Rätsel auf.

Eine mögliche Erklärung ist, dass dieser Körperbereich im Kampf vergleichsweise wenig geschützt war. Die Forscher diskutieren zudem die Möglichkeit, dass einige Angriffe gezielt auf ungeschützte Stellen zwischen der Ausrüstung gerichtet waren. Die genaue Körperhaltung der Männer zum Zeitpunkt der Verletzungen lässt sich anhand der erhaltenen Skelette allerdings nicht mehr rekonstruieren. Mit größerer Sicherheit lässt sich hingegen feststellen, dass die Vielfalt und Verteilung der Verletzungen deutlich eher für Kampfhandlungen sprechen als für eine gezielte und kontrollierte Hinrichtung.
Die unbekannte Schlacht bei Wien
Offen bleibt, in welchem Zusammenhang die römischen Soldaten ums Leben kamen. Unter Kaiser Domitian führten römische Truppen wiederholt militärische Auseinandersetzungen mit den Sarmaten sowie den germanischen Markomannen und Quaden. Historische Quellen berichten von heftigen Kämpfen in der Region und von Feldzügen während der 80er und 90er Jahre n. Chr. Eine Schlacht, die eindeutig mit dem Fundort in Verbindung gebracht werden könnte, ist jedoch nicht überliefert.
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Die Wiener Archäologen vermuten daher, dass die Männer möglicherweise bei Kampfhandlungen an der umkämpften nördlichen Grenze des Römischen Reiches ums Leben kamen. Für diese Annahme sprechen insbesondere die außergewöhnlichen Bestattungsumstände. Die hastige Beisetzung einer derart großen Zahl an Leichen stellt einen ungewöhnlichen Befund dar. Die chaotische Anordnung der Körper könnte darauf hindeuten, dass den Verantwortlichen weder ausreichend Zeit noch die notwendigen Ressourcen für reguläre Bestattungsrituale zur Verfügung standen. Möglicherweise reagierte Rom auf die militärischen Auseinandersetzungen anschließend mit einer Verstärkung seiner Truppenpräsenz in der Region.
Weitere Hinweise könnten künftig durch DNA-Untersuchungen und weitere Analysen gewonnen werden. Sie könnten Aufschluss darüber geben, wo die Männer aufgewachsen waren und ob die Verstorbenen tatsächlich derselben militärischen Einheit angehörten. Darüber hinaus sind weitere archäologische Untersuchungen im Umfeld des Fundortes geplant, die zur Rekonstruktion der Ereignisse beitragen könnten.









