Was könnte für insgesamt 167 Knochenbrüche verantwortlich gewesen sein? In der modernen Forensik würde ein derartiges Verletzungsmuster zunächst an einen schweren Verkehrsunfall mit hoher Geschwindigkeit denken lassen. Das untersuchte Opfer lebte jedoch bereits im frühen 14. Jahrhundert. Forscher haben die Art, Verteilung und Ausprägung der Verletzungen detailliert analysiert und kommen zu dem Schluss, dass der junge Mann wahrscheinlich durch eine gefährliche Mittelalter-Waffe ums Leben kam.

Mittelalter-Skelett mit 167 Frakturen: Erstes Opfer einer zerstörerischen Waffe?

Das sogenannte „Skelett 150“, das bereits 1997 unter einer Kapelle von Stirling Castle in Schottland ausgegraben wurde, erweist sich bei der Analyse seiner menschlichen Überreste als außergewöhnliches Zeugnis mittelalterlicher Gewalt. Jo Buckberry, biologische Anthropologin an der Universität Bradford, und Patrick Randolph Quinney von der Universität Uppsala untersuchten das Skelett mithilfe von Röntgenaufnahmen, mikroskopischen Verfahren und Mikro-CT-Scans. Die Ergebnisse, über die „ZME Science“ berichtet, präsentierten die Forscher auf der 25. Europäischen Tagung der Paleopathology Association in Berlin.

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Der Mann war zum Zeitpunkt seines Todes vermutlich zwischen 22 und 34 Jahre alt. Die Untersuchungen deuten darauf hin, dass ihn eine enorme Gewalteinwirkung völlig unvorbereitet traf und unmittelbar tödlich verletzt haben könnte. Allein am Schädel konnten die Wissenschaftler 61 Frakturen feststellen. Auch die Rippen wiesen charakteristische Bruchmuster mit gezackten Linien auf. Weitere Verletzungen fanden sich an der rechten Schulter, der Wirbelsäule und den Gliedmaßen. Die ungewöhnliche Verteilung der Frakturen spricht nach Einschätzung der Forscher für einen einzelnen, außergewöhnlich heftigen Aufprall.

Mittelalter-Wurfmaschine: Trebuchet könnte für zertrümmertes Skelett verantwortlich sein

Die Rekonstruktion der Verletzungen liefert zudem Hinweise auf die Körperhaltung des Mannes zum Zeitpunkt des Ereignisses. Offenbar stand er aufrecht und belastete seine Beine, als die enorme Kraft zunächst auf seine rechte Schulter und auf den Hinterkopf einwirkte. Szenarien wie ein Sturz von einem Pferd oder eine Kollision mit einem Karren sowie ein Fall von den Burgmauern lassen sich aufgrund des spezifischen Verletzungsmusters weitgehend ausschließen.

Stattdessen vermuten die Wissenschaftler, dass eine mittelalterliche Wurfmaschine für den Tod verantwortlich gewesen sein könnte. Konkret kommt ein Trebuchet, auch Blide oder Tribok genannt, als mögliche Ursache infrage. Solche Wurfmaschinen wurden insbesondere bei Belagerungen eingesetzt, wie es im Jahr 1304 bei Stirling Castle der Fall war.

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War Wolf: Legendärer Katapult rückt als „Täter“ in den Fokus

Im Jahr 1304 setzten die Truppen Eduards I. während der Belagerung von Stirling Castle mehrere schwere Wurfmaschinen ein. Ziel der englischen Armee war es, den Widerstand der schottischen Verteidiger im Ersten Schottischen Unabhängigkeitskrieg endgültig zu brechen. Nach Angaben von Historic Environment Scotland ließ Eduard 13 Katapulte und Trebuchets aufstellen, die die Festung über einen Zeitraum von rund drei Monaten sowohl tagsüber als auch nachts beschossen. Für den Bau und Betrieb der Belagerungsmaschinen wurden umfangreiche Materialien benötigt. Unter anderem mussten schottische Kirchen Blei von ihren Dächern zur Verfügung stellen.

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Besondere Bekanntheit erlangte der sogenannte „War Wolf“, der als einer der größten und leistungsfähigsten Trebuchets der Geschichte gilt. Die Wurfmaschine konnte Geschosse mit einem Gewicht von bis zu etwa 140 Kilogramm gegen die Festung schleudern und soll schließlich zur Zerstörung eines Abschnitts der Ringmauer beigetragen haben. Ob der „War Wolf“ tatsächlich für die tödliche Verletzung des Mannes verantwortlich war, lässt sich jedoch nicht feststellen. „Es ist schwer zu sagen, ob der War Wolf die Waffe war, die den Tod dieser Person verursacht hat“, erklärte Buckberry. Da die gewaltige Wurfmaschine erst gegen Ende der Belagerung eingesetzt wurde, halten die Forscher es für wahrscheinlicher, dass eine der zuvor verwendeten Maschinen für die Verletzungen verantwortlich war.

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Der mögliche Zusammenhang zwischen dem Skelett und den Belagerungsmaschinen wäre aus archäologischer Sicht von besonderer Bedeutung. „Zwar ist der Einsatz von Belagerungsmaschinen gut dokumentiert, doch glauben wir, dass dies der erste Nachweis eines Trebuchet-Traumas in den archäologischen Funden ist“, schreiben Buckberry und Randolph Quinney in ihrer Konferenzzusammenfassung. Sollte sich diese Interpretation bestätigen, würde das Skelett einen außergewöhnlich seltenen Einblick in die unmittelbaren Auswirkungen mittelalterlicher Belagerungstechnik auf den menschlichen Körper ermöglichen.