Erst am vergangenen Montag meldet die Alpinpolizei in Tirol ein weiteres tragisches Unglück: Eine Lawine in den Tiroler Bergen reißt einen Wintersportler aus Deutschland Hunderte Meter mit sich und begräbt ihn unter Tonnen von Schnee. Für den 59-Jährigen kommt jede Hilfe zu spät. Einsatzkräfte können ihn nur noch tot bergen.
Dieses Unglück ist kein Einzelfall, sondern Teil einer erschütternden Serie von Lawinenunglücken in den Alpen in diesem Winter.

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Laut dem Europäischen Lawinenwarnsystem (EAWS) haben in dieser Saison bereits 125 Menschen ihr Leben durch Lawinen verloren – das sind 24 Opfer mehr als im langjährigen Durchschnitt. Insgesamt registrierten die Behörden rund 90 tödliche Lawinenabgänge. Besonders betroffen sind die Alpenländer: In Italien starben bislang 32 Wintersportler, in Frankreich 30 und in Österreich 29. Damit erlebt Europa einen der tödlichsten Lawinenwinter seit rund einem Jahrzehnt.

Besonders dramatisch war der Zeitraum vom 15. bis zum 24. Februar. Innerhalb von nur zehn Tagen verloren allein in Österreich 14 Wintersportler ihr Leben, wie das Österreichische Kuratorium für Alpine Sicherheit (ÖKAS) mitteilt. Doch warum sterben in diesem Winter so viele Menschen unter der weißen Masse? Sind Wintersportler leichtsinniger geworden oder die Lage in den Bergen gefährlicher?

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Lawinengefahr: Tückische Schneesituation in vielen Alpenregionen

Nach Einschätzung von Lawinenexperten liegt die Ursache weniger im Verhalten der Menschen als in einer besonders tückischen Schneesituation in den Alpen. „In diesem Winter gab es im gesamten Alpenraum über einen langen Zeitraum hinweg einen instabilen Schneedeckenaufbau“, erklärt Thomas Feistl, Leiter der Bayerischen Lawinenwarnzentrale. „Das bedeutet, dass es für Wintersportler sehr leicht möglich war, Lawinen auszulösen.“

Um zu verstehen, wie es dazu kommt, muss man sich den Verlauf des Winters anschauen. Der Winter begann nämlich mit einer ungewöhnlich trockenen, kalten und schneearmen Phase, die bis Mitte Januar anhielt. In dieser Phase bildeten sich in der dünnen Schneedecke große, kantige Schneekristalle, „die nur wenige Bindungen zueinander haben“. Die Schneedecke war also instabil. Doch richtig gefährlich wird diese Schneedecke dann, wenn größere Mengen Neuschnee darauf fallen.

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Als im Januar in der gesamten Alpenregion viel Neuschnee fiel, wurde die instabile Schneedecke dadurch überdeckt. Wie der Experte erklärt, bildete sich somit in vielen Regionen eine sogenannte Schwachschicht tief im Schnee. Solche schwachen Altschneeschichten können über Wochen oder sogar Monate bestehen bleiben – unsichtbar für das Auge, aber hochgefährlich. „Wenn sich darüber neue Schneemassen ansammeln, kann das wie auf Kugellagern ins Rutschen geraten.“ Gerade wenn zusätzliche Schneemassen oder einzelne Wintersportler die Schneedecke belasten, kann sie plötzlich brechen. Innerhalb von Sekunden löst sich dann ein Schneebrett, das ganze Hänge hinabstürzt.

Gefahr für Wintersportler: Vorhersage für Lawinen ist nur bedingt möglich

Dass der Schneedeckenaufbau in vielen Alpenregionen problematisch war, sei den Lawinenwarndiensten zwar früh aufgefallen. Doch dass im Januar größere Schneemengen fallen und die Situation dadurch so heikel werden würde, sei im Voraus kaum vorhersehbar gewesen. „Der Lawinenlagebericht wird von allen Lawinenwarndiensten in Europa täglich herausgegeben und prognostiziert die Lawinengefahr für die nächsten 24 Stunden. Eine längere Vorhersage ist nur schwer möglich“, sagt der Lawinenforscher.

Power of nature. Avalanche in the Caucasus
Der Winter 2025/26 hat in den europäischen Alpen eine ungewöhnlich hohe Zahl an Lawinenopfern gefordert.© iStock | Lysogor

Die Lawinengefahr sei dabei keineswegs überall gleich. Selbst innerhalb der Alpen kann sie sich von Region zu Region deutlich unterscheiden. „Entscheidend sind vor allem die jeweiligen meteorologischen Verhältnisse vor Ort“, erklärt Thomas Feistl. Temperatur, Wind, Schneemenge und Sonneneinstrahlung beeinflussen, wie stabil oder instabil sich eine Schneedecke entwickelt. Während in einer Region vergleichsweise sichere Bedingungen herrschen, können nur wenige Kilometer entfernt bereits hochgefährliche Hänge entstehen.

Klimawandel verändert Lawinengefahr und stellt Forscher vor Herausforderungen

Auch der Klimawandel verändert die Bedingungen in den Bergen – allerdings nicht überall gleich stark. Experten beobachten seit Jahren einen klaren Trend zu weniger Schnee in den Tallagen der Alpen. Gleichzeitig tritt die sogenannte Nassschneeproblematik immer häufiger auch mitten im Hochwinter auf, wenn mildere Temperaturen den Schnee schwer und instabil machen. „Auf die Lawinengefahr in höheren Lagen hat der Klimawandel nur bedingt Einfluss, da Lawinengefahr von mehreren Faktoren beeinflusst wird“, sagt der Lawinenforscher.

Kritische Situationen wird es deshalb auch in Zukunft immer wieder geben. Zwar arbeiten Forscher kontinuierlich daran, Lawinen besser zu verstehen und Gefahren präziser vorherzusagen. Doch sowohl bei der Modellierung der Schneedecke als auch bei technischen Schutzmaßnahmen würden Experten immer wieder an Grenzen stoßen. „Als alpine Naturgefahr werden Lawinen nie vollständig in den Griff zu bekommen sein, ein Restrisiko besteht immer“, warnt der Experte. Sowohl die Bergwacht als auch Lawinenexperten betonen, dass der beste Schutz vor Lawinen die Vermeidung durch sorgfältige Planung ist. Beim Bewegen im freien Gelände, vor allem abseits gesicherter Pisten, sei immer höchste Vorsicht geboten.