Mehr als eine Million Menschen in Japan isoliert sich gesellschaftlich komplett, nimmt höchstens digital am sozialen Leben teil. Was auch anderswo auf der Welt zu beobachten ist, ist im ostasiatischen Land schon länger als massives Problem erkannt. Doch in der alternden Bevölkerung werden die Hikikomori, wie sie genannt werden, nun zur besonderen Herausforderung.

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Als Japans führende Nachrichtenagentur Kyodo im Dezember mal wieder von den Hikikomori berichtete, war die im Land längst übliche Story zu erwarten: Ein erwachsener Mann verhielt sich scheinbar so infantil, dass er sich von seiner Mutter das Essen ans Bett bringen ließ – sein Zimmer verließ er ja nie. So weit, so bekannt. Aber jene Story, die in vielen Zeitungen zu lesen war, blickte voraus. Titel: „Für die Hikikomori werden nun Finanzkonzepte entwickelt – für den Moment, wenn ihre Eltern sterben.“
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Japans Hikikomori: Wer kümmert sich um sie, wenn die Eltern sterben?
Worum geht’s? Ein Phänomen, das sich von Japan aus in den letzten Jahren auch in anderen Ländern ausgebreitet hat, geht in die nächste Runde: Die zahlreichen Hikikomori, also Menschen, die ihren Eltern auf der Tasche hocken, verlieren nämlich allmählich diese Eltern. In Japans alternder Bevölkerung sind viele derer, die vermutlich kaum für sich selbst sorgen könnten, längst um die 50 Jahre alt – haben also Eltern, die oft um die 80 sind. Was wird passieren, wenn sie sterben?

Es ist ein Problem nationaler Tragweite. Doch der Reihe nach: Als Hikikomori – übersetzt: „Person, die sich einschließt“ – bezeichnet man in Japan Menschen, die mit dem sozialen Leben praktisch abgeschlossen haben. Oft handelt es sich eben um Erwachsene, die noch im Elternhaus leben und über manchmal Monate oder Jahre ihr Zimmer kaum verlassen. Offiziellen Schätzungen zufolge beläuft sich ihre Zahl auf ungefähr 1,46 Millionen Menschen – deutlich mehr als ein Prozent der Bevölkerung.
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Japans Erwachsene suchen Zuflucht im Kinderzimmer
Allseits bekannt ist der Begriff Hikikomori in Japan schon seit rund drei Jahrzehnten. Dass er in jener Zeit aufkam, ist kein Zufall. In den 1990er Jahren schlugen im Land die Folgen einer 1990 geplatzten ökonomischen Blase voll durch: Der Arbeitsmarkt, auf den der Nachwuchs bei den in Japan etablierten starren Ausbildungsmustern eigentlich direkt nach dem Uniabschluss mit 22 Jahren stoßen sollte, kollabierte. Arbeitslosigkeit kam auf. Die Volkswirtschaft stotterte, schlitterte dann in eine Krise.
So schoss nach Jahrzehnten eines fast ständigen Aufstiegs plötzlich die Zahl der ökonomischen Verlierer hoch. Und wer nicht gleich in einem Job landete, zog sich nicht selten aus Scham zurück. Heute führen auch Mobbingerfahrungen ins Hikikomori-Dasein. Zumal in jüngster Zeit so eine dauerhafte Zuflucht ins Kinderzimmer dadurch begünstigt wird, dass in der digitalen Welt vieles ähnlich gut möglich ist wie offline: Für Unterhaltung, Kommunikation und Sexualität muss man heute nicht mehr vor die Tür.
„Globales Phänomen“: Einsamkeit nimmt weltweit zu
Das Phänomen der sozialen Abschottung ist in Japan wohl nicht nur deshalb weiter verbreitet als anderswo, weil soziale Strukturen und Normen oft besonders starr sind – so dass Außenseiter umso mehr auffallen. Auch die demografische Entwicklung spielt eine Rolle: Die Geburtenrate liegt statistisch bei 1,15 Kindern pro Frau, woraus folgt, dass es viele Einzelkinder gibt. Diese, so ordnen Soziologen ein, werden oft sanfter umsorgt. Auch dann, wenn sie ihr Zimmer nicht mehr verlassen.
Dabei ist das Hikikomori-Problem längst nicht nur ein landestypisches. Japans öffentlicher Rundfunksender NHK berichtet gar von einem „globalen Phänomen“. Studien zeigen, dass es zumindest in anderen asiatischen Gesellschaften auch schon beobachtet wird. Eine Umfrage des Instituts Yougov ergab schon vor der Pandemie, dass etwa in den USA Einsamkeit in jüngeren Generationen deutlich häufiger auftrat als bei älteren Menschen. Auch in Europa wurde eine Tendenz zum Rückzug gesichtet.

Japan ist allerdings das erste Land, in dem das Problem als solches erkannt wurde – und wo man es politisch und gesellschaftlich besonders behandelt. Zum Beispiel die von der Nachrichtenagentur Kyodo besprochenen Finanzkonzepte für Hikikomori, deren Eltern wohl bald sterben werden: In der südwestlich gelegenen Präfektur Oita bringt etwa eine NGO Vertreter von Versicherungen, Psychiater und Familienmitglieder von Hikikomori zusammen, schult sie für den Ernstfall.
„Wir möchten, dass sie konkret ihr Vermögen sowie ihre zukünftigen Einnahmen und Ausgaben berechnen“, erklärt dort ein Experte und empfiehlt, einst hinterlassenes Geld als Sparplan anzulegen, von dem eine monatliche Rente ausgezahlt wird. Vorm Drängen auf eine Rückkehr eines Hikikomori auf den Arbeitsmarkt warnt dabei Psychiater Tamaki Saito: „Anstatt nur zu sagen ‚Such dir einen Job‘, vermittelt das Zeigen konkreter Zahlen dem ‚Kind‘ das Gefühl, ernst genommen zu werden.“
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In speziellen Zentren soll den Hikikomori geholfen werden
Damit sich die Hikikomori resozialisieren können, gibt es auch spezielle Zentren. Vor allem am Tokioter Stadtrand, wo die Immobilienpreise niedriger sind als im Zentrum, haben sich über die Jahre Häuser etabliert, in denen Betroffene gegen Gebühr in Einzelzimmern wohnen können, regelmäßig an gemeinsamen Aktivitäten teilnehmen müssen. Ziel ist es, auch unter Anleitung von Therapeuten, die Angst am und die Abneigung gegenüber dem Umgang mit Fremden abzulegen. Das kann dauern: Bis zum Auszug vergehen manchmal Jahre. Oft sind es die Eltern, die ihre erwachsenen Kinder in solche Zentren schicken – gegen deren Willen.
Initiativen, Hikikomori wieder in die Gesellschaft einzugliedern, gibt es viele. So brachte ein Verein im Sommer 2025 das Magazin „SHIP“ heraus, das nun periodisch erscheint und Betroffenen eine Stimme gibt. Auf der Titelseite im aktuellen Heft: „Das wahre Schuldgefühl der Mütter und ihrer Kinder.“ Ein aktuelles Thema.
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Denn gerade heute, wo es im demografisch alternden und schrumpfenden Japan akut an Arbeitskräften mangelt, lastet auf den Hikikomori ein zusätzlicher Druck – sie werden nicht nur oft ihren Eltern zur seelischen und finanziellen Last, sondern werden auch noch auf dem Arbeitsmarkt eigentlich dringend gebraucht.











