Die ganze Welt kennt den schmalen Balkon, über den am 19. Oktober Einbrecher in die Apollo-Galerie des Louvre eingestiegen waren und Kronjuwelen im Wert von 80 Millionen Euro gestohlen haben. Vier Einbrecher wurden inzwischen gefasst, von der Beute fehlt aber jede Spur. An diesem verregneten Dezembertag hält ein Lieferwagen unter dem Balkon mit Blick auf die Seine. Drei Männer mit orangefarbenen Westen steigen aus, packen mit schnellen Griffen Werkzeuge aus. Ist es ein neuer Einbruch? „Keine Sorge, das sind Bauarbeiter“, beruhigt Didier Rykner. „Sie bringen Metallsperren an, um die Zufahrt auf die Gehsteige wie bei dem Einbruch zu verhindern“, erklärt der Kunsthistoriker. „Das ist sinnlos und natürlich zu spät – die übliche Flickarbeit im Louvre.“

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Rykner, Herausgeber der kleinen, in der Kunstbranche viel beachteten „Tribune de l’Art“, ist ein kritischer Geist. Als die Louvre-Direktion nach dem spektakulären Einbruch ankündigte, 100 neue Überwachungskameras und einen mobilen Polizei-Posten im Museum aufzustellen, fragte er in seiner Zeitschrift: „Warum erst jetzt?“
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Louvre-Einbruch: Polizei verpasste Diebe um Sekunden
Unter einem Regendach zieht der kleine, joviale Mann ein Papier aus der Tasche. Nach seiner Aussage ein vertraulicher Bericht des Schmuckhauses Van Cleef & Arpels von 2018. „Hier war alles vorausgesagt. Sogar der Einsatz einer Hebebühne, um auf den Balkon zu gelangen, war erwähnt. Und das schon vor sieben Jahren“, sagt Rykner. „Geändert hat sich nichts.“ Eine jüngste Senatsanhörung hat ergeben, dass die Polizei die Einbrecher nur um 30 Sekunden verpasste. Wäre die Apollo-Galerie besser – zum Beispiel mit bruchsicheren Fenstern – geschützt gewesen, wäre das Diebesquartett kaum entkommen.
Rykner macht es nichts aus, sich mit der Pariser Kulturbranche anzulegen. Nach dem Brand der Notre Dame-Kathedrale 2019 hatte er bereits (vergeblich) personelle Konsequenzen gefordert. Jetzt übt er scharfe Kritik an der Louvre-Direktorin Laurence des Cars. „Kommen Sie, ich zeige Ihnen etwas“, sagt er. Rykner durchquert einen offenen Seitenbogen des hufeisenförmigen Louvre-Gebäudes. Im Hof zeigt er auf eine Fensterreihe im ersten Stock. „Hier hat sich Madame des Cars ein Esszimmer für 500.000 Euro einrichten lassen; dazu kommen 270.000 Euro unter anderem für Designmöbel in ihrem Büro. Kein Wunder, fehlen die Mittel für die Sicherheit und den Unterhalt des über 800 Jahre alten Gebäudes.“

Die Direktorin des Louvre weist Vorwürfe wie diese als „bösartig“ und „rufschädigend“ zurück. Bei einer Befragung im Pariser Senat infolge des Einbruchs betonte sie etwa: „Dieser Besprechungsraum (das Esszimmer, Anm. d. Red.) steht nicht ausschließlich der Louvre-Präsidentschaft zur Verfügung; er ist keinesfalls mein privater Speisesaal.“
„Schattenseite“ des Louvre: Undichte Decken, verstopfte Toiletten
In der Warteschlange rund um die berühmte Eingangs-Pyramide von Ieoh Ming Pei holt Rykner sein Handy hervor. „Hier ein paar Bilder von der Schattenseite des Louvre“, kündigt er an. Zu sehen sind undichte Decken, leere Säle, verstopfte Toiletten. „Solche Fotos schicken mir vertraute Louvre-Angestellte öfters zu. Für die Reparaturen stehen weder Geld noch Handwerker zur Verfügung.“
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Rykner seufzt. „Der Louvre zählt neun Millionen Besucher im Jahr, mehr als alle Museen. Er ist nicht nur für mich das schönste Museum der Welt. Im Herzen von Paris gelegen, mit einer Glaspyramide inmitten eines ehemaligen Königspalastes – und dann erst die Kunstwerke!“ Mona Lisa von Leonardo da Vinci, Davids Napoleon-Krönung oder Delacroix’ Revolutionsgemälde, Raffael und Veronese, Velázquez und Michelangelo ... „Ach, da könnte man tagelang verweilen“, beschließt Rykner seine Aufzählung.
In der Empfangshalle unter der Pyramide angelangt, stört sich Rykner aber sofort an den Hinweistafeln: „Der Besucherstrom wird in den Denon-Flügel gelenkt, wo die Mona Lisa hinter Panzerglas wartet. Der Sully-Flügel bleibt dagegen fast leer, obwohl dort wunderbare Gemälde von Rembrandt oder Vermeer zu sehen sind.“
Geschlossene Räume im Museum: „Es fehlt an Wachleuten“
Einige Räume, und längst nicht nur die ausgeraubte Schmuckgalerie, lassen sich nicht besichtigen. „Wegen Arbeiten geschlossen“, steht auf einem geschlossenen Tor im Richelieu-Flügel. „Das ist gelogen“, erklärt Rykner, „in Wahrheit fehlt es an Wachleuten.“ Auch die Galerie Campana, in der griechische Antiquitäten ausgestellt werden, musste zugesperrt werden – die hölzernen Tragbalken im Boden drohen einzustürzen. In der altägyptischen Bibliothek kam es im November zu einem Wasserrohrbruch, weil das veraltete Hydrauliksystem ausfiel. Angestellte versuchten, die über 300 antiken Dokumente mit Löschpapier zu trocknen.
Am Montag sind die 2200 Louvre-Angestellten in einen unbefristeten Streik getreten. Sie verlangen mehr Mittel – und nicht nur für die Sicherheit. Rykner hat Verständnis. Er führt uns zum Carrousel du Louvre, der unterirdischen Ladengalerie mit einem Seiteneingang ins Museum. Hier ist die Besucherschlange noch länger als draußen. „Eine Stunde Wartezeit“, schätzt Rykner. „Und wissen Sie warum? Weil es hier nur eine einzige Sicherheitsschleuse gibt.“

Laut dem Kunsthistoriker wäre schon viel geholfen, wenn es doppelt so viele Metalldetektoren und Körperscanner geben würde. „Das wäre eine praktische, günstige Lösung.“ Die Louvre-Direktorin Des Cars will auf der Ostseite des Museums einen neuen Eingang schaffen. Und dazu gleich auch einen neuen Ausstellungssaal, in den die Mona Lisa verlegt wird. Kostenpunkt des Projektes „Grande Colonnade“: 666 Millionen Euro. „Die Zahl des Teufels“, kommentiert Rykner sarkastisch. „Das Vorhaben ist völlig überrissen, wenn man an den maroden, dringend sanierungsbedürftigen Zustand der übrigens Räume denkt.“
Erhöhte Ticketpreise: Warum sich für EU-Bürger nichts ändert
Staatspräsident Emmanuel Macron hatte anfangs dieses Jahres grünes Licht gegeben. „Er will nach zehn Jahren als Präsident ein großes Bauwerk hinterlassen“, vermutet Rykner. „Bloß frisst dieses Projekt ein riesiges Loch ins Budget. Für die Sicherheit ist kein Geld mehr da.“
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Auch der französische Rechnungshof kritisierte schon vor dem Einbruch, der Louvre habe in den letzten Jahren teure Kunstwerke erworben, die Sicherheit, den Gebäudeunterhalt und den Besucherkomfort aber vernachlässigt. Dafür muss der Louvre ab Mitte Januar seine Eintrittspreise erhöhen. Aber nur für Nicht-EU-Bürger: Für sie kostet ein Ticket nicht mehr 22, sondern 32 Euro.
Die Franzosen will Macron nicht zur Kasse bitten. Auch EU-Bürger, die nach Brüsseler Recht gleichbehandelt werden müssen, zahlen weiter 22 Euro. „Diskriminiert werden die anderen, in erster Linie die Amerikaner und Chinesen“, meint Rykner kopfschüttelnd. Sie haben die Fehler der Museumsleitung auszubaden.









