Seit Jahrzehnten tasten sich Taucherinnen und Taucher der Nikolaus-Kopernikus-Universität Toruń durch das dunkle Wasser des Lednica-Sees in Polen. Was von oben wie eine friedliche Wasserfläche wirkt, entpuppte sich nun als Schatzkammer der frühen Piastenzeit. In einer Stellungnahme der Forschenden heißt es, man habe dort bislang unter anderem 145 Äxte, 64 Speerspitzen und acht Schwerter entdeckt. Jetzt meldet das Zentrum für Unterwasserarchäologie einen weiteren Fund: vier außergewöhnlichen Speerspitzen, die das bereits beeindruckende Waffenarsenal in den Tiefen des Sees ergänzen – und neue Fragen zur Kriegerkultur des 10. und 11. Jahrhunderts aufwerfen.
Mittelalterliche Speerspitzen aus Polen: Vergoldete Waffe als Symbol der Macht
Unter den neuen Funden sticht eine Speerspitze besonders hervor. Die Archäologen schreiben in ihrer Studie, dieses Stück sei „mit Edelmetallen vergoldet und aufwendig verziert“. Das wecke den Verdacht, dass es nicht irgendeinem einfachen Krieger, sondern „möglicherweise einem Adligen oder Prinzen“ gehört habe.
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Die Spitze ist nicht einfach nur aus Eisen: Wie das Team erklärt, ist ihre Oberfläche mit Gold, Silber, Bronze und weiteren Metallen überzogen. Dazu kommen komplizierte Muster – Spiralen und sogenannte Triskelion-Motive, also ineinander verschlungene, wiederkehrende Formen. In der Nähe des Schaftansatzes besitzt die Speerspitze zudem kleine „Flügel“. Solche Elemente sieht man meist eher an prunkvollen Zeremonialwaffen als an Waffen, die täglich im Kampf benutzt wurden. Deshalb ordnen die Forscher das Stück in ihrer Studie eindeutig als Symbol der Macht ein. Der Speer, so schreiben sie, habe „möglicherweise als Insignie eines hochrangigen Kriegers oder als rituelles Objekt“ gedient und sei vermutlich nicht für den harten Kampf gedacht gewesen.

Historische Waffenfunde im Lednica-See: Eine Speerspitze mit fast vollständigem Schaft
Die zweite Speerspitze ist aus einem anderen Grund spektakulär. Sie ist die kleinste der vier, aber sie steckt noch immer auf einem etwa zwei Meter langen Schaft aus Eschenholz. „Das ist selten“, sagt Andrzej Pydyn, Professor für Archäologie und Direktor des Zentrums für Unterwasserarchäologie, laut der Erklärung. Nur zwei Speere aus dem Lednica-See hätten einen so gut erhaltenen Schaft, betont er. Normalerweise verrottet Holz im Wasser über die Jahrhunderte, während Metall bleibt.
Zusätzlich ist die Waffe mit einem Ring aus Geweih versehen. Pydyn erklärt, dieses Detail mache den Speer zu einem „einzigartigen Artefakt“. Ein solcher Geweihring könnte den Schaft verstärkt haben – oder ein besonderes Schmuckelement gewesen sein.
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Die dritte Speerspitze wirkt auf den ersten Blick schlichter, erzählt aber viel über die Verbindungen des frühen polnischen Staates mit dem Rest Europas. Das Team beschreibt sie als „schlank und filigran“ und vergleicht ihre Form mit einem Weidenblatt. In der Studie heißt es, diese Form sei im frühen Mittelalter in Europa weit verbreitet gewesen. Das bedeutet: Solche Speerspitzen findet man an vielen Fundorten – von Mitteleuropa bis in den Norden.

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Gleichzeitig weisen die Archäologen darauf hin, dass im Umfeld von Ostrów Lednicki bereits ähnliche Stücke gefunden worden seien. Sie schließen daraus, dass diese Waffenform nicht nur importiert, sondern wohl auch vor Ort hergestellt wurde. Das deute auf eine starke Schmiedetradition in der Region hin: Die Krieger rund um den Lednica-See waren offenbar nicht nur Nutzer fremder Waffen, sondern auch Produzenten.
Die vierte Speerspitze ist die längste der neu entdeckten Stücke – und zeigt, wie technisch anspruchsvoll mittelalterliche Waffen sein konnten. In der Erklärung schreiben die Forscher, sie sei „mit Schweißtechnik hergestellt“ worden, bei der „weicher, kohlenstoffarmer Stahl immer wieder mit härterem, kohlenstoffreichem Stahl verschweißt wird“. So entstehe ein Material, das zugleich robust und scharf ist. Die Archäologen betonen, diese Mischung habe der Speerspitze „hervorragende Kampfeigenschaften“ verliehen. Man könne, so heißt es in der Studie weiter, sagen, dass Speerspitzen, die auf diese Weise geschmiedet wurden, „den höchsten Stand der damaligen Technik repräsentieren“ und in ganz Europa vorkamen.
Elitekrieger um das Jahr 1000: Wie die Funde gedeutet werden
Für Co-Autor Dr. Matusz Popek vom Zentrum für Unterwasserarchäologie besteht „kein Zweifel“ daran, dass diese vier Waffen mit einer elitären Kriegerkultur an der Wende vom 10. zum 11. Jahrhundert verbunden sein müssen. Die teils umfangreichen Verzierungen hätten wahrscheinlich dazu gedient, den Besitzer erkennbar zu machen – etwa bei Zeremonien oder auf dem Schlachtfeld. So habe man „sein Ansehen und seinen hohen sozialen Status demonstriert“. Popek betont außerdem, dass das Vorkommen so hochwertig verarbeiteter Gegenstände auf der Insel Ostrów Lednicki die besondere Rolle dieses Ortes belege – sowohl politisch, da hier Macht gebündelt wurde, als auch symbolisch, da hier offenbar auch Rituale und zeremonielle Handlungen stattfanden.
Doch so klar die soziale Zuordnung der Waffen erscheint, so wirft die Fülle von Waffen im Lednica-See eine andere Frage auf: Warum sind so viele Schwerter, Speere und Äxte im See versunken? Und wie sind all diese Objekte überhaupt im Wasser gelandet? In ihrer Studie stellen die Forscher zwei Haupttheorien vor. Die erste ist historisch-politisch: Sie knüpft an die Zeit nach dem Tod von König Mieszko II. im Jahr 1034 an. Laut den Archäologen berichten Quellen davon, dass der tschechische Prinz Bretislaus damals in das Gebiet einfiel, Gniezno plünderte und vermutlich auch die Burgen in Posen und auf Ostrów Lednicki angriff. Das Team schreibt, einige Waffen könnten während der Kämpfe „auf den Brücken, die die Insel mit dem Festland verbanden, und höchstwahrscheinlich auch vpn Booten“ ins Wasser gefallen sein.
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Die zweite Theorie greift tiefer in die Vorstellungswelt der damaligen Menschen. Die Forschenden weisen darauf hin, dass aus vielen Regionen Europas alte Praktiken bekannt sind, bei denen Menschen wertvolle Gegenstände in Flüsse, Seen oder Moore warfen. Wasser sei als „Tor zur Welt der Toten“ verstanden worden. Etwas Kostbares hineinzuwerfen, sei deshalb eine besondere Geste gewesen.
Um den Funden noch mehr Informationen zu entlocken, führen die Forschenden derzeit eine Makro-Röntgenfluoreszenzuntersuchung durch. Diese Methode soll Aufschluss über die chemische Zusammensetzung der Speerspitzen geben – und damit Hinweise darauf liefern, wie und wo sie hergestellt wurden. In der Erklärung heißt es, man hoffe, dass die detaillierte Analyse der Waffen und Verzierungen erkennen lasse, ob der Prunkspeer „in einer der lokalen Werkstätten im Umfeld der Burg auf der Insel Ostrów Lednicki hergestellt wurde oder aus weiter entfernten Handwerkszentren, möglicherweise aus Skandinavien oder Russland, importiert wurde“.









