Die Erleichterung war riesig, als das Drama um die vermissten Wanderer am Mount Everest ein glimpfliches Ende fand. Die Wanderer hatten seit dem ersten Oktoberwochenende auf bis zu 4900 Meter Höhe am Osthang des Mount Everest (8849 Meter) festgesessen. Erst nach mehreren Tagen gelang die Rettung: 580 Wanderer sowie mehr als 300 einheimische Begleiter, darunter Führer und Yak-Treiber, konnten wohlbehalten in die Ortschaft Qudang in Tibet zurückkehren. Haben die Expeditionsleiter unverantwortlich gehandelt und das Leben der Wanderer aufs Spiel gesetzt?

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Einer, der die Bedingungen vor Ort kennt und weiß, wie gefährlich es am Mount Everest werden kann, ist Felix Berg. Er ist Expeditionsleiter und Geschäftsführer von SummitClimb, einer Expeditionsagentur für organisierte Trekking-Touren in alle Berge der Welt. Der heute 44-Jährige war bereits zweimal auf dem Mount Everest. Unter anderem im Jahr 2004, wo er mit 23 Jahren als Expeditionsleiter unterwegs war und damit als erster Berliner und jüngster deutscher Besteiger den Gipfel erreichte. Zurzeit ist der erfahrene Bergsteiger zum zehnten Mal in Nepal unterwegs, im Rolwaling-Gebirge nahe des Khumbu-Gebirges.

Nicht nur das Wetter macht den Mount Everest so gefährlich: Hier erklärt ein Arzt, was sonst noch droht

Sie selbst waren bereits zweimal am Mount Everest unterwegs. Wie gut kennen Sie den Berg und seine Bedingungen?

Felix Berg: Ich bin einmal von der Nordseite, also von Tibet, und einmal von der Südseite, also von Nepal aus, aufgestiegen. Und auch darüber hinaus war ich öfter in der Region und kenne den Berg und seine Bedingungen schon ganz gut.

Bekommen Sie in Nepal das schlechte Wetter auch mit?

Berg: Ja, das betrifft ganz Nepal und nicht nur den Everest. Gerade die Überflutungen im Rest von Nepal sind für die einheimische Bevölkerung die größere Katastrophe. Nepal hatte dadurch bereits über 50 Tote. Vor allem in den Tälern, wo die Flüsse angestiegen sind und teilweise Dörfer weggeschwemmt haben. Auch unsere Anreise mit dem Fahrzeug wäre einen Tag später nicht mehr möglich gewesen. Vor allem die ganze Nordostregion von Kathmandu hat mit sehr starken Niederschlägen zu kämpfen.

Untrainiert auf den Mount Everest: Bergsteiger erklärt Gefahren

Sind die extremen Bedingungen derzeit ein Phänomen dieser Jahreszeit?

Berg: Das ist eher unüblich für die Jahreszeit. Deswegen hat es auch viele überrascht. Normalerweise hat man den Monsun im Sommer und gegen September geht er dann zu Ende. In diesem Jahr war der Monsun im September nicht so stark und kommt dafür jetzt umso mehr. Es ist sehr unüblich, dass man im Oktober noch mal so viel Niederschlag hat. Das passiert nur alle fünf bis zehn Jahre.

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Mit Ihrer Reiseagentur bieten Sie Touren auf den Mount Everest nur für das Frühjahr an. War es unverantwortlich, jetzt mit Touristen dahin zu reisen?

Berg: Um diese Jahreszeit ist es unüblich den Mount Everest zu besteigen. Aber diejenigen, die am Wochenende vom Schnee überrascht wurden und seitdem festhingen, sind eher Wandertouristen, die nur das Everest-Basislager besuchen. Dieser Trekking-Tourismus in Nepal ist im Oktober und November viel beliebter, weil das Wetter jetzt normalerweise viel stabiler ist als im Frühjahr. Nur für die hohen Berge ist es im Frühjahr wiederum so, dass man da oben weniger starke Winde hat und dort meist ein besseres Zeitfenster bekommt, um zum Gipfel aufzusteigen.

Wie gefährlich sind die Bedingungen für untrainierte Wanderer am Mount Everest?

Berg: Die Menge des Schnees und die fehlende Orientierung, wenn man die Wege nicht mehr sieht, können schon problematisch sein. Im Everest-Gebiet ist der Vorteil, dass es da eigentlich recht viel Infrastruktur gibt und man schnell wieder Unterkünfte erreichen kann, gerade auf dem Standardweg zum Basislager. Wenn, wie die letzten Tage, sehr viele Menschen dort unterwegs sind, können diese sich gegenseitig helfen oder an bereits vorhandenen Spuren im Schnee orientieren, um einen Weg hinauszufinden.

Felix Berg, ist Expeditionsleiter und Geschäftsführer von SummitClimb
Felix Berg sagt: „Natürlich hat man auch beim Everest immer im Hinterkopf, dass es gefährlich sein kann.“ © privat | Privat

Wie gefährlich sind solche Bergungsaktionen für die Sherpas und Rettungskräfte?

Berg: Am Montag gab es glücklicherweise einen sonnigen Tag, an dem auch Helikopter und Suchtrupps starten konnten. Dann ist es recht unproblematisch, den Weg anzutreten, ohne sich selbst in Gefahr zu bringen. Problematisch wird es für eine Rettungsaktion dann, wenn das Wetter schlecht ist, man sich im Nebel nicht gut orientieren kann oder auch die Lawinenlage nicht gut einschätzen kann.

Bergsteiger erlebte selbst Schneesturm am Mount Everest: „Einige sind gestorben“

Was ist das größte Risiko bei geführten Wanderungen am Mount Everest bei schlechtem Wetter?

Berg: Es kann in so einer Lage immer sein, dass das ein oder andere Unglück passiert. Gerade, wenn jemand vielleicht nicht die richtige Ausrüstung dabeihat. Es gibt viele Agenturen, die Touren anbieten und nicht für eine vernünftige Ausrüstung sorgen. Mit falscher Ausrüstung ist es schwierig, eine ungeplante Nacht draußen zu verbringen.

Was macht so ein gefährliches Erlebnis mit Bergwanderern?

Berg: So wie ich es mitbekomme, ist zurzeit eher die Frage, ob man die Touren sogar weiter durchführen kann. Die Leute, die zum Basislager laufen wollten, werden das mit ein paar Tagen Verzögerung weiterhin wollen. Ich denke nicht, dass alle so schnell wie möglich aus der Region hinauswollen.

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Mussten Sie während Ihrer Everest-Touren mal eine bedrohliche Situation meistern?

Berg: Ich persönlich habe bei meinen Touren keine bedrohlichen Situationen erlebt. Eher solche, in denen andere in Gefahr geraten sind und ich geholfen habe. Bei einer Expedition gab es mal einen großen Schneesturm, wo wir versucht haben zu helfen und einige leider in tragischer Weise gestorben sind.

Natürlich hat man auch beim Everest immer im Hinterkopf, dass es gefährlich sein kann. Meine Expeditionen sind aber ohne große Gefahren abgelaufen, und das gilt auch für die meisten gut organisierten Expeditionen. Viele Unglücke passieren aufgrund persönlicher Fehleinschätzungen oder wenn der Körper anders reagiert als erwartet.