Archäologen haben in Spanien den wohl ältesten absichtlich hinterlassenen Fingerabdruck der Welt entdeckt. Der rund 43.000 Jahre alte, ockerfarbene Abdruck stammt jedoch nicht vom modernen Menschen – sondern vom Neandertaler. Eine neue Studie bezeichnet den Fingerabdruck als die früheste symbolische Darstellung aller Menschenarten in Europa. Sie sei ein weiterer Beweis dafür, wie viel kreativer die Neandertaler als bisher angenommen waren.

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Bereits vor drei Jahren fanden spanische Forscher den Fingerabdruck auf einem Granitstein unter einem Felsvorsprung, den die Neandertaler vor Zehntausenden Jahren als Unterschlupf nutzten. Der Fingerabdruck würde auf dem gesichtsförmigen Stein die Nase markieren, argumentieren die Autoren der Anfang Mai erschienenen Studie in der Fachzeitschrift „Archaeological and Anthropological Sciences“.

Archäologen: Fingerabdruck transformiert Stein zu Gesicht

Die Forscher entdeckten den Stein in der Ausgrabungsstätte San Lázaro, die in einem Flusstal etwa 73 Kilometer nordwestlich von Madrid liegt. Hier fanden sie zuvor Steinwerkzeuge und andere Spuren aus der Zeit kurz vor dem Verschwinden der Neandertaler aus Europa.

Um festzustellen, dass der rote Fleck auf dem Stein wirklich ein Fingerabdruck ist, führte das Team eine multispektrale Analyse der ockerfarbenen Pigmente durch. Dabei machen Laser oder Kameras unterschiedliche Farbwellenlängen sichtbar. Ein durch das Verfahren entstandenes Bild zeigt deutlich die charakteristischen Linien eines Fingerabdrucks. Andere Untersuchungen ergaben laut der Studie, dass die Eisenoxide und Tonmineralien der Pigmente nicht natürlich aus der Höhle stammen können.

Die Studienautoren glauben, dass der Fingerabdruck die Nase des Gesichts symbolisieren sollte.
Die Studienautoren glauben, dass der Fingerabdruck die Nase des Gesichts symbolisieren sollte. © Álvarez-Alonso et al.

Das „Gesicht“ sei ein Beweis dafür, dass die Neandertaler abstrakte Gedanken auf materielle Objekte projizieren konnten, heißt es in der Studie. Der etwa 15 Zentimeter lange Stein mit seinen Augen- und Mund-ähnlichen Ausbuchtungen würde durch den Fingerabdruck zu einem Gesicht transformiert werden. Künstler sei wahrscheinlich ein erwachsener Neandertaler gewesen.

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Neandertaler-Gehirn war leicht größer als das moderner Menschen

Doch andere Experten zweifeln an der grundlegenden Interpretation der Studie. „Offensichtlich wurde der Ocker absichtlich mit dem Fingerabdruck aufgetragen“, zitiert „Live Science“ den Anthropologen und Archäologen Bruce Hardy vom Kenyon College in den USA. „Aber ich habe kein Gesicht gesehen – Symbolik liegt im Auge des Betrachters“.

Neandertaler (Homo neanderthalensis) lebten vor etwa 400.000 bis 40.000 Jahren in Europa und Teilen West- und Zentralasiens. Sie entwickelten sich vermutlich aus einer früheren Menschengruppe, die aus Afrika nach Europa eingewandert war, und passten sich an das kalte Klima der Eiszeit an. Neandertaler bewohnten Gebiete von Spanien bis nach Sibirien und besiedelten auch Regionen im Nahen Osten.

Laut dem britischen Naturkundemuseum waren sie in der Lage, Werkzeuge zu nutzen, Feuer zu machen und gemeinsam zu jagen. Ihre Gehirne waren sogar durchschnittlich ein weniger größer als die der modernen Menschen (Homo sapiens). Vor etwa 40.000 Jahren starben sie aus, wahrscheinlich durch eine Kombination aus Klimaveränderungen, Konkurrenz mit dem modernen Menschen und genetischer Vermischung.

Kontroverse: Waren Neandertaler wirklich Künstler?

Die wissenschaftliche Diskussion darüber, ob Neandertaler in der Lage waren, Kunst zu machen, wurde lange kontrovers geführt. Doch über die letzten Jahrzehnte gab es immer mehr Funde, die darauf hindeuten, dass Neandertaler symbolisches Denken und kreative Ausdrucksformen besaßen – eine Voraussetzung für Kunst.

Beispiele sind eingeritzte Linien in Höhlen, bearbeitete Muscheln, durchbohrte Tierzähne als mögliche Anhänger oder die mit Ocker gefärbten Stalagmiten in der spanischen Höhle von Ardales. Letztere wurden auf ein Alter von über 60.000 Jahren datiert, also aus einer Zeit, in der nur Neandertaler in Europa lebten.

„Mittlerweile besteht zunehmend Einigkeit darüber, dass die Neandertaler auch über ein komplexes symbolisches Repertoire verfügten, das sich in modifizierten Objekten, der Verwendung von Pigmenten, rituellen Verhaltensweisen und anderen eindeutig symbolischen Ausdrucksformen manifestierte“, schreibt das Forschungsteam in einem Gastbeitrag für „The Conversation“.