Riesige Eruptionskrater und ein 200 Quadratkilometer großes, aktives Vulkanfeld: Die Phlegräischen Felder bei Neapel sind ein sogenannter Supervulkan. Seit Jahren mehren sich die Anzeichen, dass ein größerer Ausbruch bevorsteht. In den vergangenen Wochen sorgten Erdbeben in der Region 20 Kilometer westlich des Vesuvs für große Besorgnis unter den Einwohnern. Die Sorge, dass ein noch stärkeres Beben – schlimmstenfalls sogar ein Vulkanausbruch – die Bewohnerinnen und Bewohner Süditaliens, vor allem Neapels, in Lebensgefahr bringt, ist groß. Welche Auswirkungen das haben kann, zeigt sich wenige Kilometer entfernt: Dort befinden sich schließlich die Überreste der antiken Stadt Pompeji, die beim Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 n.Chr. zerstört wurde.

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Viel verheerender allerdings war der Ausbruch des Supervulkans vor 39.000 Jahren: Es war die größte explosive Eruption der letzten 200.000 Jahre. Nicht nur die Region, sondern weite Teile Italiens wurden verwüstet, was das Klima auf dem Kontinent beeinflusste. Ebenfalls vor 39.000 Jahren starb die Spezies der Neandertaler aus. Besteht hier ein Zusammenhang – und droht erneut eine so einschneidende Zäsur?

Italien: Hat der Supervulkan die Neandertaler vernichtet? Forscher haben Theorie

Ob unbekannte Krankheitserreger, Kämpfe um die verbleibenden Nahrungsmittel oder ungünstige Bevölkerungsstrukturen: Lange wurde in der Wissenschaft über die Ursachen für das Aussterben der Neandertaler gerätselt. Der Erklärungsansatz Nummer eins: Der Homo Sapiens ist verantwortlich. Bei der Einwanderung aus Afrika schleppte die Spezies Krankheiten ein, ging auf die Jagd und breitete sich schließlich aggressiv aus, so die Theorie.

Dieser Ansatz entspricht zumindest der Vorstellung vom modernen Menschen, der zerstörerisch und bisweilen sogar parasitärer die Umwelt beeinflusse. Bärbel Auffermann, Direktorin des Neanderthal Museums in Mettmann und selbst Archäologin, ist anderer Meinung: „Man stellt sich das immer mit der heutigen Brille vor“, so Auffermann. „Aber zu dieser Zeit herrschte innerhalb Europas eine so dünne Besiedlung, dass man nicht von einer direkten Konkurrenz ausgehen sollte.“

Dr. Bärbel Auffermann, Direktorin Neanderthal-Museum
Dr. Bärbel Auffermann, Direktorin des Neanderthal-Museums.© Holger Neumann | (c) gentura.de

Außerdem gebe es keine Hinweise auf gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen den beiden Gruppen. „Vielleicht haben sie sich nicht einmal als unterschiedliche Spezies erkannt“, sagt Auffermann. Allerdings hatte der Ausbruch der Phlegräischen Felder einen Wandel im Klima zufolge, der wiederum zu Nahrungsmangel führte. Damit könnte der Ausbruch vor gut 39.000 Jahren durchaus eine Rolle gespielt haben. Passt das zusammen?

Phlegräischen Felder sind wohl „Mosaik-Stein im Untergang der Neandertaler“

„Der Vulkan ist sicherlich ein Mosaik-Stein im Untergang der Neandertaler“, sagt Auffermann. Am Ausbruchsort e es sicherlich „zahlreiche Tote“ gegeben. „An den Rändern der Einflusszone stirbt dann die Vegetation ab, auch die Jagdbeute wandert ab.“ Neben den direkten Auswirkungen im Umfeld des Vulkans führten die freigesetzten Gase und Aschepartikel vermutlich über mehrere Jahre zu einer Verschlechterung der Luftqualität und zu einem Temperaturabfall in weiten Teilen Europas. Die Ascheablagerungen des großen Ausbruchs lassen sich heute in Bohrkernen in Italien sowie in weiten Teilen Europas bis nach Russland nachweisen.

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Allerdings: Die urgeschichtlichen Populationen seien hochmobile Menschengruppen gewesen: Die Jäger- und Sammlergruppe hätten ihre Schweifgebiete an Orte mit besseren Überlebenschancen verlegt, so die Neandertaler-Expertin. Maßgeblich sei da jedoch der Klimawandel, der schon vor dem Ausbruch begonnen habe: „Die Neandertaler hatten immer wieder mit großem Kältestress zu tun“, so die Expertin.

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Seit 60.000 v. Chr. habe es immer wieder entsprechende Kältephasen gegeben, die auf Veränderungen im Golfstrom zurückzuführen seien. „Wir wissen, dass es diese unglaublichen Abkühlungen gab“, sagt Auffermann. Die Folge: Große Eispakete von Nordeuropa drängen die Mensch- und Tierpopulationen weiter in den Süden, das Nahrungsangebot und Siedlungsgebiet verkleinert sich.

Neandertaler waren nicht „überlebensfähig“ – das ist der Grund

Hinzu komme der Flaschenhals-Effekt. So beschreibt die Wissenschaft eine drastische Reduktion der Populationsgröße, die zu einem Verlust der genetischen Vielfalt führe. Kleinere Gruppen könnten sich nicht an Klimastress, Krankheiten und andere Umweltfaktoren anpassen, sie „sind dann irgendwann nicht mehr überlebensfähig“, sagt Auffermann. Dass an dieser These etwas dran ist, bestätigen archäologische Funde, wonach genetische Vielfalt in der DNA bei den Neandertalern geringer sei. Vermutlich, so die Expertin, habe eine Kombination aus Kältestress und Flaschenhals-Effekt zum Aussterben geführt.

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„Manche bezeichnen den Supervulkan als Sargnagel für die Neandertaler, das mag schon sein“, so die Expertin. Der Prozess habe aber schon in den Jahrtausenden davor begonnen. Und heute? Dass ganze Bevölkerungsgruppen in diesem Maße aussterben, davon sei nicht auszugehen. Was den Bewohnerinnen und Bewohnern Süditaliens allerdings kaum die Sorge vor einer gewaltigen Katastrophe nehmen dürfte.