Die Krabbenfresserrobben dösen entspannt im Sonnenlicht der Antarktis, ahnungslos, dass ein tödlicher Feind schon unter ihnen wütet. Eine Krankheit, der die entlegensten Winkel des Planeten erreicht hat, springt inzwischen von Tier zu Tier, hinterlässt Tod und Verwüstung.

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Bislang sind 15 Tierarten in der Region mit dem Vogelgrippe-Virus H5N1 nachgewiesen worden – darunter Seevögel, Pinguine und, beunruhigenderweise, auch Robben. „Wir haben jetzt definitiv Nachweise in den meisten Robbenarten der Antarktis“, erklärte die australische Forscherin Meagan Dewar gegenüber dem Sender ABC. „Andere Teams fanden heraus, dass antarktische Seebären und See-Elefanten stark betroffen sind, Krabbenfresserrobben und Weddellrobben sind ebenfalls gestorben, und bei einigen Seeleoparden wurde das Virus ebenfalls festgestellt.“

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Besonders beunruhigend: Der Erreger, der 2023 über Aasvögel aus Südamerika eingeschleppt wurde, scheint sich anders zu verhalten als erwartet. Zunächst dachte die Wissenschaftlerin, sie würde „hunderte, wenn nicht tausende tote Pinguine“ sehen – aber das sei nicht der Fall gewesen. Dies bestätigt auch die Virus-Expertin Michelle Wille: „In der Antarktis und Subantarktis sehen wir bislang hauptsächlich Todesfälle bei Braunen und Südpol-Skuas (Raubvögel, Anm. d. Red.), während bei anderen Arten wie den Pinguinen nur wenige Infektionen oder Todesfälle festgestellt wurden.“ Damit besteht aber leider auch die Gefahr, dass Pinguine asymptomatische Träger sein könnten.

Vogelgrippe: Tiere verenden qualvoll

Die Virusökologin berichtete zudem von den teils erschreckenden Auswirkungen auf die Tiere. Denn das Virus greift das Gehirn der Tiere an und dies bedeutet: Tiere zeigen neurologische Symptome wie Koordinationsstörungen und die Unfähigkeit aufzustehen. „Außerdem sehen wir Atemnot“, schrieb Wille. Bei einigen Arten seien zudem Entzündungen im Auge und andere Veränderungen der Augen festgestellt worden. Viele Tiere verenden qualvoll.

Dr. Meagan Dewar Südpol Antarktis
Ein toter Skua in der Antarktis© Dr. Meagan Dewar | Dr. Meagan Dewar

Mit den gleichen molekularen Werkzeugen, die auch bei der Covid-19-Bekämpfung eingesetzt wurden, untersucht Wille derzeit Hunderte von Proben von Skuas, Pinguinen und Robben am WHO-Kooperationszentrum für Influenza in Melbourne. Die Analysen sollen zeigen, wo und wie sich das hochpathogene H5N1 auf dem antarktischen Kontinent ausbreitet. Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Virus an den gleichen Orten wie im Vorjahr vorkommt – doch es gibt auch Berichte über Fälle weit entfernt vom ursprünglichen Infektionsherd. Das zeigt: Der Erreger breitet sich aus.

Vogelgrippe breitet sich aus

So hat die Vogelgrippe bereits die subantarktischen Inselgruppen Crozet und Kerguelen erreicht, über 7000 Kilometer entfernt vom Ursprungsort auf den Südgeorgieninseln. Französische Forscher meldeten dort Ende 2024 „beispiellose und alarmierende Sterblichkeitsraten bei südlichen See-Elefanten“. Auch Königspinguine, Eselspinguine und Braune Skuas gehörten zu den Opfern.

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Von Kerguelen aus sind es weniger als 500 Kilometer bis zu Australiens entlegenen Heard- und McDonald-Inseln, einem Hotspot für Artenvielfalt und potenziell neue Wirte. Sollte das Virus diesen Sprung schaffen, könnte der nächste Schritt direkt auf das australische Festland führen. „Es gibt viele Gebiete, von denen wir schlicht nicht wissen, ob die Vogelgrippe dort bereits angekommen ist – und wenn ja, in welchem Ausmaß“, sagte Dewar gegenüber dem australischen Sender.

Australien: Beliebte Tiere in Gefahr

Auch aus nördlicher Richtung droht Gefahr: Zugvögel, die aus dem Nordhalbkugel-Frühling zurückkehren, könnten das Virus aus H5N1-Hotspots mitbringen. Grundsätzlich habe die Erkrankung „weltweit katastrophale Auswirkungen auf Wildtiere“, so Wille. Beispielsweise sei ein Drittel aller Basstölpel weltweit daran gestorben. Für die Tierwelt in der Antarktis und Subantarktis stelle das hochpathogene H5N1 eine „sehr reale Bedrohung“ dar. Hinzu kommt, dass ihre Forschung auch nahelegt, dass eine Einschleppung nach Australien nicht mehr eine Frage des „ob“, sondern nur noch des „wann“ ist.

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Besonders beunruhigend ist, was passieren könnte, wenn der Erreger auf Australiens endemische Tierarten trifft: Beuteltiere wie Koalas und Kängurus oder Meeressäuger wie der Australische Seebär. Schon jetzt befürchten Experten und Expertinnen, dass gefährdete Arten ausgelöscht werden könnten.

Dr. Meagan Dewar
Am Strand der Antarktis stapeln sich die Kadaver.© Dr. Meagan Dewar | Dr. Meagan Dewar

Neben den ökologischen Folgen steht auch die Gefahr für den Menschen im Raum. Weltweit wurden seit 2020 laut der Weltgesundheitsorganisation 112 menschliche Infektionen gemeldet, darunter ein australisches Kleinkind, das sich in Indien infizierte, aber wieder gesund wurde. Die meisten Fälle traten zuletzt in den USA auf, wo sich das Virus zwischen Rindern verbreitet. Zwar stuft die WHO das Risiko für die Allgemeinbevölkerung derzeit noch als gering ein, doch mit jeder Übertragung von Säugetier zu Säugetier wächst die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Virus besser an Säugetiere – und damit auch an den Menschen – anpasst.