Müssen wir Menschen uns vielleicht bei Gorillas, Schimpansen und Orang-Utans entschuldigen? Denn nicht nur, dass der Homo sapiens die Lebensräume der Tiere zerstöret, er behauptete darüberhinaus, das einzige Tier mit der Veranlagung zur Sprache zu sein. Doch ausgerechnet dieses Alleinstellungsmerkmal stellt eine neue Studie anhand von Menschenaffen in Frage.

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Bonobos sind etwas schlanker als Schimpansen, unterscheiden sich aber ansonsten kaum äußerlich. In einem Artenschutzgebiet in der Demokratischen Republik Kongo hörten Wissenschaftler ganz genau hin, wenn die wilden Bonobos brüllten, schnaubten und riefen. In diesen Lauten wollen die Forscher nun eines der zentralen Merkmale von Sprache entdeckt haben.
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Affen kombinieren Rufe zu Sprache
Dass Menschenaffen miteinander kommunizieren, war schon vor der in der Fachzeitschrift „Science“ veröffentlichten Studie unumstritten. So nutzen die meisten Tierarten beispielsweise Laute, Gerüche oder Bewegungen, um sich gegenseitig vor Gefahren zu warnen oder Paarungsbereitschaft zu signalisieren.
Doch bei den Bonobos beobachteten Forscher der Universität Harvard und Zürich (UZH) einen entscheidenden Unterschied: Die Affen kombinieren verschiedene Laute zu einer neuen Bedeutung, die in Beziehung zu Bedeutung der einzelnen Laute steht. In der Linguistik wird dieser Vorgang als Kompositionalität bezeichnet. Darin ergibt sich die Bedeutung von Sprache durch die Addition verschiedener Teile.
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Bonobos nutzen komplexe Ruf-Kombinationen
Die Kompositionalität ist ein zentrales Prinzip von Sprache, das die Forscher in einer Pressemitteilung mit einem Beispiel veranschaulichen. So bezieht sich „blonder Tänzer“ auf eine Person, die sowohl blond als auch ein Tänzer ist. In einer komplexeren Variante verändert jedoch ein Teil der Kombination den anderen.
Ein „schlechter Tänzer“ bezieht sich dagegen nicht auf eine schlechte Person, die auch Tänzer ist. Viel eher hat „schlecht“ in diesem Fall keine eigenständige Bedeutung, sondern ergänzt nur „Tänzer“. Diese komplexe Kombination von Lauten wollen die Forscher bei den Bonobos beobachtet haben.
Spuren des Prinzips entdeckte ein Team um den UZH-Psychologen Simon Townsend erstmals bei der Beobachtung von Schimpansen. In 330 Stunden Audioaufnahmen der Schimpansen identifizierten sie bestimmte Rufe, die in 15 Paarungen besonders häufig verwendet wurden. Aber haben die Rufpaare auch eine andere Bedeutung als die einzelnen Rufe nur für sich genommen?
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Schimpansen warnen sich vor Schlange mit bestimmtem Ruf
Dafür studierte Townsend ganze zwei Jahre lang die Kombination zweier Laute: „Waa-bark“, gefolgt von „Alarm-huu“, wie die Wissenschaftler die Laute benannten. Schimpansen nutzen den „Waa-bark“-Ruf, um andere Schimpansen zum Beispiel für die Jagd oder den Kampf zu sich zu rufen
„Alarm-huu“ stießen die Affen hingegen aus, wenn sie ängstlich oder überrascht von etwas waren. Wie die „New York Times“ berichtet, fiel Townsend und seinen Kollegen die Kombination der beiden Rufe erstmals auf, als Schimpansen sie bei zwei unterschiedlichen Malen beim Aufeinandertreffen mit einer Schlange ausriefen.
In einem Experiment zogen die Forscher daraufhin eine Fake-Schlange über den Waldboden, um eine Reaktion der Schimpansen zu provozieren. Die Schimpansen antworteten wie erwartet mit „Waa-bark“, gefolgt von „Alarm-huu“. Weitere Experimente verstärkten ihren Verdacht: Hier könnten sich Schimpansen „Komm her und hilf mir, mit dieser Schlange fertig zu werden“ zurufen.
Forscher erstellten „Bonobo-Wörterbuch“
Diese Beobachtungen waren der Anlass der nun veröffentlichten Studie, die das Phänomen bei Bonobos dokumentieren konnte. In der Studie wandten die Forscher eine von Linguisten entwickelte Methode an, um die Bedeutung menschlicher Wörter zu quantifizieren.
„Dadurch konnten wir eine Art Bonobo-Wörterbuch erstellen – eine vollständige Liste der Bonobo-Rufe und ihrer Bedeutung“, sagt Mélissa Berthet, Postdoktorandin am Institut für Evolutionäre Anthropologie der UZH und Studienleiterin. „Dies ist ein wichtiger Schritt zum Verständnis der Kommunikation anderer Arten, da wir erstmals die Bedeutung von Rufen über das gesamte Stimmrepertoire eines Tieres hinweg bestimmt haben.“
Im Anschluss untersuchten sie die Kombination verschiedener Rufe und inwiefern sie zu den einzelnen Rufen in Beziehung stehen. Den Forschern gelang es, insgesamt vier Rufkombinationen zu identifizieren, die das Kompositionalitäts-Merkmal ähnlich wie in der menschlichen Sprache erfüllen. „Dies deutet darauf hin, dass der Mensch in seiner Fähigkeit, Rufarten auf komplexe Weise zu kombinieren, nicht so einzigartig ist, wie wir einst dachten“, wird Berthet in dem Statement zitiert.
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„Sprache“ der Menschen und Bonobos hat gemeinsame Wurzel
Die Studie könnte damit auch eine Bedeutung für den mehrere Millionen Jahre zurückliegenden Ursprung der menschlichen Sprache habe. „Da Menschen und Bonobos vor etwa 7 bis 13 Millionen Jahren einen gemeinsamen Vorfahren hatten, teilen sie viele Merkmale, und es scheint, dass die Kompositionalität wahrscheinlich eine davon ist“, erklärt Harvard-Professor Martin Surbeck, ein Co-Autor der Studie.
„Unsere Studie legt daher nahe, dass unsere Vorfahren Kompositionalität bereits vor mindestens 7 Millionen Jahren, wenn nicht sogar schon früher, umfassend nutzten“, ergänzt Townsend. Die Ergebnisse würden zudem darauf hindeuten, dass die Fähigkeit, komplexe Bedeutungen aus kleineren vokalen Einheiten zu konstruieren, schon lange vor der Entstehung der menschlichen Sprache existierte.









