Die Indus-Schrift gehört zu den größten ungelösten Rätseln der Archäologie. Seit ihrer Entdeckung im 19. Jahrhundert in der damaligen indischen Provinz Pandschab gibt sie Rätsel auf – kein Forscher konnte sie bisher entziffern.

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Nun setzt die Regierung des südindischen Bundesstaates Tamil Nadu einen außergewöhnlichen Anreiz: Eine Million US-Dollar (rund 960.000 Euro) Belohnung winken demjenigen, der den Code der jahrtausendealten Schrift knackt. Dies berichten indische Medien übereinstimmend.

Archäologie: Ein untergegangenes Reich und seine rätselhafte Schrift

Die Indus-Kultur, auch Harappa-Kultur genannt, war eine der ersten Hochkulturen der Menschheitsgeschichte. Vor etwa 5300 Jahren war ihr Einflussgebiet größer als Ägypten und Mesopotamien zusammen. Ihre Städte, darunter das beeindruckende Mohenjo-Daro im heutigen Pakistan, waren architektonische Meisterwerke mit befestigten Straßen, fortschrittlichen Entwässerungssystemen und einer ausgeklügelten Infrastruktur. Ihre Händler trieben regen Handel mit dem Nahen Osten und exportierten Kupfer, Elfenbein und Gewürze.

Doch um 1800 v. Chr. brach diese blühende Zivilisation aus unerklärlichen Gründen zusammen. Was blieb, waren Tausende von Steinsiegeln und Keramikscherben mit rätselhafte Zeichen. Sie könnten wertvolle Einblicke in das Leben, die Wirtschaft und den plötzlichen Untergang der Indus-Kultur geben – doch ihre Bedeutung ist bis heute unklar.

Seit der britische Archäologe Alexander Cunningham 1875 in Harappa das erste Indus-Siegel entdeckte, versuchen Forscher vergeblich, den Code der Schrift zu entschlüsseln.

Geheimnisvolle Indus-Schrift: Einhorn-Siegel gibt Forschern Rätsel auf
1875 entdeckte der britische Archäologe Sir Alexander Cunningham in Harappa das erste bekannte Siegel mit der rätselhaften Indusschrift. Es zeigte einen Stier, zwei Sterne und sechs unbekannte Zeichen.© Metropolitan Museum of Art/Creative Commons CCO 1.0 | Metropolitan Museum of Art/Creative Commons CCO 1.0

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Warum ist die Indus-Schrift so schwer zu entziffern?

Das größte Hindernis bei der Entzifferung der Indus-Schrift ist der Mangel an Vergleichsmaterial. Während für das altägyptische Alphabet Millionen von Wörtern in Hieroglyphen und späteren Schriften zur Verfügung stehen, sind bisher nur etwa 4000 Indus-Inschriften bekannt – und diese bestehen meist nur aus wenigen Zeichen. Zudem gibt es keine zweisprachigen Texte, die als „Schlüssel“ zur Übersetzung dienen könnten, wie es beim ägyptischen Rosetta-Stein der Fall war.

Auch bleibt eine grundsätzliche Unsicherheit: Wie viele Zeichen hat die Indus-Schrift überhaupt? Frühere Forschungen identifizierten rund 400 verschiedene Symbole, andere kamen auf 150, während neuere Untersuchungen mehr als 600 Zeichen katalogisierten. Unklar ist auch, ob es sich um eine Alphabet-, Silben- oder Logographieschrift handelt.

Sicher ist bisher nur, dass es sich wahrscheinlich nicht um heilige Gegenstände handelt, da die Indus-Schrift auf kleinen Keramikstücken und Steinsiegeln gefunden wurde, die offenbar für den Handel verwendet wurden. Außerdem gehen viele Forscher davon aus, dass die Schrift von rechts nach links geschrieben wurde. Doch ohne ein „Übersetzungswerkzeug“ bleibt der endgültige Durchbruch aus.

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Politischer Hintergrund der Millionen-Belohnung

Mit dem Preisgeld will Tamil Nadu nun internationale Forscher zu einem Durchbruch bei der Entzifferung der Indus-Schrift bewegen. Wie die „New York Times“ berichtet, geht es dabei allerdings nicht nur um die Harappan-Schrift selbst – sondern auch um eine tief verwurzelte ideologische Debatte in Indien.

Im Zentrum steht die Frage nach den Ureinwohnern des indischen Subkontinents. Hindu-Nationalisten, unterstützt von der Partei des indischen Premierministers Narendra Modi, sehen die vedische Zivilisation als Ursprung der indischen Kultur und vermuten, dass die Indus-Schrift mit einer indoarischen Hochkultur in Verbindung steht.

Eine gegenteilige Theorie vertritt der Regierungschef von Tamil Nadu, M.K. Stalin. Er argumentiert, dass nicht die Indoarier, sondern die Draviden die Ureinwohner Indiens waren. Tamil Nadu gilt als Zentrum der dravidischen Kultur, und Stalin vermutet, dass die Indus-Schrift mit der tamilischen Sprache verwandt ist. Sollte sich dies bestätigen, würde es die Theorie stützen, dass die Draviden die ersten Hochkulturen Indiens gegründet haben – und nicht die später eingewanderten indoarischen Völker.

Die Entzifferung der Indus-Schrift könnte also nicht nur Licht in eine der größten archäologischen Fragen der Welt bringen – sondern auch eine neue Debatte über die Wurzeln Indiens entfachen.