Von Berlin nach Jerusalem mit Pferd und Kutsche? Das klingt verrückt. „Ja, das ist sogar total verrückt“, sagt Pfarrer Helmut Kautz über seine „Friedensglocken-Aktion“. 4800 Kilometer durch zum Teil unwegsames Gebiet, durch Krisen- wie Kriegsgebiete, mit an Bord eine 60 Kilo schwere aus Kriegsschrott gefertigte Glocke – das hört sich so abgefahren wie gefährlich an. Vieles ist noch ungewiss, aber die Eckpunkte stehen fest. Start war der 8. Mai am Brandenburger Tor. Ankunft soll der 25. Dezember in Jerusalem sein. Ein Abenteuer XXL.

Jeden 2. Sonntag
Ein FUNKE Liebe
Alle zwei Wochen sonntags: Antworten auf Beziehungsfragen – ehrlich, nah und alltagstauglich.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Kautz (53), gelernter Dachdecker, seit 2021 evangelischer Pfarrer von Meyenburg und Prior vom Stift „Marienfließ“ in der Prignitz, habe all denen, die von einem Himmelfahrtskommando sprachen, ins Gesicht gelächelt und gesagt: „Ach, ich bin in der ehemaligen DDR aufgewachsen. Auf einer Kolchose erhielt ich auch Erfahrung mit Gespannpferden – und mit dem Schwarzhandel“. Obwohl der Pfarrer mit seinem aufmunternden Lachen wie ein geborener Optimist wirkt, hat er eine der Bibel entliehene ernste Botschaft: „Jaget dem Frieden nach.“

Manchmal sei das Lachen aber auch schwierig gewesen. Fünf Jahre lang wurde geplant, hin- und herüberlegt. „Zuletzt hat die Begeisterung dann doch spürbar nachgelassen“, so Kautz. „Vor allem auch wegen der kriegerischen Zustände im Ankunftsland und den Nachbarstaaten sowie des russischen Überfalls auf die Ukraine.“
Eigentlich wollten sie sich mit zehn Fuhrwerken am Brandenburger Tor aufstellen, aber dann sind nur sechs übrig geblieben, mit 30 Teilnehmern und eskortiert von rund 50 Reitern. Nach der Zusammenkunft ist Abmarsch der kleinen Kolonne, die sich durch elf Länder ins „Gelobte Land“ begibt. „Ein Abenteuer, bei dem keiner weiß, wie es ausgeht“, sagt der Pfarrer.
Lesen Sie auch
Per Kutsche nach Israel: Zug hat eine Länge von 25 Metern
Hinzu kommen noch reichlich Begleitfahrzeuge, Privatfahrzeuge, aber auch Pferdetransporter. Auch einen Verpflegungsdienst mit Küchenwagen hat das Team um Helmut Kautz organisiert. Der ganze Tross, der von Friedens- und Pferdefreunden aus ganz Deutschland getragen wird, habe eine Länge von etwa 25 Metern. „Das ist schon was, wenn wir da durch die Dörfer ziehen.“

Die Organisation sei immens gewesen: Tierärzte müssten bei Bedarf kontaktiert werden. Da sei alles organisiert. „Sie stehen bei Anruf bereit wie auch Schmiede.“ 25 km wollen sie pro Tag schaffen. Geplant sind Übernachtungen an etwa 200 Stationen. Das könnte alles noch ganz schön chaotisch werden. Auch weil man ja nicht wisse, ob wirklich alle Routen zu befahren seien. Noch sei nicht klar, ob man bis Israel über Land fahren kann.
Auch interessant
Die Kutschen übrigens sind ihr ganzer Stolz: Alle sind eigens angefertigt. „Sie wurden ganz individuell geplant. Und manche sind richtig komfortabel. Man kann bequem kochen und übernachten.“ Und was sind das für Pferde? Kautz: „Ganz unterschiedlich. Wir haben Shetland Ponys, leichte Kaltblutpferde, aber auch schwere Warmblutpferde dabei.“
Kautz, verheiratet und vier Kinder, ist als Begleitperson ohne Kutsche und Pferd dabei. Wie auch viele andere. Ob mit Pferd oder per Rad oder zu Fuß, das sei ganz egal. Manche stoßen ein paar Tage dazu, manche auch länger. „Aber es hat ja nicht jeder gleich ein halbes Jahr Urlaub.“
Wer teilnimmt, muss zwischen 50.000 und 100.000 Euro investieren
Ein bisschen mulmig sei wohl jedem bei dem Unterfangen. Aber man setze auf Gott, auf eine dynamische Planung in ständigem Abgleich also mit den gesammelten lokalen Informationen, so Kautz. Er will erstmal eine Woche pro Monat mitfahren. Dann von Oktober bis Dezember die ganz Zeit dabei sein. Die Situation der dann erreichten Länder wird die Anwesenheit des „Chefs“ unabdinglich machen, meint er.
- Geschichte: Israel als Heimat für alle Juden – Was ist Zionismus?
- Israels Armee: Was ist die IDF? Wie funktioniert sie?
- Vorteile im Gefecht: Darum tragen Israels Soldaten eine einzigartige Tarnhaube
- Raketen-Abwehr: Wie effektiv ist Israels Schutzschild „Iron Dome“?
- Nukleare Abschreckung: Atommacht Israel im Krieg: Droht jetzt die Eskalation?
Aufwändig sei es, ja, keine Frage. Und teuer: „Wer mit Pferden teilnehme, muss zwischen 50.000 und 100.000 Euro investieren. Jeder Teilnehmer zahlt 50 Euro pro Kopf und Tag.“ Die Kosten machen ihm natürlich Kopfzerbrechen. „Für die Tour belaufen sie sich auf bisher schätzungsweise 1,2 Millionen Euro“, so Kautz.
Es sei schwer gewesen, Unterstützer zu finden. „Wenn wir gesagt hätten, wir machen ein Kutschen-Wettrennen, dann hätten wir schnell Sponsoren gefunden. Aber nicht, wenn man sagt, wir wollen ein Zeichen für Frieden und Völkerverständigung setzen.“ Und sie könnten immer noch Hilfe gebrauchen. „Wir benötigen noch 160.000 Euro, um die laufenden Kosten für den Treck zu decken für Futter, Kraftstoff, Hufbeschlag, Rückflug der Pferde und so weiter.“ Außerdem hoffen sie darauf, „dass 640 Menschen eine Kilometerpatenschaft von je 250 Euro übernehmen und so das Projekt unterstützen“.
Fahrt geht durch elf Länder: Keiner weiß, wie sicher die Lage ist
Auch die Strecke lässt ihn bisweilen grübeln: Sie ist geplant durch Deutschland, Tschechien, Österreich, Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Türkei, Syrien, Jordanien. „Natürlich gibt es in Zeiten wie diesen immer verantwortungsvolle Planungen für Alternativen. Aber keiner weiß, wie die sicherheitspolitische Lage im September ist.“

Dass das kein Familienausflug ist, sondern durch Krisengebiete führt, sei allen klar. Damit es überhaupt machbar sein wird, sei Verständigung alles. „Man braucht immer einen, der dolmetscht. Überall kennen die Pferdeleute andere Pferdeleute. Es geht sehr viel über informelle Schienen. Auch über die religiöse Ebene werden viele Kontakte geknüpft.“
Lesen Sie auch: Von der Tann & Co. – Deshalb berichten Frauen anders über Krieg
Wie, um Himmels Willen, kam der Herr Pfarrer überhaupt auf die Idee, den Friedensglockenverein zu gründen? Es kam so: Nach einer Art Probefahrt im Jahr 2018, als eine Fuhrwerk-Truppe bereits 2800 km nach Russland kutschiert war, wurde die Friedensmission geboren. „Wir sind nach Nowgorod gefahren, das 1943 von deutschen Truppen völlig zerstört wurde. Als wir dort eintrafen, sagte eine Frau zu uns: Wenn die Deutschen mit Pferden kommen, ist es gut. Pferde bringen den Frieden‘.“ Für Kautz war es eine Art Erweckung. „Da war ich bereit, Lebenszeit zu investieren – und mich verspotten zu lassen“, sagt er und lacht wieder dieses Optimisten-Lachen.
Bald stand fest: Es soll nach Jerusalem gehen. Und zwar mit einer aus Kriegsschrott gefertigten Friedensglocke. „Der Schrott aus dem Zweiten Weltkrieg zum Gießen einer Glocke lag ja damals praktisch vor den Häusern der Menschen, er musste nur noch gesammelt werden.“
Fahrt für Frieden und Respekt: „Dafür ist kein Weg zu weit“
Was müssen das für Typen sein, die sich auf so ein Wagnis einlassen, fragt man sich. Kautz zählt auf: Ärztin, Zimmermänner, Rentner, Kraftfahrer und die Krankenschwester Christina Barth-Bußmann. „Sie nahm zusätzlich einen Job in einem anderen Krankenhaus an, um sich das Abenteuer über einen so langen Zeitraum überhaupt leisten zu können“, erzählt Kautz. Sie ist es auch, die mit ihren vier vorgespannten Shetlandponys nach Jerusalem fährt.
Auch interessant
Dass die Aktion lebensgefährlich werden kann? Kautz lässt sich von seinem Optimismus nicht abbringen und hofft, dass das Gute im Menschen siegt und Hilfe angeboten wird: „Überall braucht man Leute, mit denen wir reden und unsere Dankbarkeit zeigen können. Aber auch nach Übernachtungsmöglichkeiten fragen können.“ Selbst draußen kann man sich ja nicht einfach auf eine Wiese stellen. „Im Idealfall ruft man ein paar Tage, bevor man in einen Ort einfährt, die Stadtverwaltung an und fragt den Bürgermeister, ob er eine Möglichkeit sieht. Zum Beispiel eine Übernachtung in den Feuerwehr-Räumlichkeiten. Da wäre dann ja auch auf jeden Fall schon mal Wasser vorhanden.“
Natürlich sei er aufgeregt. Aber er habe das Ziel klar vor Augen: „Am 24. Dezember wollen wir in Bethlehem sein. Und am 25. Dezember in Jerusalem einfahren.“ Die Friedensglocke werde dann zum letzten Mal bei ihnen läuten. Feierlich wird sie der „Hand-in Hand-Schule“ in Jerusalem übergeben. „Dort, wo Kinder aus muslimischen, jüdischen und christlichen Familien miteinander leben, lernen und aufwachsen“, so Kautz. Ein Glockengeläut für Frieden und Respekt. Dafür sei kein Weg zu weit.
Wenn Sie im Rahmen einer Kilometerpatenschaft für die Aktion spenden möchten, finden Sie alle Informationen unter https://kilometerpate.de. Weitere Details zur Aktion lesen Sie unter https://friedenstreck.de/friedenstreck-2025/.









