ein bescheidenes Haus mit zerstörtem Dach, die herabgefallenen Ziegel haben den Kleinwagen im gepflegten Vorgarten verbeult. Sieht so der Auslöser für den NATO-Bündnisfall aus?
Der Drohnenvorfall in Polen, sieben Autostunden von der deutschen Grenze entfernt, ist das Topthema heute in der Hauptstadt und beschäftigt nicht nur die Sicherheitspolitiker. „Kann es jetzt Krieg geben?“, fragte mich am frühen Morgen mein mittlerer Sohn, der gerade 18 Jahre alt geworden ist. Ein Alter, in dem ich als Wehrpflichtiger bei der Luftwaffe im Kalten Krieg lernen musste, an welchen Umrissen man die Kampfbomber der UdSSR am Himmel erkennen kann.

Der Vorfall taugt nicht zur Panikmache, aber er ist wichtig für eine klare Fokussierung: Es gibt eine Bedrohung, für die das westliche NATO-Bündnis geschaffen wurde. Nur wenn es jetzt eisern zusammensteht, wird aus einer unverantwortlichen Provokation kein gezielter Angriff.
Die gute Nachricht in der schlechten Nachricht ist: Die NATO hat gut funktioniert und den Anflug der „Shahed“-Drohnen, die mit ihren Deltaflügeln ein billiges, aber effektives Einwegflugobjekt sind, massiv pariert. Polnische, niederländische und italienische Kampfjets waren im Einsatz, die Luftraumüberwachung mit AWACS-Spezialflugzeugen hat funktioniert und deutsche Patriot-Flugabwehrsysteme waren bereit. Die deutschen Eurofighter waren wohl zufällig nicht im Einsatz-Intervall, so klang es jedenfalls heute beim Verteidigungsminister.
War es ein Test der Russen, wofür die Flugkoordinaten der Drohnen sprechen, hat ihn das Bündnis gut bestanden. Mein Kollege Christian Kerl beantwortet hier alle Fragen zu einem Angriff, der Konsequenzen haben muss.
Kanzler telefoniert mit dem Emir

Klare Worte fand der Kanzler in Berlin zu einem anderen Angriff, der am Horn von Afrika gestern Tote forderte. „Inakzeptabel“ sei der Angriff der israelischen Luftwaffe auf das souveräne Katar. Friedrich Merz ist schon länger genervt vom Vorgehen des israelischen Regierungschefs und der Ton zwischen Friedrich Merz und Benjamin Netanjahu wird zunehmend eisig, wie ich höre.
Der deutsche Kanzler ist mit seiner Kritik nicht alleine. Nicht nur in der ganzen Welt, sogar auch in Israel ist der Angriff auf katarisches Staatsgebiet hochumstritten. Der Angriff in Doha zähle „zu den gefährlichsten, unnötigsten und schädlichsten Militäroperationen, die Israel jemals durchgeführt“ habe, schreibt die Tageszeitung „Ha’aretz“ in ihrem Leitartikel und nennt den Angriff ein „Todesurteil“ für die letzten Geiseln.

Friedrich Merz beließ es nicht bei der öffentlichen Kritik an der israelischen Regierung, sondern griff auch zum Telefon, um den Emir von Katar zu sprechen. Der Kanzler beklagte in dem Gespräch mit Tamim bin Hamad Al Thani die Verletzung der Souveränität Katars.
Der Scheich ist nicht nur Staatsoberhaupt, sondern auch Oberbefehlshaber der katarischen Armee und bestellt fleißig teure Waffensysteme „Made in Germany“. In Katar rollen nicht nur deutsche Leopard-Panzer, sondern seit 2020 auch Gepard-Flugabwehrpanzer und mobile Radarsysteme für die Artillerie. Das Gespräch war also auch ein Stück weit Kundenpflege. Ob es in dem Telefonat auch um die umstrittene Unterstützung Katars der Hamas ging, ist nicht bekannt. Unsere Nahost-Korrespondentin Maria Sterkl ging jetzt der Frage nach, was der Angriff Israel militärisch wirklich gebracht hat.
Hin und Her nervt Autokäufer

Nicht in der Hauptstadt, aber in München dreht sich derzeit alles um das Auto. Die Chefs der deutschen Automobilbranche präsentierten umzingelt von einer sehr wahrnehmbaren chinesischen Konkurrenz ihre neuesten Karossen, darunter viele teure High-Tech-Stromer. Beide Unionschefs – Kanzler Merz und Ministerpräsident Söder – versprachen der gebeutelten Automobilbranche mehr Unterstützung.
Man darf gespannt sein, was daraus folgt. Wegen schwerer Wettbewerbsnachteile streicht die deutsche Automobilwirtschaft weiter Arbeitsplätze oder verlagert sie ins Ausland. Unterstützung brauchte übrigens auch Mercedes-Boss Källenius, der dem Kanzler das Innere des neuen GLC zeigen wollte und dem es vor laufenden Kameras nicht gelang, die vordere Haube zu entriegeln.
Viele Konsumentinnen und Konsumenten würden sich ja gerne ein neues Auto kaufen, sind aber vom politischen Schlingerkurs Elektro vs. Verbrenner und durch erratische Kürzungen bei der Förderung total verunsichert. Warum das so schief läuft, haben meine Kollegen Theresa Martus und Jan Dörner in einem lesenswerten Stück analysiert.
Anton Hofreiter schwang die Machete

Ausführlich zu Wort kam dieser Tage ein Politiker, der als Grüner zum besten Kenner von Panzern und Raketen mutierte: Anton Hofreiter, bayerischer Politiker mit Erkennungszeichen „Matte“ und glühender Unterstützer von Waffenlieferungen an die Ukraine. Er sei nie Pazifist gewesen, berichtete er Jochen Gaugele und Julia Emmrich im Podcast „Meine schwerste Entscheidung“ und erzählte stolz, wie er mit einer Machete bewaffnet als junger Biologiestudent im Südamerika-Exkurs seine Kamera verteidigte. Das und das Geheimnis seiner ungleichen Beine, hören Sie ab morgen früh überall dort, wo es Podcasts gibt.
Ein Genscher bauchfrei auf Insta?

Haben Sie auch das zweite Baerbock-Video aus New York gesehen? Wir dürfen uns offenbar auf eine neue Serie freuen und ich habe mir nach langer Debatte in unserer Redaktion so meine Gedanken gemacht und mich gefragt, warum ich persönlich mit solchen Videos hadere. Ich habe es herausgefunden: Wenn es stimmt, dass Politikerinnen und Politiker diese Art der optischen Selbstinszenierung heute brauchen, um junge Wähler zu gewinnen, dann frage ich mich ernsthaft: Hätten die alten Titanen der Politik heute überhaupt eine Chance gehabt?
Der „Alte“ Konrad Adenauer mit seinem Faltengesicht und dem kölschen Singsang? Der dicke Wirtschaftswunder-Minister Ludwig Erhardt, der hinter dem Dampf seiner geliebten Zigarre nicht zu sehen gewesen wäre? Genscher bauchfrei in New York? Oder Helmut Kohl, der Kanzler der Einheit, der nicht nur lispelte, sondern auch „Pälzisch“ schwätzte und am liebsten Strickjacke trug? Rita Süssmuth, mit ihrem praktischen Kurzhaarschnitt und dem pastoralen Ton?
Deren „Insta“-Videos hätten es heute unendlich schwer und ich hoffe sehr, dass auch die Jungen im Social-Media-Fieber erkennen: Es kommt in der Politik nicht nur auf Coolness und Aussehen, sondern vor allem auf die Inhalte an.
Mit diesen altklugen Gedanken schließe ich und wünsche Ihnen eine erfolgreiche Restwoche, bis Freitag!
Herzlich, Ihr
Jörg Quoos
Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion


