Er stellt sich gern zur Schau. Er geriert sich als Rock-Messias mit pompöser Geste. Er versteht es, größte Menschenmassen für sich einzunehmen. Jared Leto ist einerseits Schauspieler, der sich für seine Rolle an der Seite von Matthew McConaughey im Film „Dallas Buyers Club“ Hoffnung auf einen Oscar als bester Nebendarsteller machen darf. Einen Golden Globe hat er dafür schon bekommen.

Andererseits ist der 42-Jährige aber auch ein Rockmusiker, der sich mit seiner Band Thirty Seconds To Mars in den vergangenen 15 Jahren mit gerade mal vier Alben an die Spitze des amerikanischen Stadionrock gesungen hat. Und der sich einer hörigen Fangemeinde sicher sein kann, die ihm auf rauschhafte Weise huldigt. So auch am Dienstagabend in der mit mehr als 7000 Besuchern gefüllten O2 World.

Thirty Seconds To Mars sind eine ausgebuffte Showband. Sie inszenieren sich als ein bombastisches Gesamtkunstwerk. Sie nutzen eine exzellente, ausgefeilte Licht-, Ton- und Bühnentechnik, die für Staunen sorgt, Euphorie provoziert und gekonnt das zeitweilige musikalische Mittelmaß auf hohem Niveau übertüncht. Der Song „Birth“ steht am Anfang des aktuellen Albums „Love Lust Faith + Dreams“. Der Song „Birth“ steht nun auch am Anfang des Konzerts, das mit "Night of the Hunter" langsam, aber stetig auf Touren kommt.

Als der Vorhang mit dem Bandlogo, das ein wenig wie das stilisierte A einer deutschen Supermarktkette wirkt, zu Boden fällt, greifen gleißende Lichtfinger durch düsterblaues Bühnenlicht. Elektrosounds und wummernde Trommeln legen den Teppich aus für Jared Leto, der mit aufbrausendem Jubel empfangen wird. Er stellt sich in Pose. Er reckt die Faust Richtung Himmel. „I will save you from yourself“ singt er. Er scheint vor Pathos zu vibrieren. Sein Bruder Shannon Leto thont zur Rechten auf seinem Schlagzeugpodest, zur Linken besorgt Gitarrist und Keyboarder Tomislav Milicevic den Rest. Ein Bassist im Hintergrund komplettiert die Live-Besetzung.

Kiloweise Konfetti, Nebelfontänen und mehr als 99 bunte Luftballons sorgen für Augenfutter und Thirty Seconds To Mars spielen sich durch jede Menge neue Stücke und ältere Titel, die die Zeit überdauert haben. Der konsequente Verzicht auf Videowände macht es in den hinteren Reihen freilich etwas schwer, dem Geschehen auf der Bühne zu folgen. Der Sound ist perfekt, ziemlich basslastig und die Musik erinnert immer wieder an eine spacige Variante von U2, mit einkalkulierten Nischen, die erfolgreich zum Mitsingen und Mitklatschen animieren.

„I wanna see you jump!“

„This Is War“ lässt er die Menge skandieren. „City of Angels“ gibt es in einem Handy-Lichtermeer. Und auch eine akustische Einlage mitten in der Halle mit einer Ballade, die er, wie er betont, einst in Berlin geschrieben hat. Dabei erweist sich Jared Leto als charismatischer Entertainer, der immer ganz nah ans Publikum geht, der zwischen den Stücken munter plaudert, andauernd "I wanna see you jump!" und „Make some noise!“ und "Scream!" einfordert und seinen treuen Fans Lob und Dank zollt.

Gern holt Leto Fans auf die Bühne. Er lässt sich deutsche Worte beibringen. Er erzählt allen, die es noch nicht wussten, dass er für einen Oscar nominiert ist. Er schwärmt von Berlin. Und er begrüßt das Moderatoren-Duo Joko und Klaas im Publikum und lässt die beiden bejubeln. Klaas darf später sogar mit der Band Schlagzeug spielen.

Es ist schon faszinierend, wie diese eher schlichten Songs durch die imposante Hochglanzshowverpackung aufgewertet werden. Und wie ihnen Jared Leto durch sein professionelles Auftreten für einen Moment Gewicht und Tiefe verleiht. Er ist ein gewiefter Popmagier, der es versteht, die Illusion eines großen Konzertabends heraufzubeschwören. Mit „Closer To The Edge“ geht es nach gut 80 Minuten in die Zielgerade. Aber da sind ja noch die Zugaben. Bei "Bright Lights" darf Klaas tatsächlich ans Schlagzeug. Und versagt kläglich. Okay, soll komisch sein. Die Band verlässt die Bühne. Kehrt aber natürlich noch mal zurück. Die Fans haben den Boden der Realität längst verlassen. Oder sind inzwischen bei Jared Leto auf der Bühne. Der Jubel ist von geradezu unheimlicher Wucht.