Manchmal habe ich das Gefühl, ich wohne in einem Geisterhaus. Also nicht, dass es leer ist, hier wohnen schon Menschen. Ich sehe sie hinter den gegenüberliegenden Fenstern, begegne ihnen im Treppenhaus und im Innenhof, wo sie ihre Fahrräder anschließen, ihre Babys in den Kinderwagen legen und ganz unauffällig nett grüßen.
Trotzdem frage ich mich, ob die wirklich echt sind. Aus Fleisch und Blut und mit zwei Ohren. Denn anscheinend bin ich die Einzige, die etwas hört. Was ich mir eigentlich nicht vorstellen kann, denn von den Techno-Partys, die der Nachbarn von schräg rechts oben regelmäßig veranstaltet, müssten alle gehört haben. Ebenso von den Sit-ins der Nachbarin gegenüber im Erdgeschoss. Es gibt ja kaum etwas, das in einem Innenhof besser hallt als schrilles Frauenlachen.
Und dann sind da noch die beiden Ferienwohnungen. Ich muss Ihnen sicher nicht erklären, dass eine Gruppe Spanier an einem Berlin-Wochenende nicht unbedingt auf die Idee kommt, flüsternd und mit zimmerlautstarker Musik bei einem Glas Ingwerwasser in der Küche zu sitzen und die Haustür jedes Mal vorsichtig ran zu drücken.
Verstehe ich auch alles. Was ich nicht verstehe: Warum bin ich scheinbar die Einzige, die nicht schlafen kann? Noch nie habe ich mitbekommen, dass jemand aus dem Fenster geguckt hat, woher der Lärm kommt, geschweige denn, nach Ruhe gebrüllt, mit der Faust an eine Partytür geklopft oder die Polizei gerufen hat.
Es gibt dafür eigentlich nur drei Erklärungen. Erstens: In meinem Haus wohnen ausschließlich echte Prenzlauer Berger, die den ganzen Tag so viel Yoga gemacht haben, dass sie nachts im Takt der Musik atmen und eins mit dem Bass werden können. Zweitens: Es sind echte Schwaben, die sich nicht trauen, etwas zu sagen, weil sie Angst haben, dass dann jemand etwas Gemeines an ihre Haustür sprayt. Drittens: Es sind echte Klischee-Berliner, die nachts alles machen, nur nicht: versuchen zu schlafen. Vielleicht sind die auch alle gemeinsam auf der jeweiligen Party, nur ich bin nicht eingeladen.
Na toll, jetzt werde ich mich das nächste Mal wieder nicht trauen, als einzige zu klingeln und um Ruhe zu bitten. Die würden doch dann denken, sie hätten einen Geist gesehen.



