Bei ihrem Überraschungsbesuch in Afghanistan hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf bestehende Risiken hinsichtlich des geplanten Abzugs der Bundeswehr aus dem Land hingewiesen. Der Versöhnungsprozess mit Aufständischen wie den radikalislamischen Taliban habe zwar Fortschritte gemacht, doch erlaube dies derzeit noch keinen Abzug, sagte Merkel im deutschen Feldlager im nordafghanischen Masar-i-Scharif.

Deshalb könne sie auch „noch nicht sagen“, ob der Abzug bis zum Jahr 2014 zu schaffen sei. „Der Wille ist da, wir wollen das schaffen, und daran wird gearbeitet“, sagte Merkel.

Die Schließung des deutschen zivil-militärischen Wiederaufbauteams in Feisabad im Oktober werde ein Test: „Dann werden die afghanischen Kräfte dort ganz alleine die Verantwortung haben. Und gleichzeitig wollen wir die zivile Aufbauarbeit dort natürlich fortsetzen.“ Es werde sich dann zeigen, „ob diese Übergabe in Verantwortung auch wirklich klappt“, sagte die Kanzlerin.

Die Kanzlerin war am Morgen zu einem unangekündigten Kurzbesuch nach Afghanistan gereist. In Masar-i-Scharif informierte sie sich über den Einsatz der Bundeswehr und gedachte am Ehrenhain der 52 bislang in Afghanistan getöteten deutschen Soldaten.

Von Masar-i-Scharif aus telefonierte Merkel auch mit Präsident Hamid Karsai. Dabei drückte sie dem Präsidenten ihr persönliches Beileid und das der deutschen Bevölkerung anlässlich der „schrecklichen Tat des US-Soldaten“ aus.

Merkel sagte: „Ich habe heute mit Präsident Karsai von Masar-i-Scharif aus gesprochen und ihm auch nochmal mein Mitgefühl für den gestrigen Amoklauf deutlich gemacht.“ Der Amerikaner hatte in der Nacht zu Sonntag nach afghanischen Regierungsangaben 16 Zivilisten ermordet , darunter neun Kinder.

Merkel sicherte Karsai nach Angaben des Regierungssprechers Steffen Seibert zu, die Internationale Schutztruppe Isaf werde alles unternehmen, um die Umstände der Tat aufzuklären.

Merkel sagte, Karsai habe in dem Telefonat „noch einmal betont, dass die Leistung der deutschen Soldaten im Rahmen von Isaf außerordentlich geschätzt wird“. Das gelte besonders in der Kombination mit dem zivilen Wiederaufbau. Karsai habe sie gebeten, „das den deutschen Soldaten hier auszurichten“.

Der Deutsche Bundeswehrverband begrüßte Merkels abzugskritische Worte. „Ich bin immer skeptisch gewesen, was das Datum 2014 betrifft“, sagte Verbandschef Oberst Ulrich Kirsch dem Nachrichtensender N24. Kirsch bekräftigte seine Forderung, den schrittweisen Abzug der Bundeswehr mit Augenmaß zu gestalten. „Denn diejenigen, die heute sehr schnell bereit sind und sagen, raus aus Afghanistan, wären bei Menschenrechtsverletzungen die Ersten, die rufen würden, wieder rein nach Afghanistan.“

dpa/AFP/dapd/ks