Afghanistan

Merkel stiftet Verwirrung um den Abzugstermin

| Lesedauer: 4 Minuten

Ziehen die internationalen Truppen 2014 aus Afghanistan ab? Ja, sagt Bundeskanzlerin Merkel jetzt. Wenige Stunden zuvor hatte das noch anders geklungen.

Deutschland hält trotz der heiklen Sicherheitslage am international vereinbarten Truppenabzug aus Afghanistan bis Ende 2014 fest. Kanzlerin Angela Merkel habe diesen Termin bei ihrem Besuch der deutschen Soldaten am Hindukusch „ausdrücklich nicht infrage gestellt“, hieß es aus Regierungskreisen in Berlin. Merkel habe lediglich darauf hinweisen wollen, dass es sich um einen „schwierigen Prozess“ handle.

Auch Merkel betonte: „2014 ist der Abzugstermin. Wir sind jetzt schon in der Phase der Übergabe in Verantwortung.“ Der Abzugstermin sei international vereinbart worden, zuletzt auf der Afghanistan-Konferenz in Bonn Ende vergangenen Jahres. „Wir sind uns einig, dass bis dahin einiges zu tun ist.“

In ersten Äußerungen nach ihrer Ankunft hatte sie zunächst skeptischer geklungen. Merkel hatte bei ihrem Besuch in Masar-i-Scharif gesagt, der politische Versöhnungsprozess mit Aufständischen wie den Taliban habe zwar einige Fortschritte gemacht, er sei aber noch nicht auf einem Stand, bei dem man sagen könne, „wir können heute hier abziehen“. Sie fügte hinzu: „Und deshalb kann ich auch noch nicht sagen, schaffen wir das bis 2013/2014“.

Ende 2014 sollen die internationalen Truppen die Verantwortung für die Sicherheit im Land vollständig an die Armee und Polizei Afghanistans übergeben und ihre Kampfverbände abziehen. Schätzungen zufolge sollen danach bis zu 40.000 Nato-Soldaten als Ausbilder oder Berater der afghanischen Armee am Hindukusch bleiben.

Die Kanzlerin war am frühen Morgen zu einem Überraschungsbesuch bei den deutschen Truppen eingetroffen. Die Sicherheitsvorkehrungen waren sehr hoch – erst in der Nacht zum Sonntag war Afghanistan von einem Amoklauf erschüttert worden. Ein US-Soldat der Nato-geführten Isaf-Truppen hatte offenbar wahllos Zivilisten erschossen, 16 Menschen starben.

Vom Bundeswehr-Feldlager aus telefonierte Merkel am Montag mit Präsident Hamid Karsai. Dabei drückte sie dem Präsidenten ihr persönliches Beileid und das der deutschen Bevölkerung anlässlich der „schrecklichen Tat des US-Soldaten“ aus.

Merkel sagte, Karsai habe in dem Telefonat „noch einmal betont, dass die Leistung der deutschen Soldaten im Rahmen von Isaf außerordentlich geschätzt wird“. Das gelte besonders in der Kombination mit dem zivilen Wiederaufbau. Karsai habe sie gebeten, „das den deutschen Soldaten hier auszurichten“.

Taliban drohen mit Rache

Das Parlament in Kabul erteilte den internationalen Soldaten eine scharfe Warnung. „Die Toleranzgrenze des afghanischen Volkes ist erreicht“, hieß es in einer am Montag verabschiedeten Mitteilung des Unterhauses (Wolesi Dschirga).

Die Taliban kündigten Vergeltung für das Massaker an. „Das Islamische Emirat“ versichere den Hinterbliebenen, „dass es sich an den Invasoren und brutalen Mördern für jeden einzelnen Märtyrer rächen wird“, teilten die Aufständischen auf ihrer Homepage mit.

Die Internationale Schutztruppe Isaf sicherte zu, dass der Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen werde. Das Massaker sei „in seinem dramatischen Ausmaß ein Einzelfall“. US-Präsident Barack Obama hatte sich „tief betrübt“ über den Vorfall gezeigt. „Dieser Zwischenfall ist tragisch und schockierend“, teilte er in Washington mit. Knapp drei Wochen nach den Koranverbrennungen durch US-Soldaten belastete der neuerliche Vorfall das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen Kabul und Washington.

Die „New York Times“ zitierte am Montag in ihrer Online-Ausgabe Dorfbewohner, die sagten, der Unteroffizier sei von Tür zu Tür gegangen und schließlich in drei verschiedene Häuser eingedrungen. Dort habe er seine Opfer getötet und mehrere der Leichen verbrannt, darunter auch die von vier Mädchen im Alter von unter sechs Jahren.

Die „New York Times“ berichtete weiter, der Unteroffizier sei von seiner Basis im Unruhedistrikt Pandschwai aus mehr als eine Meile (1,6 Kilometer) weit zum Tatort gelaufen. Der mutmaßliche Einzeltäter habe sich anschließend ergeben. Bei ihm handele es sich um einen 38-jährigen Feldwebel, der verheiratet sei und zwei Kinder habe. Er sei seit vergangenem Dezember in seinem ersten Afghanistan-Einsatz. Zuvor sei er dreimal im Irak stationiert gewesen.

Nach Isaf-Darstellung handelte es sich bei dem Amokschützen um einen Einzeltäter. Das iranische Unterhaus forderte am Montag von der US-Regierung, „die Täter sobald wie möglich in einem öffentlichen Gericht in Afghanistan unter Beteiligung des afghanischen Volkes zu bestrafen“. Damit solle all jenen eine Lektion erteilt werden, „die das Blut von Afghanen unter irgendeinem Vorwand vergießen“.

( dpa/dapd/Reuters/smb )

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